Abschlussbericht von Luis Eßer

Freiwilliger des BDKJ berichtet aus Líbano

Im Kindergarten (c) privat
Im Kindergarten
Do 12. Sep 2019
Carina Delheit

Liebe Freunde,
liebe Kolumbieninteressierte,

auch wenn es sich in Zeiten, in denen ich mich ab und zu alleine gefühlt habe, zwischenzeitlich gezogen hat: plötzlich ist das Jahr schon vorbei. Ein Jahr, welchem ich sechs Monate entgegen gefiebert habe, in welchem ich tolle Menschen kennengelernt und eine vielfältige und spannende Arbeit durchgeführt habe.

Ich werde sicherlich viel vermissen. Seien es die regelmäßigen Mittagessen mit meinem Chef, das Spielen im Heim und bei CREAMOS mit den Kindern oder Ausflüge mit Freunden. Es war ein so vielfältiges Jahr, dass ich auf die Frage, wie es mir gefallen hat und was ich so gemacht habe, sicherlich erst einmal eine halbe Stunde pausenlos reden müsste, um meinem Gegenüber ein relativ rundes Bild geben zu können.

In meinen letzten zwei Wochen war meine Laune durchgängig sehr getrübt bei dem Gedanken, all die netten Menschen, welche ich kennenlernen durfte, bald verabschieden zu müssen. Bei den Kindern im Heim fiel mir die Verabschiedung besonders schwer. Man war sich über die Zeit so ans Herz gewachsen, dass es sich einfach falsch angefühlt hat, nun nach Deutschland zu fliegen. Eine Vergangenheit wie sie viele der Kinder hatten, wünscht sich niemand und jeder Tag, an dem ich sie lachen sah, hat mir viel gegeben.

Die Erfahrung, eine neue Kultur kennenzulernen war interessant. Dennoch denke ich, dass Kultur im generellen überbewertet wird. Nur weil die Mehrzahl an Personen in einem begrenzten Gebiet bestimmte Gewohnheiten hat oder dieselbe Ernährung, muss man sich immer wieder in den Kopf rufen, dass dies nur ein Teil ist und es eine Menge Personen gibt, die nicht dahinter stehen oder einfach nur ganz anders leben. Mir wird bei dem Thema Kultur zu sehr verallgemeinert.

Das Erlernen der Sprache habe ich vor dem Antritt meines Jahres kolossal unterschätzt und dies hat mich besonders innerhalb der ersten drei Monate gefordert. Eine Stadt, in welcher keiner meiner sozialen Kontakte Deutsch oder Englisch sprach, schränkte vor allem meine Möglichkeiten, vernünftige Gespräche zu führen, ein. Im Nachhinein hätte ich im Vorfeld definitiv mehr für das Erlernen der Sprache getan. Nach einem halben Jahr konnte ich dann aber viel leichter und umfangreicher mit Freunden kommunizieren, was mir auch half, so offen und selbstbewusst wie in Deutschland aufzutreten. Ich fühlte mich nicht länger ausschließlich als Gast, sondern als fester Bestandteil, der dort hingehört.

Trotz meiner Trauer, dass ich Kolumbien nun verlassen muss, freue ich mich besonders, meine Familie und Freunde wiederzusehen. Ich freue mich unglaublich auf bestimmte Gerichte, welche ich nun über ein Jahr nicht mehr gegessen habe, und vor allem, ohne regelmäßige Bedenken im Hinterkopf zu jeder Tages- und Nachtzeit auf die Straße gehen zu können.

In Kolumbien haben Menschen ganz andere Probleme als Leute in Deutschland, aber meiner Erfahrung nach dafür nicht so viele Kleinigkeiten, an denen sie rumnörgeln. Letzeres möchte ich für mich definitiv mitnehmen.

Ich bin der Ansicht, dass ein solcher Freiwilligendienst jedem etwas bringen kann. Nicht nur jedem, der sich entschließt, in ein anderes Land zu reisen, um dort für eine bestimmte Zeit zu arbeiten, sondern auch denen, welche die/den Freiwillige/n in ihrem Land willkommen heißen.

Für mich persönlich war das Jahr eine Bereicherung und ich bin glücklich, sagen zu können, dass ich nicht nur an einem Fleck auf der Erdkugel zuhause bin.

Luis