„Sie sind keine Einheit, sondern eine Vielfalt“

Bischof Dr. Helmut Dieser im Gespräch mit dem Rat des Pastoralen Raums Herzogenrath
Im Rahmen seiner Visitation besuchte Bischof Dr. Helmut Dieser den Rat des Pastoralen Raums Herzogenrath und war zu Gast bei dessen dritter Sitzung. Seit ihrer Wahl im vergangenen Jahr beschäftigen die 16 Mitglieder viele Fragen zu den Aufgaben und der Zusammenarbeit im Rat. Der Pastorale Raum, der rund 20.000 Katholikinnen und Katholiken umfasst und zudem inhaltlich und sozialräumlich sehr unterschiedlich aufgestellt ist, steht noch am Anfang der Kooperation. Er entstand aus den ehemaligen Gemeinschaften der Gemeinden (GdG) Kohlscheid und Herzogenrath/Merkstein und umfasst die Pfarreien St. Willibrord in Merkstein, Christus unser Friede in Kohlscheid, St. Josef in Straß und St. Gertrud in Herzogenrath. Während St. Gertrud ein konservatives Profil pflegt, zeichnet sich St. Josef durch eine lange Tradition ehrenamtlichen Engagements mit Pfarreileitung nach Can. 517 § 2 CIC aus, die 2025 endete. Die Kohlscheider Gemeinden, die sich intensiv mit ihrer GdG-Zusammenarbeit beschäftigten, wurden zudem von der neuen Struktur und dem Tod von Pfarrer Rainer Thoma überrascht. „Deshalb glaube ich, dass die Visitation jetzt genau richtig ist“, betonte der Bischof.
In der Vorstellungsrunde und im Gespräch zeigte sich, dass die Vielfalt des Pastoralen Raums in Herzogenrath viele Diskussionsthemen bietet. Mario Hellebrandt, Gemeindereferent, Mitglied im Vorstand des Rates und Mitglied der Leitung des Pastoralen Raums verglich den Rat mit einem Licht-Prisma: „Ich weiß noch nicht genau, wo das Licht in diesem Rat uns hinführen wird. Ich hoffe, dass es immer gelingt, niemanden im Dunkeln stehen zu lassen. Sich der Buntheit bewusst zu sein, ist auch ganz wichtig“, erläuterte er. Gemeindemitglieder fragen oft: „Wo bleiben wir in den großen Strukturen? Wo finden wir uns wieder?“ Die Mitglieder sorgten sich um die künftige Unterstützung durch Hauptamtliche, da einige bald in den Ruhestand gehen: „Was passiert, wenn ihre wichtige Scharnierfunktion an vielen Stellen der Pastoral wegfällt?“ Ehrenamtlich Engagierte fühlten sich bereits jetzt an vielen Stellen überfordert und fragten sich, wie das zukünftig noch gehen soll. Bischof Dieser erläuterte den aktuellen Stellenplan und ermutigte den Rat, bei neuen Stellenbesetzungen gemeinsam mit der Leitung zu beraten: „Was brauchen wir? Was ist nützlich?“ Daraus soll eine genaue Aufgabenbeschreibung entstehen.
Er beschrieb auch die Vision, wie Christinnen und Christen im Bistum Aachen künftig Kirche sein können in einer völlig sich verändernden Zeit. Eine einfache Kirchenzugehörigkeit sei nicht mehr selbstverständlich. Wichtiger werde die bewusste Zustimmung, katholisch sein zu wollen. „Wir brauchen Menschen, die ihren Weg im Glauben suchen und finden“, sagte er den Ratsmitgliedern. Deshalb braucht es eine unterschiedliche Ausrichtung der Pastoral, die in Herzogenrath gegeben ist. „Sie sind keine Einheit, sondern eine Vielfalt“, betonte der Bischof. „Und Sie dürfen noch vielfältiger werden.“ Wichtig sei, als Rat diese Vielheit kennen und schätzen zu lernen. „Damit Sie umeinander wissen und einander gelten lassen in der Verschiedenheit.“ In diesem Geist und im Vertrauen auf Gottes Führung miteinander umzugehen, um dann als Kirche über sich hinaus für andere interessant zu sein, sei synodales Handeln, welches der Idee dieses synodalen Gremiums entspreche. „Das macht Kirche aus. Dass Menschen für ihr Leben Jesus erkennen und Kirche sein wollen“ erläuterte der Bischof.
Im Pastoralen Raum würden bestimmte Hotspots, Orte von Kirche, entstehen, die die Gläubigen je nach Interessenslage in Anspruch nehmen könnten. Durch gute Vernetzung biete dieses Konzept die Möglichkeit, Bestehendes zu bewahren, Neues zu ermöglichen und dort, wo wenig ist, Chancen zu schaffen. Der Pastorale Raum soll im Nahbereich die Grundvollzüge der Kirche, Gottesdienst und Gebet, Verkündigung und Katechese sowie Nächstenliebe, verlässlich verankern. „Das müssen Sie im Rat gut und einwandfrei miteinander überlegen. Alles kann nicht mehr überall sein, aber bestimmte Angebote können an den Orten bestehen bleiben, an denen es eine gute Tradition gibt oder die gut erreichbar oder eingespielt sind“, sagte der Bischof.
Abschließend ermutigte er die Mitglieder des Rates: „Jedes Mitglied bringt eine andere Prägung mit. Ich spüre Ihre Bereitschaft, diese Unterschiedlichkeit auszuhalten. Das ist anstrengend, aber Sie tun es. Dazu kann ich Ihnen nur gratulieren. Sie finden Gemeinsamkeiten, die Freude machen. Alles, was Sie hier tun, schafft Räume, in denen Gläubige Heimat spüren. Und das ist etwas Echtes.“
„Dass es so viele verschiedene Zugänge zum Glauben gibt, die sich in den einzelnen Ortsteilen unterschiedlich abbilden, ist toll“, fasste Christoph Brepols, der den Abend moderierte, zusammen. Dem Bischof danke er für seine Ermutigung: „Wir müssen uns kennenlernen. Das ist sicherlich nicht einfach. Wir werden Dinge zu regeln haben. Das wird sicherlich auch nicht einfach. Sehr ermutigend ist jedoch Ihre Aussage: Wir dürfen vielfältig sein.“