Rechtspopulistisch und religiös?

aus pax zeit 3/2016 von Sonja Angelika Strube

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Mo 13. Mär 2017
pax christi / Initiative Kirche gegen Rechts

Rechtspopulistische Gruppierungen und Parteien reklamieren nicht nur – unberechtigterweise – für sich, sie verträten die Werte des „christlichen Abendlandes“, wenn sie etwa gegen Muslime oder Flüchtlinge hetzen. Sie gehen auch bewusst und mit Strategie auf konservative Christ/innen, kirchliche Organisationen und Kirchenvertreter zu, um diese für sich zu vereinnahmen. Im Frühjahr dieses Jahres rief die AfD ihre Mitglieder dazu auf, sich in kirchliche Ämter (z.B. Presbyterium, Kirchenvorstand) wählen zu lassen, mit dem Ziel, ihre Positionen in kirchliche Gremien hineinzutragen und die kirchliche Stimmung für die AfD zum Positiven zu wenden. Im Internet besonders aktiv sind die AfD-Politikerin Beatrix von Storch und ihr Ehemann Sven, die mindestens elf verschiedene Internetseiten mit überwiegend selbst gegründeten Vereinen, Instituten, Zeitungen, Petitionsplattform etc. betreiben. Auch extrem rechte Parteien wie Pro- Köln/Pro-NRW gründeten schon vor Jahren Zirkel mit Namen wie „Christen pro Köln“. Unter harmlos klingenden Namen wie „Besorgte Eltern“ organisieren NPD-nahe Gruppierungen wie die „Bürgerinitiative Ausländerstop“ oder Aktivisten des Arminiusbundes Kundgebungen.

Vermeintlicher „Familienschutz“

Vornehmlich mit zwei Themenbereichen versuchen rechtspopulistische Akteur/innen, möglichst viele (gerade auch bürgerlich-kirchliche) Menschen zu emotionalisieren, Vorbehalte und Ängste zu schüren und diese dann politisch für sich zu nutzen: Zum einen ist es Islamfeindlichkeit, häufig verbunden mit dem Thema „Christenverfolgungen“, zum anderen ist es  vermeintlicher „Familienschutz“, der Regenbogenfamilien ebenso wie homo-, trans- und intersexuelle Menschen abwertet; oft damit verbunden ist das Thema „Lebensschutz“.

Neben Andockmanövern von politisch Rechts gibt es auch langjährige Kooperationen bestimmter christlicher Gruppierungen mit rechtspopulistischen Medien und Parteien, die so eng sind, dass dort extrem konservativ-christliches Selbstverständnis und rechtspopulistische politische Einstellungen miteinander verschmelzen. Sich als christlich verstehende, meist private Medien betreiben Positivberichterstattung über Medien der Intellektuellen Neuen Rechten (z. B. „Junge Freiheit“), rechtspopulistische Parteien (AfD, FPÖ) oder gar über die extrem islamfeindliche Szene (Webseite „Politically Incorrect“).

Wie weitgehend bestimmte extrem rigide autoritäre Frömmigkeitsstile mit rechtsextremen Einstellungen verschmelzen können, zeigte sich bis Dezember 2012 in besonders krasser Weise auf der anonym betriebenen Internetseite „kreuz.net“, deren unverhohlen rechtsextreme Hetze und extremer Antisemitismus zum Teil die Straftatbestände der  Holocaustleugnung und Volksverhetzung erfüllten.

Was tun gegen Andockmanöver und Vernetzungen?

Beobachtungen wie diese zeigen, dass Christ/innen und Kirchen herausgefordert sind, auf zwei Ebenen gegen Rechtspopulismus vorzugehen. Zum einen gilt es, rechtspopulistische
Andockmanöver, rhetorische und manipulative Strategien als solche zu entlarven und sich klar dagegen zu verwehren. Gerade bei Themen, die den Kirchen selbst am Herzen liegen, wie etwa das Eintreten gegen Christenverfolgungen oder für Lebensschutz, ist darauf zu achten, dass man sich nicht – möglicherweise unbemerkt – mit rechtspopulistischen Akteur/innen zusammenschließt oder ihnen das Wort redet. Denn auf diese Weise ließe man sich vor deren politischen Karren spannen, der immer auf eine systematische Einschränkung von Pluralität, Freiheit und Menschenrechten zielt.

Zum anderen müssen sich Christ/innen und Kirchen selbstkritisch fragen, wie es kommen kann, dass bestimmte scheinbar besonders „fromme“ Gläubige zu rechtspopulistischen Einstellungen neigen. Rigidität und das, was Erich Fromm und Theodor W. Adorno als „autoritären Charakter“ beschrieben, dürfen von kirchlicher Seite nicht als Frömmigkeit verkannt werden. Die weiterführende Frage ist: Wie müssen sich kirchliche Verkündigung und Kommunikation verändern, um Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und weitere „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeiten“ (Wilhelm Heitmeyer), z.B. gegenüber Muslim/innen oder homosexuellen Menschen, unter Christ/innen zu reduzieren?

Wie kommt es, dass manche Christ/innen rechtsextreme Einstellungen entwickeln?

Manche Menschen verstehen Glauben nicht als Vertrauen und lebendige Beziehung, sondern als ein starres Für-Fakt- Halten von Sätzen über Gott und die Welt. Für ihr geschlossenes
Weltbild beanspruchen sie exklusive Richtigkeit und eine absolute Überlegenheit allen anderen Glaubensvorstellungen gegenüber. Dies beinhaltet bereits eine Abwertung von anderen Glaubens- und Lebensweisen und einen Dualismus, ein Schwarz-Weiß-Denken: Nur die eigene Form der Religiosität kann unumwunden gut geheißen werden; in allem „Anderen“ wird zumindest etwas graduell Schlechteres gesehen. Von hier aus ist es nur ein kleiner Schritt zu einer Haltung, die alles „Andere“ und alle „Anderen“ grundsätzlich als schlecht und böse ansieht. Wer anders lebt oder glaubt, wird als „Häretiker/in“, „Ungläubige/r“, „Sünder/in“ betrachtet, über die man sich moralisch empört; Berührungsängste ebenso wie Vorurteile und feindselige Haltungen wachsen.

Solcherlei „moralische Empörungen“ über Anderslebende und Andersdenkende bieten dann quasi barrierefreie Anschlussmöglichkeiten für menschenfeindliche Einstellungen, die auch Ideologie-Elemente des Rechtsextremismus sind: z.B. für Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und antimuslimischen Rassismus – als „Abwehr“ vermeintlich „falscher“ Glaubensweisen – ebenso wie für Homophobie, Emanzipations- und Frauenfeindlichkeit – als „Abwehr“ vermeintlich „falscher“ Lebensweisen.

Problematisch werden Glaubensüberzeugungen dann, wenn sie verabsolutiert und mit Rigorismus vertreten werden. Aus theologischer Sicht geschieht hier eine folgenschwere Verwechslung: Die eigene Überzeugung, die eigene kleine menschlich-enge Perspektive wird verwechselt mit der unendlich größeren und für uns immer unergründlichen Perspektive
Gottes. Einer solchen Verwechslung, einem solchen „theologischen Totalitarismus“ (Rainer Bucher) entschieden entgegenzutreten, steht Christ/innen und Kirchen gut zu Gesicht.

Dr. Sonja Angelika Strube ist katholische Theologin und arbeitet am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück u.a. zum Thema rechte Tendenzen in christlichen Milieus.

Diesen Artikel finden Sie auch im Internet unter www.paxchristi.de  mit weiteren Quellenangaben und Links