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BDKJ-Freiwilliger Josef Eberhardt berichtet aus Líbano:Mit Fußball zur Verständigung

Aussicht auf die Stadt Líbano, Tolima, mit der „Catedral de nuestra señora del Carmen“ im Mittelpunkt.
Datum:
9. Jan. 2026
Von:
Carina Delheit

Ich heiße Josef Anton Eberhardt, 18 Jahre, und bin einer der zwei diesjährigen Freiwilligen des BDKJ, in Kolumbien. Die nächsten Wochen und Monate werde ich im schönen Líbano, Departement Tolima verbringen.

Wir haben den 02.08.25. Alle sitzen zusammen versammelt im Garten. Familie, Freunde, Nachbarn. Es ist ein schöner Abend, wir sind beim Grillen und alle unterhalten sich. Dabei ist es der letzte Abend, den ich so mit meinen Engsten in Aachen für eine lange Zeit verbracht habe. Sobald die Gäste gegangen waren und nur noch meine Eltern und ich zurückblieben, wurde es mir erst so richtig klar. Es geht los!

Zwei Tage später saß ich im Flieger. In der Hektik der letzten Minuten hatte ich mich von meiner Familie verabschiedet und war einfach nur bereit, endlich anzufangen. In einem neuen Leben, mit neuen Aufgaben und Verantwortungen. Meine Aufregung wurde von unglaublich viel Neugierde und Vorfreude überdeckt und ich versuchte abzuschalten, um mich voll und ganz auf mein neues Kapitel einzulassen.

Angekommen in Kolumbien, wo wir nach einer Nacht in Bogota direkt weiter nach Ibagué fuhren, hieß es so viel wie möglich aufnehmen, entdecken und sich an das neue Umfeld, die Menschen und die Geräusche zu gewöhnen. Einen Kulturschock hatte ich nicht, da ich durch die drei Jahre, die ich in Bolivien gelebt habe, nicht besser auf die Umgebung, den Lärm, die Musik an jeder Ecke und die Straßenhändler, die sich und ihre Ware an nahezu jeder Straßenecke präsentieren, hätte vorbereitet werden können. Ich bin sehr froh darüber, in den letzten Monaten meine Anstrengungen nochmal deutlich erhöht zu haben, was das Spanisch Lernen angeht; so konnte ich meine schon vorhandenen Grundkenntnisse noch ein bisschen aufbessern. Mein Spanisch hat sich jedoch in den ersten Wochen in Ibagué schon so verbessert, wie ich es mir nie hätte vorstellen können. Ich habe wirklich unterschätzt, wie unterschiedlich das Lernen in einem rein spanischsprachigen Umfeld ist.
Der Sprachkurs in Ibagué zog sich ein wenig in die Länge, obwohl wir sehr schöne Ausflüge und Exkursionen unternommen haben. 

Nach dem ersten Wochenende in Líbano mit der Feria de café, einem großen, örtlichen Kaffeefest, war mir direkt klar, dass ich das genau richtige Projekt für mich gefunden hatte und alle Verunsicherungen über Arbeit und Leben in einer Kleinstadt waren erst mal wie weggeblasen. Nichtsdestotrotz musste ich mich, als ich dann fest nach Líbano umgezogen war, schon nochmal umgewöhnen, da das Leben in einer kleinen Stadt anfangs schon recht anders ist als in einer Großstadt wie Ibagué. Diese Eingewöhnungszeit hatte ich dann aber auch recht schnell hinter mir. 
Dann ging der Prozess des Einlebens los. Ein großer Zufall dabei war, dass ich einen meiner ersten Freunde in Líbano direkt auf der Busfahrt von Ibagué kennengelernt habe, somit hatte ich direkt ein bisschen Anschluss und habe über ihn schon in den ersten zwei Wochen zahlreiche andere Jugendliche kennengelernt. 

Am wichtigsten war mir am Anfang, direkt Anschluss in einem Fußballteam zu finden. Dabei half mir Bermeo, der Sportlehrer der Fundación, sehr und ich konnte schon nach zwei Wochen mit einer lokalen Fußballmannschaft auf dem Platz stehen und so weitere Kontakte über den Fußball knüpfen. 
So ging es die nächste Zeit weiter, ich meldete mich in einem Fitnessstudio an und hatte so weitere Möglichkeiten, mich mit Jugendlichen Líbanos auszutauschen. Am meisten genieße ich aber immer die Abende auf den canchas sinteticas (Sportplätzen), die es hier überall in der Stadt gibt und wo immer etwas los ist. 


Die Fundación Hogar del Niño, ist eine der beiden Organisationen, in denen ich während meines Freiwilligendienstes arbeite. Sie ist die deutlich größere der beiden und besteht aus vier verschiedenen Einrichtungen: dem Externado, dem Jungen- und Mädchenwohnheim und dem Hogar Sustituto. Die Einrichtung „Casa hogar“, besteht aus einem Jungen- und einem Mädchenwohnheim mit Kindern, die aus sehr schwierigen Verhältnisse stammen und häufig auch psychische Belastungen mit sich tragen.
Das Externado ist eine Art Nachmittagsbetreuung für Kinder, die zwar noch in ihren Familien leben, aber nach der Schule Zeit mit uns verbringen, um in einer breiten Altersgruppe von 15 Kindern Spaß am Basteln, Malen, Lernen und sportlichen Aktivitäten zu haben. 
Das Hogar Sustituto ist mit ca. 70 Kindern die mit Abstand größte Einrichtung. Hier kommen Kinder aus den einzelnen hogares sustitutos, also Adoptivfamilien, zu zahlreichen Aktivitäten zu uns. Dort organisieren wir viele Events und Treffen, aber auch wöchentliche Sportaktivitäten. 
Nach einer Eingewöhnungszeit von insgesamt vier Wochen, in denen ich jede Einrichtung samt ihren Projekten und Arbeitsformen kennenlernen konnte, fing ich an, jeden Tag in einer anderen Modalität zu verbringen, um so in möglichst vielen Bereichen helfen und begleiten zu können. 

Viel Zeit verbringe ich mit Bermeo, dem Sportlehrer der Fundación, da es ein breites Sportangebot für zahlreiche Kinder gibt. Dabei helfe ich ihm in den verschiedenen Gruppen und habe eine eigene Gruppe donnerstags, an dem wir die Kinder in zwei verschiedene Gruppen aufteilen. Also konnte ich mich hier auch direkt selbstständig einbringen. 
Schon zu Beginn hatte ich dadurch direkt ein vertrauteres Verhältnis zu den Jungs aus dem Jungenwohnheim, weil wir sehr schnell gemeinsame Themen hatten, vor allem Fußball. Schon in den ersten Tagen haben wir zusammen Fußball gespielt und durch meine Spanischkenntnisse war es für die Jungs leicht, auch viel über mich zu erfahren. Genau so ging es auch in den anderen Modalitäten: die Arbeit, die ich die letzte Zeit in mein Spanisch gesteckt hatte, zahlte sich jetzt aus und die Beziehungen mit den Kindern und Jugendlichen waren ganz unkompliziert, da wir uns ohne Probleme verständigen konnten. 

So gingen die ersten Wochen in der Fundación weiter. Morgens arbeite ich immer im Büro und helfe dort mit den Akten und Dokumenten der Jugendlichen in den Heimen oder helfe bei Aktivitäten der Kinder mit Beeinträchtigung im Hogar Sustituto. Nachmittags steht dann die praktische Arbeit an, die meist von sportlichen Aktivitäten geprägt ist. Von Anfang an hatte ich unheimlich viel Energie und Lust zu arbeiten, ich unterstützte, wo auch immer Hilfe benötigt wurde, da ich mich schnellstmöglichst einarbeiten wollte und die Arbeit mich vom ersten Tag an erfüllte. Das kam so auch bei den Mitarbeiterinnen an, die fast ausschließlich Frauen sind, und so lebte ich mich sehr schnell ein und konnte früh auch größere Verantwortungen und Aufgaben übernehmen. 

Genau so schnell habe ich allerdings auch realisiert, dass die Arbeit hier nicht immer einfach ist und auch immer wieder ihre schweren Zeiten mit sich bringt. Viele von den Jungs und Mädchen - vor allem aus den beiden Heimen - sind in sehr harten Verhältnissen aufgewachsen und haben belastende Erfahrungen gemacht. Dadurch habe ich die Erfahrung gemacht, dass sie oft in Auseinandersetzungen emotional überwältigt und aufgebracht reagieren. Weswegen ich auch sehr auf meinen Umgang mit ihnen achten muss und darauf, wie viel Nähe ich zulasse, da auch eine sehr gute und vertraute Beziehung von ihnen in manchen Momenten ausgenutzt werden kann oder dazu führt, dass sie mich weniger als Respektsperson und mehr als einen von ihnen ansehen. Dazu kommt, dass es fast keinen Altersunterschied zwischen manchen von ihnen und mir gibt. Das ist für mich oft frustrierend, da mir bewusst wurde, dass mein Einfluss als Freiwilliger begrenzt ist und ich häufig nichts tun kann, wenn die Jugendlichen durch ihre Vergangenheit emotional stark reagieren oder sogar Gedanken haben, sich selbst etwas anzutun. 

Die Asociación Creamos ist die zweite Einsatz-Organisation und im Vergleich zur Fundación deutlich kleiner. Hier bin ich freitags und samstags und arbeite in unserem kleinen Team, bestehend aus Maribel, Roberto und mir. Das ist eine sehr stark katholisch geprägte Organisation, wo wir viel Bibelarbeit machen und den Kindern und Jugendlichen hier auch im Glaubensbereich etwas mitgeben wollen. Dabei besteht das Hauptziel des Projekts darin, vor allem den Kindern, aber auch generell den Familien in den Invasiones (das sind ärmere, improvisierte Viertel, in denen die Menschen in provisorischen Hütten statt lebenswürdigen Häusern leben) Hoffnung und Perspektive zu geben. Natürlich geben wir den Kindern auch refrigerios, also Brotzeit, bei der mir wichtig ist, dass die Kinder viele Vitamine, vor allem Obst essen, was eher selten hier in Kolumbien ist, da meistens Softdrinks und Kekse angeboten werden. 
Freitags gehen wir vom Sitz von CREAMOS am Rand der Invasiones öfters in die Viertel, um mit den Kindern vor Ort Aktivitäten zu machen und Spiele zu spielen, sei es Fußball, Basketball, Klimaschutz-Aktionen oder in Zukunft auch Schachunterricht zu geben. So wollen wir den Kindern dort direkt vor ihrer Haustür Angebote schaffen, sich weiterzubilden oder auch einfach mal Ablenkung zu haben. 
Am Samstagvormittag steht dann der Englischunterricht für ca. 15 Kinder im Büro der Asociación an. Die Lebensbedingungen der Familien in diesen Vierteln kann man sich gar nicht richtig vorstellen. Teilweise leben zwei oder drei Familien in wenigen Zimmern in kleinen Gebäuden mit Blechdächern. Trotzdem kommen sie mit großer Lust und Ambitionen zu den Aktivitäten und Unterrichten, auch wenn manchmal ein wenig zu spät, als hätten sie die gleichen Möglichkeiten, wie viele andere Kinder auf dieser Welt. 
Auch wenn das Vorbereiten und Halten der Englischklassen, viel Anstrengungen und Aufwand mit sich bringt, begeistere ich mich doch für diese Arbeit, da die Kids aus den Vierteln nun mal viel mehr Perspektiven und Möglichkeiten mit dem Beherrschen von zwei Sprachen haben, was mich jedes Mal motiviert und auf das Ende meines Dienstes mit großen Ambitionen blicken lässt. 

Die ersten drei Monate in Kolumbien und vor allem die ersten sieben Wochen in Líbano sind also alles in allem wahnsinnig gut und zufriedenstellend verlaufen. Auch wenn der Start im Sprachkurs aus dem ein oder anderen Grund ein wenig holprig war, bin ich mittlerweile mehr als zufrieden mit meinem Umfeld und meinem Leben hier in Kolumbien. Doch manchmal muss ich einfach geduldig sein und die Sachen so auf mich zukommen lassen, wie der Liebe Gott sie für uns für richtig hält. 
Auch alle Unsicherheiten, die ich anfangs vor allem über den Ort Líbano hatte, sind schon in den ersten Wochen verflogen. Die Stadt ist gar nicht so klein, wie alle erzählt haben, es gibt haufenweise Jugendliche, mit denen man sich austauschen kann und die auch sehr offen und interessiert mir gegenüber sind. Und die Behauptung, dass die Menschen hier nicht mindestens genauso fanatisch nach Fußball seien, wie in Deutschland, hat sich natürlich auch direkt widerlegt. Denn hier gibt es genauso viele, wenn nicht sogar mehr Gelegenheiten als in Deutschland, vor allem am Wochenende, aber auch unter der Woche auf den kleinen canchas sinteticas, so viel zu kicken, wie man nur will. 

Mittlerweile arbeite ich hier also 6 Tage die Woche. Auch wenn sich das viel anhört, genieße ich, dass immer etwas zu tun ist. Für Freizeitaktivitäten, Sport oder Treffen mit Freunden, ist auch nach der Arbeit immer noch genügend Zeit und dadurch, dass ich immer beschäftigt bin, hatte ich wortwörtlich noch gar keine Zeit, irgendetwas aus Aachen zu vermissen oder Heimweh zu haben. Da bin ich jedoch gespannt, wie sich das in der Weihnachtszeit - besonders an Heiligabend – verändert!

Auch mit meiner Unterkunft hätte es kaum besser kommen können, obwohl diese bis kurz vor meiner Ankunft in Líbano noch gar nicht feststand. Bis mir mein Chef Roberto kurzerhand anbot, bei ihm zu leben, was perfekt passt. Mittlerweile fühle ich mich hier schon wie in einem zweiten Zuhause, und neben einem schönen Zimmer bekomme ich hier auch sehr gutes Essen. 
Eine ganz neue Erfahrung mache ich hier auch dadurch, dass ich zum ersten Mal mit Hund und Katzen zusammen unter einem Dach wohne. Anfangs war ich ein wenig skeptisch, da ich mir das nicht gut vorstellen konnte, doch bis auf ein Missgeschick, das leider sehr teuer wurde, bin ich auch damit sehr zufrieden. 
Der Zwischenfall war schon sehr unglücklich. Eines Abends, bevor wir essen gingen, ließ ich versehentlich meine Zimmertür einen Spalt offen, was Hündin Perla ausnutzte und sich ausgerechnet meinen Reisepass vom Schreibtisch schnappte. Als ich etwas später nach Hause kam, empfing mich Perla dann mit meinem Reisepass, oder besser gesagt, mit dem, was davon übriggeblieben war, im Mund. Doch auch das konnte ich schließlich halbwegs schnell und mit kleinem Extra-Aufwand lösen, da ich meine Reise nach Medellín nutzte, um meinen Pass beim deutschen Konsulat zu erneuern, was mich einen Haufen Geld kostete, aber die einfachste Lösung war, schnell wieder aus dem Schlamassel herauszukommen. 
Somit kann ich nur an die nächsten Freiwilligen appellieren: Passt immer gut auf eure Sachen, vor allem den Pass auf, denn sogar da, wo ihr denkt, sie seien am sichersten, können sie geklaut oder beschädigt werden. Wir sind schließlich nicht irgendwo, sondern im einzigartigen Kolumbien! 

Mein erster Eindruck von Kolumbien hat sich in den vergangenen Wochen nochmal ein wenig verändert. Die Menschen aus Kolumbien machen auf mich immer noch, wie anfangs, einen sehr offenen, hilfsbereiten und interessierten Eindruck, da sie wahnsinnig viel Spaß daran haben, ihre Kultur und Bräuche zu zeigen und zu präsentieren. Jedoch war das Bild, das ich mir am Anfang in Sachen Christentum hier gemacht habe, ein bisschen zu vorschnell. Denn auch, wenn Religion hier einen großen Stellenwert hat und alles, zumindest nach außen hin, sehr besonders ist und fast schon als Vorbild für Deutschland gelten könnte (zur Verabschiedung z. B. „Que Dios te bendiga“ (Gott segne dich) gesagt wird oder die Massen oft in die Kirchen strömen) nehme ich auch wahr, dass ein Teil der Gesellschaft hier sehr sexualisiert wirkt – etwas, das sich nicht nur in vielen traditionellen Liedern, sondern auch im alltäglichen Miteinander zeigt. Für mich wirkt das sehr widersprüchlich zu der starken religiösen Prägung, die die Menschen hier nach außen zeigen. Die starke Sexualisierung im öffentlichen Leben war für mich persönlich gelegentlich etwas viel und ließ manche Begegnungen oberflächlich und erzwungen wirken. 
Jedoch könnte ich mich, bis auf diesen Aspekt, der natürlich auch nicht auf alle zutrifft, mit den Menschen, die mich aufgenommen haben und die ich kennenlernen durfte, nicht zufriedener schätzen. 

Meine Entscheidung, den Freiwilligendienst anzutreten, bereue ich somit keineswegs, im Gegenteil: ich kann es nur empfehlen. Vor allem, wenn man erst einmal aus seinem gewohnten Umfeld raus will, bevor man sich seinem weiteren Werdegang widmet, glaube ich, dass es fast keine bessere Möglichkeit gibt, eine andere Kultur, aber auch viel über sich selbst zu entdecken, und in der Zeit unglaublich viele Erfahrungen zu sammeln.