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Meditation zum Gründonnerstag:Leise und bewegend

Jan Nienkerke
Generalvikar Jan Nienkerke lädt am Gründonnerstag ein, in die stille Geste der Fußwaschung zu schauen – ein Blick in das Herz Gottes und seine hingebende Liebe.
Datum:
2. Apr. 2026
Von:
Generalvikar Jan Nienkerke

Hier im Dom und an vielen Orten im Bistum versammeln wir uns heute Abend in einer Atmosphäre, die dichter kaum sein könnte. Es ist, als würde die Zeit langsamer gehen. Als würde jedes Wort, jede Geste schwerer wiegen. Gründonnerstag ist kein lauter Tag. Es ist ein Abend der leisen, aber entscheidenden Bewegungen Gottes.

Und mitten hinein in diese Stille hören wir das Evangelium:
Jesus steht auf, legt sein Gewand ab, bindet sich ein Leinentuch um – und beginnt, den Jüngern die Füße zu waschen.

Es ist eine Szene, die uns beinahe unangenehm ist.
Weil sie die gewohnten Rollen umkehrt.
Weil sie uns zwingt, genauer hinzusehen.

Der, den wir „Herr“ nennen, kniet.
Der, dem alles anvertraut ist, macht sich klein.
Der, der liebt „bis zur Vollendung“, zeigt diese Liebe nicht in großen Worten – sondern in einer einfachen, dienenden Geste.

Vielleicht liegt gerade darin die Zumutung dieses Evangeliums:
Dass Gottes Größe nicht darin besteht, über uns zu stehen, sondern sich zu uns hinunterzubeugen.

Petrus spürt das sofort.
Er wehrt ab. „Du sollst mir niemals die Füße waschen!“
Es ist der reflexhafte Widerstand des Menschen, der nicht ertragen kann, dass Gott ihm so nahekommt. So verletzlich. So konkret.

Und doch sagt Jesus: „Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir.“

Das ist ein Schlüsselwort dieses Abends.
Anteil haben an Christus, das heißt nicht zuerst: stark sein, gut sein, würdig sein.
Es heißt: sich berühren lassen.
Sich dienen lassen.
Sich lieben lassen – gerade dort, wo wir uns vielleicht am wenigsten vorzeigbar fühlen.

Denn die Füße, die Jesus wäscht, sind keine idealisierten Füße.
Sie sind staubig von den Wegen des Alltags.
Sie tragen die Spuren von Müdigkeit, von Irrwegen, vielleicht auch von Schuld.

Und genau diese Füße nimmt er in seine Hände.

Vielleicht ist das die stille Einladung dieses Abends:
Dass wir uns selbst wiederfinden in dieser Szene.
Nicht nur als die, die später den Auftrag hören: „Auch ihr sollt einander die Füße waschen.“
Sondern zuerst als die, die sich niederlassen dürfen und zulassen, dass Christus sich ihnen zuwendet.

Denn nur wer sich dienen lässt, kann wirklich dienen.
Nur wer sich geliebt weiß, kann Liebe weitergeben, die mehr ist als bloße Pflicht.

Was hier im Abendmahlssaal geschieht, ist mehr als ein Beispiel.
Es ist ein Blick in das Herz Gottes.

Ein Gott, der nicht auf Distanz bleibt.
Ein Gott, der nicht von oben herab urteilt.
Ein Gott, der sich in die Knie begibt – vor dem Menschen.

Und vielleicht verändert genau das unseren Blick aufeinander.

Wenn Gott selbst sich so klein macht vor dem Menschen –
wie könnten wir dann aneinander vorbeigehen?
Wie könnten wir uns erheben über andere, uns verschließen, uns entziehen?

Die Fußwaschung ist kein romantisches Bild.
Sie ist eine bleibende Herausforderung.
Denn sie fragt uns ganz konkret: Wo bist du bereit, dich zu beugen?
Wo bist du bereit, dich einzulassen auf die Mühe der Nähe?
Wo bist du bereit, dem anderen nicht nur freundlich zu begegnen, sondern ihm wirklich zu dienen?

Und zugleich bleibt sie für uns ein Trost.
Weil sie uns sagt: Du musst nicht zuerst geben.
Du darfst empfangen.

In dieser Nacht beginnt der Weg Jesu in die tiefste Hingabe.

Was hier in einer leisen Geste geschieht, wird sich morgen am Kreuz vollenden.

Doch schon jetzt wird sichtbar:
Diese Liebe zieht sich nicht zurück.
Sie bleibt.
Sie geht bis zum Äußersten.

Vielleicht nehmen wir aus dieser Feier genau das mit:
Dass wir uns heute Abend neu hineinnehmen lassen in diese Bewegung Gottes –
in eine Liebe, die sich nicht behauptet, sondern verschenkt.
In eine Liebe, die sich nicht aufdrängt, sondern niederkniet.
In eine Liebe, die uns trägt, bevor wir selbst tragen können.

Und dann könnte diese Nacht in uns nachklingen –
nicht nur als Erinnerung an ein vergangenes Geschehen,
sondern als leise, aber nachhaltige Veränderung unseres Herzens.

Denn am Ende bleibt dieses eine Bild:
Der Herr der Welt kniet vor dem Menschen.

Und vielleicht ist das das tiefste Geheimnis unseres Glaubens in einem Satz:
Gott ist am größten –
dort, wo er sich klein macht - aus Liebe zu uns.