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Keynote von Sabine Verheyen, stellvertretende Präsidentin des EP, beim ReliUpgrade 2026:Religionsunterricht - unterschätze Ressource der Demokratiebildung

Porträtfoto von Sabine Verheyen
Datum:
18. März 2026
Von:
Alexander Schüller

Kann man Demokratie bilden? Und geht das auch im Religionsunterricht? Ja, man kann Demokratie bilden, sagt Sabine Verheyen, stellvertretende Präsidentin des europäischen Parlaments. Mehr noch: Man müsse Kindern und Jugendlichen die Bedeutung demokratischer Prozesse schon in der Schule nahebringen – theoretisch, aber viel mehr noch praktisch, im konkreten Vollzug.

Zur Situation der Demokratie in Deutschland

In ihrer Keynote im Rahmen der bistumsweiten Religionslehrkräftefortbildung „ReliUpgrade 2026“, die gemeinsam vom Katechetischen Institut und den Schulreferaten der evangelischen Kirche im Rheinland verantwortet wurde, zeigte sich Verheyen als engagierte Streiterin für die Demokratie – gerade angesichts des Aufstiegs antidemokratischer Kräfte in Deutschland und Europa. Wie ernst die Situation ist, skizzierte Verheyen mit Hilfe einiger Zahlen: 17 Prozent der Deutschen besitzen aktuellen Umfragen zufolge ein demokratiefeindliches Weltbild, im Osten sogar 28 Prozent. 20 Prozent der Bevölkerung sind der Meinung, dass die Massenmedien die Bevölkerung systematisch belügen. Und 25 Prozent glauben, dass die Politik von geheimen Mächten gesteuert werde. Alarmierende Zahlen – gewiss. Doch es gebe auch durchaus Grund zur Hoffnung: Immerhin 94 Prozent der Menschen in Bayern hielten die Demokratie für eine gute Regierungsform, so Verheyen.

Demokratie in den sozialen Medien

Eine besondere Herausforderung für demokratische Prozesse stellen für Verheyen die sozialen Medien dar. Auch hier präsentierte sie einige besorgniserregende Zahlen: Kinder und Jugendliche nutzen soziale Medien, so einschlägige Untersuchungen, durchschnittlich zwischen vier und sechs Stunden am Tag – trotz Schule und organisierten Freizeitaktivitäten. Dieser Medienkonsum hat Folgen: Laut JIM-Studie beziehen junge Menschen einen Großteil ihrer Informationen über Politik, Gesellschaft und Kultur aus sozialen Medien. Dort lernten sie auch eine zum Teil toxische Debattenkultur kennen, die auf Zuspitzung und Polemik setze, komplexe Zusammenhänge vereinfache und möglichst laute und grelle Stimmen bevorzuge. Wer differenziert argumentiere, verliere im Nu das öffentliche Interesse, wer polemisiere, gewinne die Debatte. Und wer extreme Positionen beziehe, erhalte weitere Unterstützung von den Rändern.

Politische Bildung in der Schule

Was aber bedeutet es für die Schule, wenn die nächste Generation ihre Vorstellungen von einer zeitgemäßen Debattenkultur an Instagram, TikTok, Twitter und YouTube schule? Zunächst einmal sei dies eine große Herausforderung, so Verheyen, die die Schule annehmen müsse – und ihres Erachtens auch könne. Dazu verwies Verheyen zunächst auf den Beutelsbacher Konsens für die politische Bildung in der Schule und stellte klar: Der Unterricht sei zwar zu politischer Neutralität verpflichtet, doch es dürfe keinerlei Gleichgültigkeit gegenüber der freiheitlich-demokratischen Grundordnung in der Schule geben. Deshalb gelte es, den Schüler/innen die demokratischen Prinzipien nahezubringen, im Unterricht und in der Schulgemeinschaft, und das heiße konkret: das Recht der freien Meinungsäußerung zu stärken, kontroverse, aber respektvolle Debatten zu führen, zu intensiver Auseinandersetzung mit kontroversen Themen anzuleiten, zu differenzierenden Urteilen anzuregen, die der Komplexität des Lebens gerecht würden, und vor allem die Medienkompetenz der Schüler/innen auszubilden.

Werteorientierung im Religionsunterricht wesentlicher Beitrag

Der Religionsunterricht sei angesichts dieser ebenso gewaltigen wie unverzichtbaren pädagogischen Zukunftsaufgabe eine unterschätzte Ressource, sagte Verheyen. Denn was Kinder und Jugendliche im Internet sähen, sei größtenteils nicht wertebasiert, sondern vielmehr kommerziell ausgerichtet. Der Religionsunterricht müsse jungen Menschen daher immer wieder von neuem bewusst machen, was es in einer digitalen und globalisierten, einer inzwischen auch von künstlicher Intelligenz geprägten Welt bedeutet, dass der Mensch – jeder Mensch! – als „Abbild Gottes“ (imago Dei) einen unverlierbaren Wert besitze – eine Würde, die stets und unabdingbar zu achten sei – auch und gerade in Kontoversen, die nicht direkt, von Angesicht zu Angesicht, geführt werden. Für Verheyen ist diese Erinnerung an die (im Religionsunterricht theologisch begründete) Würde des Menschen ein wesentlicher Beitrag zu jener ‚Arbeit‘ an der Demokratie, der sich niemand entziehen dürfe. Sie sei Lehrer/innen ebenso aufgegeben wie Eltern, der Politik und ihren Institutionen, ja nicht zuletzt uns allen.