Sich der Verantwortung konsequent stellen

Predigt Bischof Dr. Helmut Dieser in der Jahresabschlussandacht am 31.Dezember 2020

Alle Verantwortlichen in der Kirche müssen sich immer wieder der kritischen Überprüfung stellen – auch das gehöre zur unabhängigen Aufklärung von sexualisierter Gewalt, betont Bischof Dr. Helmut Dieser in der Jahresschlussandacht am 31. Dezember 2020. Der Bischof kündigt an, dass das Bistum Aachen diesen Weg auch nach der Veröffentlichung des Externen Gutachtens weitergeht.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

dieses Jahr habe ich in einem Adventskalender eine aufrüttelnde Botschaft gelesen. Sie lautet:

„Es gibt zwei gute Nachrichten:

1. Gott existiert!

2. Du bist es nicht!“

Über diese beiden guten Nachrichten will ich an diesem Silvesterabend 2020 mit Ihnen nachdenken.

Ich fange mit der zweiten an, mit dem „Nicht“.

2020 – was alles nicht war

Dieses Wort hat das ganze Jahr 2020 geprägt wie noch keines zuvor.

Wir konnten nicht Ostern feiern wie sonst und auch nicht Weihnachten. Wir konnten nicht wie sonst in Urlaub fahren. Viele Hochzeiten und andere Familienfeste konnten nicht wie geplant stattfinden. Unzählige geplante Veranstaltungen geschäftlich wie privat konnten nicht durchgeführt werden. Wir konnten auch nicht ausgelassen drinnen und draußen feiern, nicht im Sommer und nicht heute an Silvester. 

Viele Besuche und Begegnungen von Mensch zu Mensch konnten nicht stattfinden. Viele Prognosen, Berechnungen und Erwartungen im Wirtschafts- und Erwerbsleben haben sich nicht erfüllt. Die Kinder und die jungen Menschen konnten nicht regelmäßig zur Schule gehen oder studieren und nicht ihre Ausbildung vollständig absolvieren. Viele Menschen durften ihre Angehörigen in Einrichtungen und Krankenhäusern nicht besuchen und auch von ihren Verstorbenen nicht Abschied nehmen. Und die Politik und die Medizin konnten auch in zwei harten Lockdowns bislang das Virus nicht stoppen und nicht besiegen.

Was soll an all dem gut sein?

Das Nicht, das sich durch das ganze Jahr gezogen hat bis heute und uns wohl auch noch weiter zusetzen wird, ist lästig, es tut weh, es wird unabsehbar teuer und ist immer schwerer erträglich. 

Ist denn wirklich keiner schuld daran?!

Immer mehr Menschen glauben das nicht mehr.

Wer sich bedroht, belogen und betrogen fühlt, wird wütend

Wissenschaft, Medien, Politik, Viele glauben ihren Erklärungen und Beteuerungen nicht. Irgendwo da, in den Reihen von Wissenschaft, Medien und Politik, suchen viele Zeitgenossen nach den Schuldigen. Und die inszenieren in ihren Augen alles das, womit sich das Nicht begründen lässt, dem unser ganzes bisheriges Leben zum Opfer fällt. Sie verschaffen sich vermeintlich damit gewaltige Vorteile und Machtzuwächse, die die Anderen, Ahnungslosen, gar nicht überschauen 
können. 

Wer sich in solcher Weise bedroht fühlt, belogen und betrogen, wird wütend.

Und diesen Betrug muss man aufdecken, unbedingt! 

Aber wie?

Ich komme zurück zu den beiden guten Nachrichten. Sie ergeben nur zusammen einen Sinn: „1. Gott existiert. 2. Du bist es nicht.“

Die Pandemie hat wie kaum etwas zuvor das Zeug dazu, uns neu davon zu überzeugen, dass wir nicht Gott sind. 

Mensch, du bist es nicht! 

Du hast nicht alles im Griff. Du kannst die Welt nicht beherrschen. Du kannst die lebensgefährlichen Bedrohungen nicht von dir abhalten. Du kannst deine Welt nicht aus eigenen Stücken gerecht und gesund machen. Du kannst dich selbst nicht fortentwickeln in einen Status des Unbesiegbaren und Unberührbaren, dem so was alles nicht passiert. Du kannst dich nicht heilen – nicht von der Enttäuschung an der Welt, nicht von der Enttäuschung an den Anderen, nicht von der an dir selbst.

Corona deckt auf, wie enttäuscht wir alle darüber sind, dass wir nicht Gott sind!

Bevor ich zur ersten guten Nachricht komme, die ja aus der zweiten erst eine gute Nachricht macht, möchte ich noch eine weitere Erfahrung des ablaufenden Jahres in diese Überlegungen mit einbeziehen. Sie betrifft unsere Kirche und die ganze Gesellschaft und erschüttert sie bis in ihre Grundfesten hinein. 

Unabhängige Aufklärung in Angriff genommen

Am 12. November haben wir im Bistum Aachen das Unabhängige Gutachten über die Verantwortlichkeiten im Umgang mit dem sexuellen Missbrauch durch Kleriker in den Jahren 1965 bis 2019 in Empfang genommen und begonnen, uns damit auseinanderzusetzen.

Auch andere deutsche Diözesen haben sich auf den Weg gemacht. Denn es gibt eine Gemeinsame Erklärung aller deutschen Bischöfe, dass alle in ihren Ortskirchen eine unabhängige Aufklärung in Angriff nehmen werden. Schon jetzt gehen davon tiefste Erschütterungen aus.

Dabei geht es aber nicht nur um die Kritik und das Ringen darum, welcher Weg der Aufklärung und der Veröffentlichung der bessere ist oder gewesen wäre. Es geht im Tiefsten auch auch nicht nur um den Vorwurf, die Kirche wolle ja gar nicht aufklären, sondern sei noch immer am Vertuschen. Diese Kritik und Überprüfung müssen sein, und alle Verantwortlichen müssen sich ihr stellen.

„Du Kirche bist nicht Gott“

Die Erschütterung, die ich meine, liegt auch hier in dem Nicht: Unsere Kirche ist nicht das sichere, unbedrohte Vorzimmer zum Himmel. Unsere Kirche ist nicht so rein und heilig wie Gott selbst. Unsere Priester und die anderen Verantwortlichen in unserer Kirche sind nicht über alle sexuellen Anfechtungen und Versuchungen von Machtmissbräuchen erhaben. Und wir Bischöfe sind nicht allem gewachsen und stehen nicht in allen Leitungsfragen immer fest und sicher da wie Felsen in der Brandung. Und als Kirche im Ganzen haben wir die Schwachen und Gefährdeten nicht ausreichend vor sexueller Gewalt geschützt und uns ihnen nicht so zugewandt, wie sie es gebraucht hätten.

Du Kirche, bist nicht Gott. Du bist es nicht! 

Doch das erschüttert nicht nur die Kirche, sondern die ganze Gesellschaft. Es ist wie eine Desillusionierung: Auch in der Kirche gibt es diese reine und heile Welt nicht, in der Gewalt und Übergriff nicht geschehen können. Es gibt in der ganzen Gesellschaft keinen sicheren Ort, so sicher wie das Amen in der Kirche, das selbst nicht sicher ist.

Noch einmal: Warum ist das eine gute Nachricht? Oder anders: Wie wird daraus eine gute?

Mit dem Propheten Hosea will ich die erste der beiden guten Nachrichten auslegen: Gott existiert.

Der Prophet verkündet: „So spricht der Herr: Ich will ihre Untreue heilen und sie aus lauter Großmut wieder lieben. Denn mein Zorn hat sich von Israel abgewandt. Ich werde für Israel da sein wie der Tau, damit es aufblüht wie eine Lilie und Wurzeln schlägt wie der Libanon. […] Was hat Efraim noch mit den Götzen zu tun? Ich, ja ich erhöre ihn, ich schaue nach ihm.“

Gott existiert.

Welcher Gott? Der Gott, der nicht nur für sich, sondern für uns da ist. Wir Christen stehen im selben Glauben an den einen und einzigen Gott wie das erstberufene Volk Israel. In seiner Geschichte hat es diesen Gott kennen gelernt, mehr noch lieben gelernt. Und umgekehrt sich dahinein erziehen lassen, dass dieser Gott alles für das Volk ist und ihm bei ihm nichts fehlt. 

Das verkündet der Prophet Hosea als Bußbotschaft, weil Israel zwischen alle Stühle geraten ist. Assur, eine damals aufstrebende Großmacht, droht und bietet Zuckerbrot und Peitsche zugleich an. 

Warum sich nicht dorthin flüchten?! 

Und die Baalsgottheiten im Umland Israels, die man mit viel Gefühl und Effekt in Kultevents im Auf und Ab der Jahreszeiten verehren kann, die wirken so viel plausibler und näher am Leben dran als der rein geistige Gott, den Hosea verkündet. 

Der Mensch ist und bleibt verwundbar und verführbar.

Die gute Nachricht Hoseas: Dein Gott existiert. Er ist für dich da. Er fängt mit seiner Liebe zu dir immer wieder neu an. Doch er ist auch zornig, er kann es nicht akzeptieren, wenn du mit anderem liebäugelst und ihn vergisst. Dann lässt er dich spüren, wie sehr du dich täuschst und immer wieder enttäuschen lässt.

Der Prophet sagt: „Assur kann uns nicht retten. Wir wollen nicht mehr auf Pferden reiten, und zum Machwerk unserer Hände sagen wir nie mehr: Unser Gott“.

Das, Schwestern und Brüder, ist religiöse Aufklärung und die Entzauberung der Welt. Und die haben wir heute, rund 2750 Jahre später, noch genauso nötig.

  • Politik und irdische Machtsysteme, Assur, können den Menschen nicht retten: Der Mensch ist und bleibt verwundbar und verführbar. Kein politisches System kann den Menschen vor sich selber retten. Der Mensch braucht die freie Ausübung der Religion. Das ist ein Men­schenrecht, weil der Mensch an sich selbst und an der ganzen Welt nicht genug hat. Und auch die Demokratie und der Rechtsstaat brauchen die unveräußerlichen Grundrechte, die im christlichen Menschenbild begründet werden. Der Staat kann das Menschsein nicht al­lein erklären und sichern. 
  • Auf Pferden reiten, damit meint der Prophet Hosea das Militär seiner Zeit und alle Machtmittel der Gesellschaft. Auch sie sind niemals Gott und dürfen uns nicht weismachen, Gott brauche es angesichts der Errungenschaften heutiger Gesellschaften gar nicht mehr. Darunter fallen auch alle Formen von Digitalisierung, Vernetzung und Globalisierung und neuer künstlicher Intelligenz, die uns heute so faszinieren und mit Beschlag belegen. Und auch ein künftiger Impfstoff kann uns Gott nicht ersetzen. 

Hoffentlich gelingt im neuen Jahr die Einführung des Impfstoffes, hoffentlich überwinden wir bald weltweit die Pandemie! 

Doch wenn wir darüber hinaus und im Umgang mit allem, worauf wir heute so gerne reiten, nicht weiter tief und ehrlich nach Gott fragen, werden wir weniger menschlich und weiter tief gefährdet sein an uns selbst. Hosea sagt: „Kehr um, Israel, zu deinem Gott! […] nehmt Worte der Reue mit euch, und sagt zu ihm: Nimm alle Schuld von uns und lass uns Gutes erfahren!“ 

Ja, Gott existiert, das ist die immer erste und immer gute Nachricht. Deshalb gibt es Gutes über all das hinaus, worauf wir hoffen, was wir selber erreichen, was aber nicht Gott ist. 

Doch um es von Gott zu erlangen, braucht es immer neu Aufklärung, Besinnung, Umkehr, Reue. 

Es braucht immer neu Aufklärung, Besinnung, Umkehr, Reue. 

Wenn wir aufklären wollen, wie es dazu kommen konnte, dass es Missbrauch und Vertuschung in unserer Kirche gibt, wenn wir den Betroffenen weiterhelfen wollen, dann braucht es wirklich solche Reue. Das Gute, das Gott uns erfahren lässt, hat dann eine Chance, wenn wir unsere Schuld bekennen und neu auf seine Hilfe vertrauen, um Verantwortung zu übernehmen und den Betroffenen zu begegnen. 

- Nie mehr sagen wir zum Machwerk unserer Hände: Unser Gott.

Damit zielt der Prophet auf die selbstgemachten Götzenbilder seiner Zeit. Was vergötzen heute wir? Statussymbole? Markenlogos? Unantastbarkeiten? Einen populistisch idealen nationalistisch verengten Staat? Dauernd sich wandelnde politische Korrektheiten und Ideologien von Reinheit und Hundertprozentigkeiten?Eine wiederhergestellte und erstarkte Kirche?

All das muss in Enttäuschungen führen, weil es nicht Gott ist.

Doch Gott selbst sprengt die falschen Bilder.

Wie sehr er das von sich aus tut, haben wir vor einer Woche an Weihnachten neu gefeiert. 

„Ja, die Wege des Herrn sind gerade“: Der Gott, der sein Volk aus lauter Großmut wieder lieben und alle Untreue von sich aus heilen will, ist selber als Mensch erschienen. 

Alle Wege Gottes zu uns Menschen, alle Wege der Menschen zu Gott treffen sich in Jesus, in dem Kind in der Krippe, in dem Heiland und Lehrer der Armen, in dem Mann der Schmerzen und dem Verurteilten am Kreuz, in dem neuen Menschen der Auferstehung, der den Frieden bringt.

Ehre sei Gott in der Höhe, singen die Engel. Gott verliert nichts an seiner Größe und seiner unverfügbaren Transzendenz, auf seinen geraden Wegen zu uns. Wir sind nicht Gott. Er hat seine eigene Ehre, die wir anerkennen, dann baut sie auch uns auf.

Und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade: Die Gerechten, sagt Hosea, gehen auf den geraden Wegen des Herrn, die Treulosen aber kommen auf ihnen zu Fall. Sie müssen daran zugrunde gehen, dass nichts Gott ist außer Gott.

Zwei gute Nachrichten:

1. Es gibt Gott. Du kannst auf den geraden Wegen gehen, die Gott zu dir bahnt. Auch in unsere Welt hinein, auch in unsere Krisen und Erschütterungen hinein findet Gott den Weg zu dir.

2. Du bist es nicht. Du brauchst es nicht zu sein. Denn Gott ist geworden, was du bist: Mensch. 
In Jesus findest du ihn bei dir: in deinen Ängsten, in deinen Grenzen, in deiner Vergänglichkeit, sogar in deiner Schuld. Er trägt sie. Er trägt dich.

Darum ist das eine gute Nachricht. Die größte, die es gibt. 
Gott existiert. Seine Wege zu dir sind gerade. Du kannst immer auf ihnen gehen. 

Nehmen wir das als gute Nachricht für das neue Jahr 2021. 

Amen.

Es gilt das gesprochene Wort

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