Zachäus Impuls

Zachäus (c) Cornelsen / Silke Rehberg, Münster

Schau dir dieses rätselhafte Bild an! Geh mit deinen Augen darin spazieren, hin und her!

Das Bild sagt uns: Versteh mich nicht zu schnell! Es braucht Zeit, bis wir es durchschauen.

 

Gut zu erkennen ist ein Mann in weißer Kleidung, der hochguckt.

Seine rechte Hand hält er vor sein Gesicht, wie geblendet von der Sonne.

Oder winkt er jemandem zu, ruft ihn herbei?

Zu sehen sind links oben und rechts unten grüne Blätter mit viel Schatten.

Von links unten nach rechts oben zieht sich ein dickerer Stamm.

Ja, der weiß Gekleidete schaut von der Erde hinauf in einen Baum.

Und da sind zwei Beine, abgestützt auf den Ästen,

ein Bauch mit roter Kleidung und gelben Knöpfen und … der rechte Arm und die Hand.

Die Finger sind gekrümmt und der Zeigefinger zeigt zurück auf … sich selbst!

Der Mensch oben fragt den Mann unten: Meinst du mich? - Kann das sein?

 

Dann erst entdecke ich: Die Hand zeigt auch auf mich - der Mann schaut hoch zu mir.

Als ob ich dieser Mensch bin, hoch oben im Baum sitze und mitten im Bild bin.

Auch ich bin gefragt: Meinst du etwa MICH?

 

Um welche geheimnisvolle Geschichte geht es in dem Bild? 

 

Die Geschichte von dem Mann im Baum und Jesus auf der Erde

 

Ich muss dir unbedingt die Geschichte erzählen, zu der dieses Bild entstanden ist.

Sie ist fast 2000 Jahre alt und handelt von Zachäus, das heißt übersetzt „der Gerechte“.

Wir werden sehen, ob Zachäus seinem Namen gerecht wird.

Die Geschichte von Zachäus steht im Neuen Testament der Bibel.

Sehr viel wissen wir nicht über ihn. Vielleicht begann sein Leben zunächst so:

 

Von Anfang an war Zachäus klein. Er kam winzig auf die Welt und blieb klein.

Als seine Geschwister und Freunde wuchsen, blieb er an Größe hinter ihnen zurück.

Oft fühlte er sich nicht beachtet, benachteiligt und zu kurz gekommen.

Doch so klein er in Zentimetern war, schon als Kind hatte er große Fragen.

Über alles auf der Welt konnte er sich wundern und ohne Ende staunen.

Eigentlich war er immer auf der Suche. Über alles dachte er gründlich nach.

Zachäus fragte sich: Warum lebe ich eigentlich? Warum bin ich so wie ich bin?

Woher kommt die Welt und das Leben? Gibt es Gott, der alles hat werden lassen?

Wer und wo und wie ist Gott und warum können wir ihn niemals sehen?

Doch Zachäus blieb stumm und behielt all seine Fragen still für sich.

Er traute sich nicht, sie zu stellen. Ihm fiel nicht auf, dass jeder Mensch sie hat.

Er dachte schließlich selbst: Ich bin anders als die anderen und etwas komisch.

 

So verlernte Zachäus Jahr für Jahr mehr und mehr das Staunen, Fragen und Suchen.

Er richtete sich ein in der Welt der Großen und hielt alles für selbstverständlich.

Als Erwachsener verstand er schnell, dass diejenigen die Macht bekommen,

die zumindest so tun, als wäre das Staunen und Suchen nur etwas für Kinder,

als hätten die Erwachsenen immer alle Antworten und keine Fragen mehr.

Zachäus ergriff bei erster Gelegenheit den Beruf, der ihn reich und auch mächtig machte.

Erst wurde er Zöllner, dann Oberzöllner und nahm den Juden, Menschen aus seinem Volk,

im Auftrag der fremden Römer, die das Land beherrschten, das Steuergeld ab.

Dabei verlangte er wie alle Zöllner damals mehr, als er durfte. Den Rest behielt er für sich. 

 

Am Anfang dachte Zachäus: Jetzt komme ich groß raus und zeige allen, was ich kann.

Doch er wurde einsam und war überall unbeliebt. Echte Freunde hatte er nicht.

Mit der Zeit spürte er: In ihm war eine tiefe Sehnsucht nach einem glücklichen Leben.

Und die Fragen nach dem Sinn des Ganzen ergriffen wieder sein Herz und seine Seele.

Sein Suchen nach dem Woher und Wohin und dem unbegreiflichen Gott erwachte neu.

 

Eines Tages hörte er die anderen aufgeregt reden: „Heute kommt Jesus in unsere Stadt.“

„Viele sind ihm schon begegnet und sind ganz erfüllt.“ „Er ist ein Mensch, in dem Gott nah ist.“

„Er steht mit beiden Beinen auf der Erde und scheint doch wie vom Himmel gefallen.“

Ob Zachäus zu ihm gehen sollte? Ob das sein Leben verändern würde? Ob er sich traute?

Da hatte er eine Idee, die ihm ermöglichte, Jesus zu sehen, ohne ihm zu nah zu kommen.

Zachäus lief auf dem Weg von Jesus voraus und kletterte in einen Feigenbaum.

Dort in guter Deckung versteckt, konnte er Jesus im Vorübergehen aus der Ferne sehen.

 

Da passierte Überraschendes: Jesus kam näher, schaute hinauf und sprach ihn beim Namen an:

 „Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute bei dir in deinem Haus bleiben!“

Da stieg er schnell herunter und nahm Jesus freudig bei sich zuhause auf.

Und alle, die das sahen, empörten sich und meinten: „Er ist bei einem Sünder eingekehrt.“

 Zachäus aber sprach zu Jesus: „Siehe, Herr, die Hälfte meines Vermögens gebe ich den Armen,

und wenn ich von jemandem zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.“

 Da freute sich Jesus und sprach: „Heute ist diesem Haus das Glück Gottes geschenkt worden.

Auch dieser Mann gehört zum Volk Gott. Nun kann jeder Mensch sehen und verstehen:

Ich bin zu euch gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.“

 

So endet die Geschichte der Bibel sehr plötzlich. Worüber die beiden wohl gesprochen haben?

Wie ging es jetzt weiter mit Zachäus? Er folgte Jesus nicht wie die engsten Freunde und Jünger.

Aber sicher hat er sein Leben verändert, den Beruf gewechselt und Gottes Glück gefunden.

 

Nun haben wir Zachäus kennengelernt, der tatsächlich zum „Gerechten“ wurde.

Je länger ich über ihn nachdenke, umso mehr mag ich ihn und erkenne mich selbst in ihm.

Erst als der Kleine und Unscheinbare sich vorsichtig sichtbar macht, wird er gesehen.

Erst als Jesus ihn mit Namen anspricht, sieht er sich neu und gewinnt danach neues Ansehen.

Zachäus hat es nie ganz vergessen: Jeder Mensch ist ein Suchender mit Fragen und Zweifeln.

Vielleicht hat sich Zachäus immer gesehnt nach einem Mehr als alles auf der Welt.

Vielleicht war er sein Leben lang auf der Suche nach Gott, hat aber immer nur oben gesucht.

Und dann schaut er im Baum nach unten und entdeckt im Menschen Jesus tatsächlich Gott.

 

Mir gefällt es, wenn Menschen nicht sofort von allem begeistert sind, wenn sie Abstand halten,

aber neugierig aus der Ferne schauen, was passiert, und dabei ansprechbar bleiben.

In unserem Leben und besonders bei der Frage nach Gott brauchen wir alle Geduld.

Gott ist ein Geheimnis, zeigt sich nicht direkt, möchte nur verkleidet erscheinen.

Gott versteckt sich und hält doch immer Ausschau nach uns, ähnlich wie Zachäus.

Doch sogar in unserem Fragen und Suchen ist Gott in unserer Welt da.

Wer glaubt, muss mit Gottes Verborgenheit genauso leben wie ein Mensch, der nicht glaubt.

Vielleicht hat der Glaubende nur andere Erwartungen an Gott und mehr Geduld mit Gott.

Wer glaubt, hat Antworten und noch mehr Fragen, denn jede Antwort weckt neue Fragen.

Der Glaube und die Zweifel sind wie Geschwister, die einander brauchen und umarmen.

Jesus wendet sich besonders den Fragenden, Zweifelnden und Suchenden zu.

Wenn wir gemeinsam fragen, zweifeln und suchen, kann Jesus uns besonders nah sein.

Dann können wir immer neu das Geheimnis Gott entdecken, aushalten und bewahren.

 

Christen sehen im Menschen Jesus das beste Bild von Gott, den niemand sehen kann.

Jesus zeigt uns, wie Gott wirklich ist: in dem und durch das, was er sagt und was er tut.

Das kann uns tatsächlich die Augen öffnen für ein gutes Leben voller Liebe und Sinn,

für den Glauben an den einen Gott hoch über uns, mitten unter uns und tief in uns,

für die Hoffnung, dass am Anfang und Ende alles gut ist und das Beste noch vor uns liegt!

 

Text: Rainer Oberthür, Katechetisches Institut des Bistums Aachen