Fragen und Antworten zum unabhängigen Gutachten der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl

Fragen zum Gutachten

Um die Unabhängigkeit des Gutachtens zu gewähren, wurde die Art und Weise der Veröffentlichung der Ergebnisse ausschließlich in die Händen der Rechtsanwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl gelegt. 

Die Kanzlei hat die Ergebnisse auf einer von ihr organisierten Pressekonferenz am 12. November 2020 der Öffentlichkeit vorgestellt. Seitdem ist die Untersuchung auf der Website https://westpfahl-spilker.de zum Download für jede Interessierte und jeden Interessierten bereitgestellt.

Das Bistum Aachen hatte vor der Veröffentlichung keine Kenntnis des Inhalts und der Ergebnisse der Untersuchung.

Das Gutachten sollte Fälle eines möglichen sexuellen Missbrauchs prüfen. Diese Fälle sind mutmaßlich durch Kleriker erfolgt, die im Dienst des Bistums Aachen standen bzw. stehen oder in dessen Auftrag tätig waren bzw. sind. Identifiziert wurden diese Fälle aufgrund von Meldungen bei Ansprechpersonen oder im Rahmen der Auswertung von Personal- und sonstigen Akten, vor allem im Rahmen der MHG-Studie. Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich auf die Jahre 1965 bis 2019.

Das Gutachten hat die Fälle dahingehend evaluiert, ob die Vorgehensweise der damaligen Verantwortlichen im Einklang mit den damals bestehenden Vorgaben des kirchlichen und des staatlichen Rechts und/oder des kirchlichen Selbstverständnisses stand bzw. steht. 

Die Gutachter hatten den Auftrag

  • systemische Ursachen betreffend sexualisierter Gewalt durch Kleriker herauszuarbeiten;
  • Verantwortlichkeiten auf Ebene der Bistumsleitung im Hinblick auf den Umgang mit Fällen sexualisierter Gewalt zu prüfen;
  • soweit möglich Verantwortliche zu benennen;
  • und aus ihrer Sicht bestehende Optimierungsvorschläge im Hinblick auf den Umgang mit Fällen sexualisierter Gewalt zu unterbreiten.

Bischof Dr. Helmut Dieser hat sich der Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt verschrieben. In einem Bischofsbrief am 11. November 2020 schrieb er: „Jenseits aller rechtlichen Fragen ist es meine moralische Pflicht, und die Pflicht meiner Mitbrüder, dass wir uns der Verantwortung stellen. Dass wir Verbrechen und Vertuschungen beim Namen nennen.” An die Betroffenen gewandt, fügte er hinzu: „Wir müssen diesen Schritt tun. Damit wir durch die Aufarbeitung den Betroffenen Wahrheit und Respekt bieten können. Damit wir sicherstellen können, dass Menschen im Bistum Aachen nie wieder im Namen der Kirche seelische und körperliche Gewalt angetan wird. Und damit wir weiteren Betroffenen und Zeugen Mut machen können, sich zu öffnen und Missbrauch zu melden.” 

Das Gutachten ist ein wichtiger Teil dieser Aufarbeitung der Vergangenheit. Es soll aber auch dazu beitragen, Prävention und die Intervention weiter zu verbessern. Ziel ist die nachhaltige Verhinderung von sexualisierter Gewalt, ihrer Verharmlosung und Vertuschung.

Bischof Dr. Helmut Dieser und Generalvikar Dr. Andreas Frick werden das Gutachten sorgfältig lesen und über die Konsequenzen beraten und sich beraten lassen.

Das Gutachten spricht Empfehlungen aus, um Prävention, Intervention, Personal- und Aktenführung und den Umgang mit Beschuldigten und Betroffenen zu verbessern. Zusammen mit den zuständigen Abteilungen und den diözesanen Räten werden Bischof Dr. Dieser und Generalvikar Dr. Frick prüfen, inwieweit diese Empfehlungen bereits Teil des praktischen Handelns sind und wo sie umgesetzt werden können und müssen. Im Januar 2021 werden Bischof Dr. Dieser und Generalvikar der Öffentlichkeit dazu Rede und Antwort stehen.

Nein. Die Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt ist ein kontinuierlicher Prozess, an dem viele mitwirken: die Betroffenen, die Kirche, die Wissenschaft und die Öffentlichkeit. Wege zur öffentlichen Aufarbeitung sind juristische oder wissenschaftliche Gutachten und Untersuchungen, Gerichtsverfahren, aber auch das öffentliche Gespräch über sexualisierte Gewalt. 

Die Aufarbeitung sexualisierter Gewalttaten durch Mitarbeitende der Katholischen Kirche Deutschlands wird zukünftig nach einheitlichen Standards erfolgen, die in einer gemeinsamen Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) festgelegt sind. Nach diesen Standards wird auch das Bistum Aachen die Aufarbeitung weiter betreiben.

Das Bistum Aachen hat sich nach sorgfältigem Abwägen entschieden, unabhängige Juristen mit der externen Aufarbeitung zu beauftragen. Diese konnten die zugrunde liegenden kirchen- und strafrechtlichen Tatbestände kompetent prüfen. Sie sind mit den vielfältigen persönlichkeitsrechtlichen Fragestellungen vertraut.

Die Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl aus München hat den Untersuchungsauftrag erhalten. Sie verfügt über umfangreiche, einschlägige Erfahrungen mit Gutachten zu Fragen der Compliance und der sexualisierten Gewalt im kirchlichen Bereich. Auf diese Kompetenz vertraute in der Vergangenheit u. a. bereits das Erzbistum München-Freising.

Das Forschungsdesign der Untersuchung unterscheidet sich dahingehend von anderen in Auftrag gegebenen Gutachten, als es konkret Namen von Verantwortungsträgern nennt, die in der Vergangenheit nicht im Sinne der Vorgaben des kirchlichen und des staatlichen Rechts und/oder des kirchlichen Selbstverständnisses gehandelt haben.

Ziel des Gutachtens ist es auch, aus der Vergangenheit Handlungsanweisungen für Gegenwart und Zukunft abzuleiten. Der Entscheidung, mit dem Jahr 1965 zu beginnen, lag die Überlegung zu Grunde, dass sich die katholische Kirche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (beendet 1965) erheblich gewandelt hat. Auf Grund der zeitlichen Nähe und eines gewandelten Selbstverständnisses bietet die nach-konzilliare Kirche einen hilfreichen Gegenwartsbezug. 

Die Untersuchung erstreckt sich bis in das Jahr 2019. Damit ist auch das Handeln der gegenwärtig Verantwortlichen, selbstverständlich auch von Bischof Dr. Helmut Dieser und Generalvikar Dr. Andreas Frick, Gegenstand der juristischen Bewertung durch die Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl. 

Ziel des Gutachtens war die Bewertung von Leitungshandeln. Dazu wurden exemplarische Fälle in anonymisierter Form analysiert. 

Gegenstand der Untersuchung waren nur Fälle von sexualisierter Gewalt durch Kleriker, die der Disziplinargewalt des Bischofs von Aachen unterstanden. Es erstreckt sich nicht auf Ordensleute ohne bischöflichen Auftrag und nicht auf Laien im Dienst des Bistums.

Das Gutachten nennt keine Namen von Beschuldigten und von Betroffenen. Weder wird die Glaubwürdigkeit von Betroffenenangaben bewertet noch über die Schuld oder Unschuld von Beschuldigten befunden. 

Ziel des Gutachtens war auch nicht die Aufdeckung neuer Fälle oder die Untersuchung des quantitativen Umfangs von sexualisierter Gewalt im Bistum Aachen. Diese und andere Aspekte werden möglicherweise Gegenstand weiter Aufarbeitungsschritte sein.

Das Bistum Aachen hat zu keinem Zeitpunkt Einfluss auf den Gang der Untersuchung und die Ergebnisse genommen. Die Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl hat frei über ihr Vorgehen entschieden, sei es bei der Auswahl der einzusehenden Akten, bei der Auswahl der Interviewpartnerinnen und -partner oder bei der Veröffentlichung der Ergebnisse. Diese Ergebnisse kennt das Bistum Aachen erst seit der Veröffentlichung. 

Die Zusammenarbeit des Bistums mit der Anwaltskanzlei erstreckte sich im gesamten Prozess auf rein logistische und organisatorische Fragen.

Dem Bischöflichen Generalvikariat sind (Stand 20.10.2020) 192 Betroffene sexualisierter Gewalt bekannt. Insgesamt 94 Priester, Ordensleute, Diakone und Priesteramtskandidaten des Bistums Aachen wurden der sexualisierten Gewalt beschuldigt. Die erste, dem Bistum bekannte Tat ereignete sich im Jahr 1934.

Zwischen 2011 und Oktober 2020 haben 86 Betroffene beim Bistum Aachen Anträge auf Anerkennung von Leid gestellt; aufgrund dieser Anträge hat die Diözese 366.200 Euro an Betroffene gezahlt. 

Das Gutachten von Westpfahl Spilker Wastl nennt 81 Beschuldigte und mindestens 175 Geschädigte. Der Unterschied erklärt sich im Wesentlichen aus dem Untersuchungszeitraum.

Die Unterschiede zur MHG-Studie (55 Beschuldigte, 86 Betroffene) ergeben sich aus dem Untersuchungszeitraum der MHG-Studie (1946 bis 2014), aus neuen Aktenfunden sowie aus Meldungen weiterer Betroffener.

Welche Angebote gibt es?

Die qualifizierten Ansprechpersonen, die früher Missbrauchsbeauftragte hießen, sind erste Anlaufstelle für Betroffene von sexualisierter Gewalt, für Angehörige, für Menschen mit Vermutungsmeldungen und mit Fragen. Sie führen Beratungsgespräche, klären den Sachverhalt und agieren als Opferanwalt bzw. Opferanwältin. Sie unterstützen Betroffene auch bei Anträgen zur Anerkennung des Leids und in Nachsorgefragen.

Seit 2020 ist sind die Ansprechpersonen unter strikter Wahrung ihrer Unabhängigkeit der Fachstelle PIA (Prävention, Intervention, Ansprechpersonen) zugeordnet.

Aktuelle Ansprechpersonen sind:

Frau Marita Eß, marita.ess@bistum-aachen.de

Herr Dejosez, herbert.dejosez@bistum-aachen.de

Kontakttelefon: 0173 / 9659436

Weitere Ansprechpersonen bereiten sich auf ihre Aufgaben vor. Ab dem 1. Januar 2021 werden sie ihre Arbeit aufnehmen.

Darüber hinaus besteht im Bistum Aachen ein Netz an unabhängigen Beratungsstellen für Betroffene. Eine Adressliste findet man z. B. auf https://www.bistum-aachen.de/Hilfe-bei-Missbrauch/Beratungsstellen

Die deutschen Bistümer gewähren seit dem Jahr 2011 Betroffenen von sexualisierter Gewalt „materielle Leistungen in Anerkennung des erlittenen Leids“. Diese freiwilligen Leistungen umfassen beispielsweise Einmalzahlungen, Paarberatungen und Therapiekosten. 

Im Jahr 2020 wurde das Verfahren weiterentwickelt, um Schnelligkeit, Transparenz und Unabhängigkeit zu gewährleisten. Auch die Höhe der Zahlungen wurde angepasst. Sie orientieren sich an Urteilen zu Schmerzensgeldern staatlicher Gerichte in vergleichbaren Fällen. Das bedeutet, dass Leistungen zwischen 1.000 und 50.000 Euro gezahlt werden.

Betroffene können ab dem 1. Januar 2021 einen Antrag nach dem weiterentwickelten Verfahren stellen. Personen, die bereits Leistungen erhalten haben, sind ebenfalls antragsberechtigt. Für sie gilt ein vereinfachtes Verfahren. Zuständig ist die Diözese, zu der die oder der Beschuldigte zum Tatzeitpunkt gehörte. Die dortigen unabhängigen Ansprechpersonen beraten umfassend und nehmen Anträge entgegen. 

Das Bistum Aachen stellt sicher, dass entsprechende Gelder für diese neue Regelung zur Verfügung stehen. Zunächst werden die Täter – soweit das möglich ist – zur Verantwortung gezogen und müssen die Zahlungen zur Anerkennung des Leids aufbringen. Um keine Kirchensteuermittel für diese Zahlungen heranzuziehen, erarbeitet das Bistum Aachen derzeit ein Verfahren zur Kirchensteuer-unabhängigen Finanzierung. Dieses soll bis zum Januar 2021 vorliegen. 

Betroffenen soll schnell und unbürokratisch auch in finanzieller Hinsicht geholfen werden – dies ist das erklärte Ziel von Bischof Dr. Helmut Dieser.

Die Katholische Kirche in Deutschland bietet seit 2010 flächendeckend Maßnahmen der Prävention gegen sexualisierte Gewalt an. Der Bereich Prävention berät kirchliche Rechtsträger bei der Entwicklung und Umsetzung von institutionellen Schutzkonzepten, prüft diese fachlich, sorgt schwerpunktmäßig für den Bereich Aus- und Weiterbildung auf allen hierarchischen Ebenen. Die Qualifizierung von Schulungsreferent/inn/en und Präventionsfachkräften sowie die Erstellung von Materialien sind ebenfalls hier verankert.

Seit 2020 ist die Prävention im Bistum Aachen der Fachstelle PIA zugeordnet.

Aktuelle Präventionsbeauftragte:

Frau Almuth Grüner, 0241 452 204, almuth.gruener@bistum-aachen.de

Die Fachstelle PIA des Bistums Aachen führt alle Aufgaben von Prävention (P), Intervention (I) und den Ansprechpersonen (A) zusammen. Die Fachstelle PIA betont den inneren Zusammenhang von umfassender Prävention, fachgerechter Intervention und nachhaltiger Aufarbeitung sexualisierter Gewalt und wird arbeitsteilig tätig. Gleichzeitig unterstützt sie durch fachgerechte Konzepte, Maßnahmen und Kampagnen die Entwicklung einer allgemeinen Kultur der Achtsamkeit.

Vorfälle oder Beschuldigungen sexualisierter Gewalt betreffen immer auch das Umfeld, also Personen, Gruppen und Gremien, die im Umkreis der Betroffenen und/oder der Beschuldigten Informationen über den Verdacht oder die Handlungen sexualisierter Gewalt haben. Ermittlungen gegen einen Beschuldigten brauchen Zeit und die Menschen vor Ort wollen Klarheit. Durch diese Spannung kommt es zu Gerüchten, Vermutungen und Halbwissen. Oft findet eine Spaltung statt: Für oder gegen die/den Betroffenen oder den/die Beschuldigte. Der Riss kann durch Familien, Freunden, Gruppen und Gremien gehen; man redet von irritierten Systemen. 

Das Bistum Aachen hilft und unterstützt Menschen in diesen irritierten Systemen. In Gemeinden können dies die Räte sein, Leiterinnen und Leiter von Gruppen, Teams, in Kitas können dies Träger, Leitungen, Teams und Eltern oder Kinder sein.

Der Interventionsbeauftragte vermittelt und koordiniert die Unterstützung. Mögliche Stellen, die kompetente Beratung leisten können, sind die Kirchlichen Organisationsberatung (KOB), kirchliche und freie Beratungsstellen, Supervisoren, Coaches, Therapeutinnen, Therapeuten oder Moderatorinnen und Moderatorinnen in freier Praxis.

Aktueller Interventionsbeauftragter:

Herr Helmut Keymer, 0241-452 890, helmut.keymer@bistum-aachen.de

Das Bischöfliche Diözesanarchiv Aachen dokumentiert als Langzeitgedächtnis das Wirken der katholischen Kirche im heutigen Bistumsgebiet. Es übernimmt, bewertet und sichert dauerhaft die Überlieferung, die aus der Bistums- und Domverwaltung sowie von Pfarreien und anderen kirchlichen Einrichtungen stammt. Nach der Erschließung stellt das Diözesanarchiv die Quellen der interessierten Öffentlichkeit zur Nutzung bereit. Die Benutzung steht jeder und jedem offen. Unter anderen bewahrt das Diözesanarchiv auch die Personalakten verstorbener Kleriker auf.

Kontakt: 
Bischöfliches Diözesanarchiv Aachen
Jakobstraße 42
52064 Aachen
Tel.: 0241 / 452-268 
Email: archiv@bistum-aachen.de

Betroffene können, wie jeder oder jede andere Interessierte, das Diözesanarchiv nutzen und Akten einsehen. Manche Akten, insbesondere Personalakten, unterliegen jedoch langen Sperrfristen. Auch die Einsicht in gesperrte Akten ist archivrechtlich grundsätzlich möglich. Dies kann beim Diözesanarchiv beantragt werden. Über den Antrag und die Verkürzung von Schutzfristen entscheidet der Ortsordinarius. Eine Konferenz der Diözesanarchivare wird Ende November 2020 die Akteneinsicht durch Betroffene einheitlich regeln.

Welche Begriffe verwenden wir?

2014 hatte die Deutsche Bischofskonferenz das interdisziplinäre Forschungsverbundprojekt „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ in Auftrag gegeben. Das Projekt wurde durchgeführt von einem Forscherkonsortium aus Mannheim, Heidelberg und Gießen (deshalb MHG-Studie).

Die Studie identifizierte für den Zeitraum 1946 bis 2014 3.677 Kinder und Jugendliche als von sexualisierter Gewalt Betroffene und 1.670 Kleriker als Beschuldigte. Die Veröffentlichung der MHG-Studie im Jahr 2018 stieß weitere Aufarbeitungsprojekte in zahlreichen deutschen Bistümern an, darunter beispielsweise Aachen, Köln, Limburg, Mainz, Münster oder Paderborn.

An der Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt arbeiten viele mit: die Betroffenen, die Kirche, die Wissenschaft und die Öffentlichkeit. Vornehmstes Ziel ist es, den Betroffenen Respekt, Wahrheit und Gerechtigkeit zu bieten.

Das Bistum Aachen sieht sich in der moralischen Verantwortung, Strukturen und Mentalitäten, die sexualisierte Gewalt im kirchlichen Zusammenhang und ihre Vertuschung ermöglicht haben, zu analysieren und die Verantwortlichen klar zu benennen. Es trägt aber nicht nur die Verantwortung für die Aufarbeitung der Vergangenheit, sondern auch dafür, aus der Geschichte zu lernen und Strukturen im Bereich Prävention und Intervention zu schaffen, die der Ausübung von sexualisierter Gewalt, ihrer Verharmlosung und Vertuschung einen Riegel vorschieben.

Wege zur öffentlichen Aufarbeitung sind juristische oder wissenschaftliche Gutachten und Untersuchungen, Gerichtsverfahren, aber auch das öffentliche Gespräch. Die Aufarbeitung sexualisierter Gewalttaten durch Mitarbeitende der Katholischen Kirche Deutschlands wird zukünftig nach einheitlichen Standards erfolgen, die in der Gemeinsamen Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) festgelegt sind.

Im Einklang mit den Forderungen von Betroffenenverbänden hat sich die Formulierung „Betroffene sexualisierter Gewalt“ weitgehend durchgesetzt; dies gilt auch für entsprechenden Ordnungen der Deutschen Bischofskonferenz. Während der Ausdruck „Opfer“ auf konkrete Straftaten und Situationen verweist, sind Menschen meist lebenslang von sexualisierter betroffen. Die Bezeichnung Betroffene betont aber auch die Aktivität und Autonomie des Individuums, das nicht immer Opfer bleibt.

„Sexualisierte Gewalt“ umfasst Handlungen mit sexuellem Bezug ohne Einwilligung beziehungsweise Einwilligungsfähigkeit der betroffenen Person. Dieser Ausdruck macht unmissverständlich deutlich, dass die Gewalt nicht ihren Ursprung in der Sexualität hat, sondern mittels sexueller Handlungen ausgeübt wird. Indem der Ausdruck „sexualisierte Gewalt“ gegenüber dem Terminus „sexueller Missbrauch“ bevorzugt wird, wird ausdrücklich die Betroffenenperspektive gewürdigt. 

Diese Überlegungen hat auch die Bundesregierung aufgenommen: Im Oktober 2020 hat sie ein „Gesetz zur Bekämpfung von sexualisierter Gewalt gegen Kinder“ auf den Weg gebracht.

Sexualisierte Gewalt hat in der Katholischen Kirche keinen Raum. Die geltende Ordnung für das Gebiet der Deutschen Bischofskonferenz sieht dienstrechtliche Konsequenzen für Kleriker und andere Beschäftigte im kirchlichen Dienst auch für sexualbezogene Handlungen und Grenzverletzungen vor, die unterhalb der Ebene der Strafbarkeit liegen.

Kurzform für „Gemeinsame Erklärung über verbindliche Kriterien und Standards für eine unabhängige Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in der Katholischen Kirche in Deutschland“. Die Erklärung wurde am 22. Juni 2020 vom Beauftragten der Deutschen Bischofskonferenz für Fragen des sexuellen Missbrauchs im kirchlichen Bereich und für Fragen des Kinder- und Jugendschutzes, Bischof Dr. Stephan Ackermann, und dem Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM), Johannes-Wilhelm Röhrig, unterzeichnet. 

Durch die Gegenzeichnung der Gemeinsamen Erklärung verpflichten sich die Bistümer, die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im kirchlichen Raum unabhängig, transparent sowie unter Beteiligung der Betroffenen weiterzutreiben. Ziel sind sowohl die Anerkennung geschehenen Unrechts als auch die Optimierung vorhandener Schutzkonzepte. 

Vorgesehen ist die Einrichtung von Betroffenenbeiräten und unabhängigen Aufarbeitungskommissionen; dazu können die Diözesen auch zusammenarbeiten. Die Kommissionen sollen den Umfang von sexualisierter Gewalt im kirchlichen Raum erforschen, den Umgang mit Betroffenen sowie Täterinnen und Tätern durchleuchten sowie Strukturen aufdecken, die sexualisierte Gewalt und ihre Vertuschung möglich gemacht haben. Zu diesem Zweck können die Kommissionen nicht nur Akten auswerten, sondern auch Anhörungen durchführen. Über die Ergebnisse wird öffentlich berichtet.

Das Bistum Aachen hat in der zweiten Hälfte des Jahres 2020 geprüft, inwiefern es die vorgesehenen Einrichtungen alleine auf den Weg bringen kann bzw. an welchen Stellen die Zusammenarbeit mit anderen (Erz-)Diözesen möglich und sinnvoll ist. Das Bistum Aachen befindet sich diesbezüglich in konstruktiven und vertraulichen Gesprächen, in die auch der UBSKM einbezogen ist. Ziel des Bistums Aachen ist es, dass im Jahr 2021 eine Aufarbeitungskommission und ein Betroffenenbeirat ihre Arbeit aufnehmen werden.

Das Amt des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) hat die Bundesregierung im Jahr 2010 geschaffen. Der UBSKM ist Ansprechpartner für Betroffene, Angehörige sowie für Fachleute aus Wissenschaft und Praxis und für alle Menschen, die sich gegen sexuelle Gewalt an Kindern engagieren oder Fragen zu Schutz, Hilfe, Forschung und Aufarbeitung haben. Der UBSKM arbeitet an der Verbesserung von Hilfen, Aufarbeitung, Prävention, Intervention und Forschung im Bereich sexualisierter Gewalt an Kindern und Schutzbefohlenen.

Wie geht das Bistum mit Verdachtsfällen sexualisierter Gewalt um?

Das Bistum Aachen hat am 1. April 2020 die Intervention als eigenen Bereich eingerichtet. Die Interventionsstelle bearbeitet und dokumentiert festgestellte Fälle sexualisierter Gewalt und koordiniert die Unterstützung für Betroffene sowie betroffene Einrichtungen und Gemeinden.

Die Interventionsstelle arbeitet mit den Ansprechpersonen, den Staatsanwaltschaften, den Fachabteilungen im Bischöflichen Generalvikariat, externen Fachstellen und Ämtern zusammen. Die Arbeit umfasst bei Verdachtsfällen sowohl das staatliche als auch das kirchliche Verfahren.

Für kirchliche Rechtsträger ist der Interventionsbeauftragte Berater und Koordinator. Im Mittelpunkt stehen dabei der Schutz und die Hilfe für Betroffene und die Pflicht der Täter/-innen, sich ihrer Verantwortung zu stellen.

Grundlage der Arbeit ist die „Ordnung für den Umgang mit sexuellem Missbrauch Minderjähriger und schutz- oder hilfebedürftiger Erwachsener durch Kleriker und sonstige Beschäftigte im kirchlichen Dienst“, die am 1. Januar 2020 im Bistum Aachen in Kraft gesetzt wurde. 

Aktueller Interventionsbeauftragter:

Herr Helmut Keymer, 0241-452 890, helmut.keymer@bistum-aachen.de

Den Ablauf folgt einem festgelegten Plan. Der Beschuldigte wird umgehend und bis zur Klärung der Vorwürfe vom Generalvikar beurlaubt. Ggf. wird bestimmt, wo er seinen Aufenthalt nimmt. Kommt die Information über einen Verdachtsfall nicht von der Staatsanwaltschaft, wird diese sofort informiert. Nur die Staatsanwaltschaft kann ermitteln. 

Innerhalb von 12 Stunden beruft der Generalvikar einen Krisenstab ein. Mitglieder sind unter anderem der Generalvikar, der Interventionsbeauftragte (Geschäftsführung) und die Leiterin der Personalabteilung.

Im Fokus stehen die Betroffenen, das irritierte System, der Beschuldigte und die Kommunikation. Der Krisenstab sammelt Informationen, erstellt eine Situationsanalyse, regelt Zuständigkeiten, entwickelte Ziele für Interventionen und legt abgestimmte Handlungsschritte fest.

Kleriker, die sich grenzverletzender, sexualbezogener Handlungen, die unterhalb der Ebene der Strafbarkeit liegen, schuldig gemacht haben, werden engmaschig kontrolliert. Nach Feststellung einer Auffälligkeit erteilt der Bischof ein Monitum, das mit Auflagen verbunden sein kann, wie beispielsweise dem Verbot, mit Kindern und Jugendlichen umzugehen. Es wird entschieden, ob der Geistliche weiterhin seine aktuelle Aufgabe wahrnehmen und ob er in der aktuellen Pfarrei/Gemeinschaft der Gemeinden (GdG) oder am Wohnort verbleiben kann. 

Der zuständige Regionalvikar, der GdG-Leiter und andere Abteilungen werden informiert, auch wenn der Geistliche eine andere Aufgabe übernimmt. Es wird ein Mentor benannt, der den Geistlichen in der Umsetzung und Erfüllung der Auflagen unterstützt. Dies erfolgt i.d.R. lebenslang. Hierzu führt der Mentor regelmäßig Gespräche mit dem Geistlichen.

Die Hauptabteilung Personal überprüft regelmäßig im Rahmen der Aufsicht, ob weitere Maßnahmen zur Erfüllung der Auflagen notwendig sind bzw. ob diese zur Verbesserung des Verhaltens und der Lebensführung beitragen können. Dazu führt sie getrennte Gespräche mit dem Geistlichen und dem Mentor, zunächst vierteljährlich, dann mindesten jährlich. 

Mindestens einmal jährlich erhält der Bischof einen Bericht über den Geistlichen. Bei Bedarf auch öfter. Die Veranlassung weiterer Maßnahmen bei Nichterfüllung der Auflagen obliegt dem Bischof.

Beschuldigte müssen sich nicht nur einem (weltlichen) strafrechtlichen Verfahren, sondern auch einem kirchlichen Verfahren stellen. Unabhängig vom Ausgang des staatlichen Ermittlungs- oder Strafverfahrens – nach dessen Abschluss – leitet der zuständige Bischof eine Voruntersuchung ein, deren Ergebnisse an die Glaubenskongregation in Rom gemeldet werden. Diese entscheidet über die Eröffnung eines kirchlichen Strafverfahrens. Die Urteile gehen bis hin zum Ausschluss des Beschuldigten aus dem Klerikerstand.