Ekkehard Höhl - Meine Motivation

Ekkehard Röhl

1) Aus welcher persönlichen Motivation heraus haben Sie sich dazu entschieden, unabhängige Ansprechperson im Bistum Aachen zu werden?

Ich bin seit Anfang der achtziger Jahre in unterschiedlichen Gruppen und Gremien in der Kirche ehrenamtlich aktiv und christlich sozialisiert. In all den Jahren habe ich mehrere engagierte Gemeindepfarrer und Pfarrgemeinden erlebt, die mit lebensbezogenen Themen, politischem Engagement für entrechtete Menschen und gelebter Ökumene Akzente gesetzt haben. Kirche und Gemeinde hatten und haben weiterhin viel zu bieten für Menschen mit ihren Fragen nach Sinn und Orientierung, nach Schutz und Hilfe. Das alles wird aber schon viel zu lange, und nun mit noch größerer Öffentlichkeit, massiv aufs Spiel gesetzt, z.B. durch ein Kirchensystem, das mit seinen patriarchalischen Strukturen viel zu lange um sich selbst gekreist ist. In diesem System mit seiner überbetonten Stellung des Priesters und einer überhöhten Sprache, haben viele Männer ihre Position massiv missbraucht und Schutzbefohlene ausgenutzt. Die wunderbare biblische Aufforderung, "lasset die Kinder zu mir kommen", wurde mit Füßen getreten. Die Folge: Hier wurden Seelen extrem geschädigt, mit gravierenden Folgen bis heute. Das hat mich nie kalt gelassen, das hat mich zutiefst erschüttert und zugleich die Frage aufkommen lassen: Was kann ich hier tun, wo kann ich meinem Beitrag leisten und helfen, dass systematisch und systemisch aufgearbeitet wird, dass an Körper und Seele missbrauchten Menschen geholfen wird? Hier sehe ich als ein vom Bistum unabhängiger Ansprechpartner Möglichkeiten konkreten Tuns. Mit aktiver Aufmerksamkeit gilt es hier zu agieren, nichts schön zu reden und keinem Täter, wie es vor allem früher oft geschehen ist, als Priester ein "neues Revier" zukommen zu lassen. Kirche muss hier klare Kante zeigen, wie das z.B. mit der ganzseitigen Anzeige des Bistums Mitte November in mehreren Zeitungen geschehen ist: Das sind konkrete Schritte zum Schutz von Opfern. Hier will ich mit anderen zusammen und mit deren unterschiedlichen Qualifikationen für die Rechte von Kinder und Jugendlichen eintreten, hier will ich mitwirken an der Aufarbeitung des Leids, das vielen Menschen widerfahren ist, hier gilt es aktiv zuzuhören und als Kirche Position zu beziehen. Aber auch generell muss Kirche, müssen sich Gemeinden, an die Seite entrechteter Menschen stellen, wie z.B. immer wieder Partei ergreifen für Kinder, die von Armut bedroht sind und in Armut leben. Das ist ein wichtiger Auftrag des Evangeliums, wie es der Einsatz gegen Missbrauch und die Aufarbeitung der Folgen ebenfalls ist.

2) Welche Qualifikationen bringen Sie bereits aus ihrer bisherigen beruflichen Tätigkeit mit, die Ihnen bei der Bewältigung der Aufgaben helfen kann?

Da sind z.B. Erkenntnisse und Erfahrungen aus meiner dreijährigen Ausbildung zum Erzieher, die mich sehr geprägt hat und die ich Anfang der neunziger Jahre in Recklinghausen an einem Berufskolleg in kirchlicher Trägerschaft gemacht habe. Auch damals waren Sexueller Missbrauch an Kindern und Gewalt gegen Kinder und Jugendliche wiederkehrende Themen im Pädagogik- und Psychologieunterricht. Auch in der Praxis im Kindergarten und in der Schulkinderbetreuung waren wir als Team herausgefordert, für Kinder als Anwälte aufzutreten und uns für ihren Schutz und ihre Rechte zu engagieren. Durch meine Tätigkeit als Lehrer an einem Berufskolleg, das Erzieher*innen und Heilerziehungspfleger*innen ausbildet, bin ich in Unterricht und Praxis mit Auswirkungen unterschiedlicher Formen von Missbrauch immer wieder konfrontiert. Hier gilt es Schüler*innen und Auszubildende sensibel zu machen, Kinder zu schützen und zu stärken, nicht in Form von herausgeputzten Projekten, die oft Eventcharakter haben, sondern ganzheitlich und alltagsorientiert ausgerichtet, wo Erwachsene als Vorbild wirken und Bildung wie Selbstbildung der Kinder und Jugendlichen für diese Schutzfunktionen übernehmen, d.h. dass sie gestärkt werden sich zu wehren gegen Übergriffe. Dass Schüler*innen zudem nicht beschämt werden, ist ein weiterer ganz wichtiger Teil von Prävention, denn Beschämungen erniedrigen, machen klein und kleinlaut, verletzten die Würde der Kinder und Jugendlichen. Ich finde es wichtig, dass Schule und Kirche immer wieder im Austausch stehen und kooperativ wie selbstkritisch, z.B. zu den Folgen bestimmter Machtstrukturen in ihrem jeweiligen System, zusammenarbeiten. Auch dazu will ich meinen Beitrag leisten. Zahlreiche Fortbildungen im Bereich Kommunikation und im szenischem Spiel, das Mitwirken in einer Theatergruppe, Jugendarbeit in der Firmkatechese sowie meine langjährige Tätigkeit als freier Mitarbeiter bei einer Tages- und einer kirchlichen Wochenzeitung helfen mir zudem in dieser wichtigen Arbeit. 

3) Warum halten Sie die Arbeit für besonders wichtig?

Ich möchte das zunächst an einem Zitat deutlich machen: „Wenn ich mich einem Kind nähere, dann ruft es in mir zwei Gefühle hervor: Zärtlichkeit für das, was es ist, und Respekt vor dem,  was aus ihm werden könnte“ (Louis Pasteur). Zärtlichkeit aber wurde seitens vieler Priester vielfach komplett falsch verstanden, mit gravierenden Folgen für Körper und Seele der Kinder. Dabei ist der Respekt vor der Würde des Kindes verloren gegangen, da hat Kirche ganz viel Glaubwürdigkeit verspielt. Diese muss wiederhergestellt werden, mit Nachdruck und Aufrichtigkeit. Da gibt es viel zu tun, hier möchte ich meinen Beitrag zu leisten. Kirche muss hier ehrlich und aufrecht agieren, will sie ernst genommen werden. Als Religionslehrer erlebe ich die zigfache Entfremdung junger Menschen vom System Kirche, höre ich ihre massiven Schwierigkeiten mit dem Umgang der Aufarbeitung von Missbrauch. Hier möchte ich mitwirken zu zeigen, dass Kirche mehr ist, dass Kirche selbstkritisch ist und Worten konkrete Taten folgen lässt. In diesem Kontext sehe ich auch die Beauftragung zur Ansprechperson für von bestimmten Klerikern missbrauchte Menschen. Bei allem Verständnis für die Kritik an Strukturen in der Kirche besteht allerdings zunehmend die Gefahr, dass Kirchenferne zunehmend nur noch auf Missbrauch an Kindern reduziert wird. Was Kirche noch ist, und wie an vielen Stellen der Missbrauch aufgearbeitet wird, lässt zum Glück hoffen. Hier bezieht die Bistumsleitung in Aachen erfreulich klare Positionen und belässt es nicht bei verbalen Entschuldigungen. Zu wünschen ist, dass die Arbeit an Veränderungen von systemimmanenten Strukturen weiter angegangen wird, z.B. die Weihe von Frauen zu Priesterinnen ermöglichen und den Zwangszölibat aufheben. Geschieht das endlich, wären das klare und weit über die Kirchenmauern hinaus wahrnehmbare neue Zeichen des Aufbruchs, wozu auch die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare gehört. In allen Bereichen würde Kirche zeigen, dass sie kein abgehoben isoliertes Verständnis von Sexualität hat, sondern eines, das die Menschen mit ihren Fragen und Sehnsüchten ernst nimmt. Der Vorwurf, „die Kirche predigt die Liebe und bekämpft sie gleichzeitig“, muss der Vergangenheit angehören. Das öffentliche geäußerte Befremden und die Kritik an den jüngsten Entscheidungen Roms zur Weigerung, gleichgeschlechtliche Paare zu segnen, ist hier ein hoffnungsvolles Zeichen, das Bischof Helmut Dieser gesetzt hat.