Was uns zutiefst antreibt

Vor der offiziellen Beauftragung für den pastoralen Dienst geben fünf Frauen und Männer Einblick in ihre Erfahrungen, Werte und Vorstellungen

Erhalten am 30. August um 18 Uhr gemeinsam mit Annette Jantzen und Stefan Voges durch Bischof Helmut Dieser im Dom die Beauftragung zum pastoralen Dienst im Bistum Aachen: Armindo dos Santos Batista, Sandra Hofer, Nicole Weiden-Luffy, Rafal Londo und Markus Schenck (v. l.). (c) Thomas Hohenschue
Erhalten am 30. August um 18 Uhr gemeinsam mit Annette Jantzen und Stefan Voges durch Bischof Helmut Dieser im Dom die Beauftragung zum pastoralen Dienst im Bistum Aachen: Armindo dos Santos Batista, Sandra Hofer, Nicole Weiden-Luffy, Rafal Londo und Markus Schenck (v. l.).
Di 13. Aug 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 33/2019 | Thomas Hohenschue

Als Seelsorgerinnen und Seelsorger begleiten sie Menschen durch die Höhen und Tiefen des Lebens: sieben Frauen und Männer, die am 30. August aus den Händen von Bischof Helmut Dieser die Beauftragung zum pastoralen Dienst im Bistum Aachen erhalten. Ein Wort stellen sie dem feierlichen Geschehen voran: die „Leidenschaft“, im Dreiklang von „für dich, für uns, für Gott“. 

Wenn man sich mit ihnen unterhält, versteht man rasch: Die tiefe Begeisterung für ihre Berufung und ihren künftigen Auftrag ist das, was in ihnen brennt, was sie vorantreibt, auch was sie durchträgt in dieser Zeit, die für Mitarbeiter der Kirche keine einfache ist. Dieses Feuer verbindet sie, bei aller Unterschiedlichkeit, die sie gleichermaßen auszeichnet. Der Weg, der hinter ihnen liegt bis zu jenem Moment im Aachener Dom, ist sehr verschieden. Die Zukunft, ihr Einsatz im pastoralen Dienst, liegt wie ein unbeschriebenes Blatt vor ihnen. Sie werden es mit ihrer je eigenen Handschrift füllen.

Gemeindeassistentin Sandra Hofer hat das durchlaufen, was früher, wenn man so will, die klassische katholische Karriere prägte. Ehrenamtlich in der Katechese angefangen, im Pfarrgemeinderat mitgewirkt, inklusive Wirren um Fusion. Feuer gefangen und Würzburger Fernkurs belegt. In ihrem Leben markiert die Umsiedlung aus einem Ort, der abgebaggert wurde, eine schmerzliche Zäsur.

Obwohl die Pharmazeutisch-technische Assistentin einen Chef in der Apotheke hatte, der sie darin unterstützte, sich Zeit für die Kunden zu nehmen, war es ihr

irgendwann zu wenig. Eine goldrichtige Entscheidung: Ihr Herz geht auf bei der Erfahrung, wie sich die Menschen ihr gegenüber öffnen, etwa in Trauergesprächen. Diesen enormen Vertrauensvorschuss betrachtet und behandelt sie als etwas sehr Kostbares.

Unmittelbare, tiefe Gespräche führen

Die Sinnfrage ist auch für Gemeindeassistentin Nicole Weiden-Luffy die entscheidende. Ihr ganzes Leben lang hat sie schon in der Kirche mitgearbeitet, als Messdienerin, in kirchlichen Gremien, dann koordinierend für den Kirchengemeindeverband. Außerdem entfaltete sie ihren Gestaltungswillen stolze 33 Jahre in der kommunalen und regionalen Politik. Und doch blieb bei alledem eine Lücke in ihrem Inneren, etwas Unausgelebtes.

Nun hat sie diese Leere gefüllt, ist beseelt von den unmittelbaren, authentischen Begegnungen und Gesprächen, die ihr die Seelsorge ermöglicht. Ein Jahr lang hat sie während ihrer Assistenzzeit im Krankenhaus gearbeitet. Und ihr geht eine Situation nach: Ein älterer Mann, stets tief gläubig, verlor am Ende seines Lebens alle Zuversicht. „Ich kann das alles nicht mehr glauben“, sagte er zu der Seelsorgerin. Wie begegnet man einem Menschen in solcher Verzweiflung? Ohne ihre eigene, tiefe Leidenschaft für die frohe Botschaft des christlichen Glaubens hätte sie diese Situation nicht bestanden, schaut Nicole Weiden-Luffy zurück.

Den Wandel der Kirche mitgestalten

Und wie fällt der Blick in die Zukunft aus? Prognosen beschreiben einen starken Rückgang der gesellschaftlichen Bedeutung von Kirche. Je nach Lesart steht ein Rückzug aus der Fläche bevor. Wo ist da der Ort für Frauen und Männer, die gerade neu in der Seelsorge beginnen? Pastoralassistent Rafal Londo und Gemeindeassistent Markus Schenck gehen ihre Aufgabe mit Elan und Zuversicht an. Sie sehen für die Kirche einen Platz in dieser Zukunft und für sich als Seelsorger ebenfalls. Die Formen werden sich ändern, der Glaube aber bleibt und seine Bedeutung im Leben vieler ebenso. Die beiden haben keine Angst vor dem Wandel, sondern möchten ihn mitgestalten.

Ein Blick auf ihr Rüstzeug zeigt: Der Umgang mit einer offenen, ungewissen, aushandlungsabhängigen Situation ist ihnen in die Wiege gelegt. Schenk wuchs in einer bikonfessionellen Familie auf, zunächst ungetauft. Über das Mittun wurde er ökumenischer Christ und wäre um ein Haar, so erzählt er lächelnd, evangelischer Pfarrer geworden.

Londo wiederum stammt aus dem katholischen Polen, seine Familie zog ins evangelisch geprägte Bistum Hildesheim, da war er vier. Erst als Akademiker verschlug es ihn dann ins katholische Rheinland. So kennt er alle Themen, die mit dem Blick in die Zukunft verbunden sind: die volkskirchliche Vergangenheit, die Situation katholischer Christen in der Diaspora und schließlich die Situation einer Kirche, die sich im Umbruch von der Volkskirche zur gesellschaftlichen Minderheit befindet.

Da sein, wenn die Menschen rufen

Und dann ist da noch Pastoralreferent  Armindo dos Santos Batista. Er gehört mit Annette Jantzen und Stefan Voges zu den Quereinsteigern, die am 30. August die bischöfliche Beauftragung erhalten. Ein bewegtes Leben in Portugal liegt hinter dem Juristen, er hat im Ministerium wie in der katholischen Kirche gearbeitet. Der freundschaftliche Kontakt zu dem kürzlich verstorbenen Krefelder Seelsorger Uli Tings brachte ihn und seine Familie mit Mitte 50 nach Deutschland. Hier kann er nun seine ganze Erfahrung einbringen – und seine Leidenschaft für die Berufung, Menschen zu begleiten. Die Portugiesen im Bistum Aachen brauchen jemanden wie ihn, der in ihrer Nähe ist. Der Pastoralreferent besucht sie zu Hause, am Kranken-, am Sterbebett. Er ist da, wenn die Menschen ihn rufen.