Zwei Seiten einer Medaille

Austausch auf den Kapverden: Ökologie und Gerechtigkeit müssen gemeinsam betrachtet werden

Auf den Kapverden sind die Folgen des Klimawandels bereits spürbar. (c) Wilfried Wienen
Auf den Kapverden sind die Folgen des Klimawandels bereits spürbar.
Do 7. Mär 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausagbe 10/2019 | Wilfried Wienen
In seiner Verlautbarung „Laudato si“ von 2015 beschreibt Papst Franziskus, wie durch die globale kapitalistische Wirtschaftsweise und einen Lebensstil, der auf Konsum und Ressourcenverbrauch angelegt ist, das Leben auf dieser Erde zunehmend bedroht ist.
Willkommen auf den Kapverden: Diese Kinder suchten den Kontakt mit dem Besuch aus dem Ausland. (c) Wilfried Wienen
Willkommen auf den Kapverden: Diese Kinder suchten den Kontakt mit dem Besuch aus dem Ausland.

Der Papst benennt die Folgen, in dem er den Klimawandel, die Umweltverschmutzung, die Wasserproblematik, den Verlust der biologischen Vielfalt und weitere Problembereiche teils detailliert ausführt. Leidtragende sind weltweit vor allem die Armen, denen eine lebenswerte Zukunft geraubt wird. Heute schon sind Dürren, Flut- und Sturmschäden, die Wasserknappheit, der Anstieg des Meeresspiegels und die Versalzung des Grundwassers Folgen des Klimawandels, die besonders arme Länder vor unlösbare Probleme stellen. Der Papst entwickelt seine Überlegungen aus der Perspektive der Opfer, der armen Menschen und der zerstörten Erde. Welche Bedeutung hat „Laudato si“ für den afrikanischen Kontinent und speziell für die Inselgruppe Kapverden? Das war eine zentrale Frage eines Seminars, das jüngst in Praia, der Hauptstadt der Kapverden, stattfand. Durchgeführt wurde dieses Seminar von der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung der Diözese Aachen (KAB) gemeinsam mit ihrer portugiesischen Partnerorganisation LOC/MTC und der Ação Católica de Cabo Verde, der Katholischen Aktion von Kapverden.

Seit über zehn Jahren finden Besuche und Begegnungen der drei Organisationen in Lissabon, Aachen und in Praia statt. Allen gemeinsam, sowohl in der Bildungsarbeit als auch in der „Lebensbetrachtung“ beziehungsweise dem „Lebendigen Evangelium“, ist der methodische Dreischritt Sehen-Urteilen-Handeln. Es geht darum, im Lichte der eigenen Erfahrung das Evangelium zu lesen und im Lichte des Evangeliums die persönliche Lebenspraxis und die sozialen Verhältnisse zu reflektieren, um im Anschluss daran zum gemeinsamen Handeln zu gelangen. Kardinal Arlindo Furtado, der Bischof auf den Kapverden, betonte in seinem Vortrag die große Bedeutung, die „Laudato si“ für die Kapverden hat. „Die Kernbotschaft von Papst Franziskus lautet: Armuts- und Umweltfragen sind nicht voneinander zu trennen. Die Gerechtigkeitsfrage und die ökologische Frage sind zwei Seiten einer Medaille. Laudato si ist ein konkretes Thema bei unseren Gesprächen mit der Regierung“, sagte der Kardinal.

 

Die Wasserknappheit begegnet einem auf den Kapverden täglich

Zwei Themen aus „Laudato si“ standen so auch im Fokus des Seminars, das Thema „Menschenwürdige Arbeit“ und das Thema „Wasser“. Eine Arbeit zu haben, von der man mit seiner Familie leben kann, das ist für die Menschen auf den Kapverden das Wichtigste. Vielfach sind ganze Familien arbeitslos. Besonders Frauen sind den ganzen Tag als Straßenhändlerinnen tätig. Sie verkaufen Obst, Gemüse und Kleidung, die häufig aus Altkleidersammlungen aus Europa stammt. Es gibt aber auch gut ausgebildete junge Menschen, die auf den Inseln kaum eine Berufsperspektive haben, und am liebsten in Portugal, Brasilien oder in den portugiesisch-sprachigen Ländern Afrikas arbeiteten. Ein Großteil des Bruttoinlandsproduktes der Kapverden wird durch Auslandsüberweisungen gespeist. Die kapverdische Regierung hat daher ein Ministerium für Migration und die kapverdischen Gemeinden im Ausland geschaffen. Das Thema „Wasser“ oder besser die Wasserknappheit begegnet jedem täglich. An manchen Tagen gibt es Wasser aus der Wasserleitung. Wenn nicht, entnimmt man den täglichen Bedarf aus großen Fässern, die auf den Dächern stehen und von Tankwagen gefüllt werden. Regen gibt es im Schnitt einmal in fünf Jahren. Die neu angelegten Stauseen sind fast leer. Die Landwirtschaft bringt kaum Ertrag. In manchen Jahren verdursten und verhungern die Tiere. Viele Lebensmittel müssen importiert werden. Diskutiert werden die Möglichkeiten der Meerwasserentsalzung, die aber nur mit einem hohen Energieaufwand möglich wäre. Zum Abschluss des Seminars kamen über 100 Aktivisten der Ação Católica im Pastoralzentrum von Praia zusammen, um die Ergebnisse des Seminars zu besprechen und gemeinsam Gottesdienst zu feiern. Gerade die Glaubensfreude und das begeisterte Engagement der Kapverdier berührten so manchen der Teilnehmer aus Europa.

 

Der Autor ist Referent der Katholischen Arbeitnehmerbewegung Duetschlands (KAB), Diözesanverband Aachen

Auf ihrer Reise nahmen die Gäste aus dem Bistum Aachen und Portugal viele Eindrücke von Land und Leuten auf den Kapverden mit. Zugleich gab es intensiven Austausch vor Ort. (c) Wilfried Wienen