Wonach sehnen wir uns?

Unser Gemeinwesen wird mit längerer Dauer der Coronakrise herausgefordert, sich in Geduld zu üben

Gotteshäuser sind weiter geöffnet  für ein stilles Gebet. Gottesdienste sind zurzeit noch untersagt. (c) www.pixabay.com
Gotteshäuser sind weiter geöffnet für ein stilles Gebet. Gottesdienste sind zurzeit noch untersagt.
Di 21. Apr 2020
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 17/2020 | Thomas Hohenschue

Das Virus hat unser öffentliches und privates Leben weiter fest im Griff. Angesichts positiver Entwicklungen bei den Fallzahlen lockern die Verantwortlichen etwas die Vorschriften, um die Schäden in Wirtschaft und Gesellschaft zu begrenzen. Aber Abstandsgebot, Versammlungsverbot und Quarantäneregelungen bleiben bestehen. Vor dem 3. Mai wollen Bund und Länder entscheiden, wie es danach weitergeht. Auch über die Frage der öffentlichen Gottesdienste wird zurzeit verhandelt. 

Ganz außerordentliche Kar- und Ostertage liegen hinter uns. Die Kirchen waren offen zum Gebet. Aber alles liturgische und sakramentale Geschehen, das sie ansonsten mit Leben erfüllt, blieb untersagt. Am Weißen Sonntag zogen diesmal nicht Jungen und Mädchen in die Kirche ein, um die erste heilige Kommunion zu empfangen. Wie schon am Wochenende vorher entfielen Familienfeiern, die mit dem jeweiligen Ereignis verbunden sind. Der innere Rhythmus vieler Menschen gerät in dieser Zeit, in der sie auf sich selbst und den engsten Kreis zurückgeworfen sind, außer Takt. Es fehlen Ankerpunkte in der Gemeinschaft, die Ortswechsel zu Freunden, zu Festen, zu Ritualen im Ort oder in der Ferne. Urlaube außerhalb der eigenen vier Wände platzen. Aber freie Zeit gibt es hingegen für viele satt, häufig sogar mehr, als sie wünschen oder vertragen. Erst recht, wenn sich das mit Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit oder Existenzangst verbindet.

Viele lernen sich, ihre Partner oder Familie noch einmal neu kennen, mit allen Chancen und Risiken. Rund um die Gottesdienste entbrennt allmählich ein Streit, wie um so vieles. Die Krise überfordert weiterhin. Haben viele am Anfang nicht verstanden, welche humanitäre Gefahr mit Covid-19 auf unser Gesundheits- und Gemeinwesen zurollt, verstehen sie nun nicht, dass diese Gefahr mit aktuell niedrigen Zahlen nicht ausgeräumt ist. Rein gar nichts hat sich an den medizinischen Eckdaten geändert: Immer noch gibt es keinen medizinischen Schutz vor der tückischen Lungenerkrankung. Wer sie durchlebt, geht durch ein tiefes Tal, dunkler und gefährlicher als eine schwere Grippe. Er ist auf seine eigenen Abwehrkräfte angewiesen und darf hoffen, dass er dank guter medizinischer und pflegerischer Betreuung nicht stirbt. Aber garantiert ist es nicht, es trifft auch junge Menschen. Viele Ältere, die an Covid-19 sterben, hätte ohne diese Infektion noch lange Jahre leben können.

 

Manchen befremdet die Diskussion

Die Wucht der Pandemie, die wir bislang unterdrücken konnten, lässt sich in anderen Regionen der Welt beobachten. Wo die Menschen dicht gedrängt miteinander leben, wo die hygienischen und medizinischen Bedingungen nicht gut sind, wo Armut und Ausgrenzung herrschen, die öffentliche Infrastruktur marode ist, bahnt sich eine humanitäre Katastrophe an. Wenn selbst hoch entwickelte Staaten wie Italien, Frankreich, Großbritannien und die USA an ihre Grenzen stoßen, wie soll das in Ländern enden, wo für Millionen Menschen nur eine Handvoll Beatmungsgeräte bereit steht? Bei uns ist Wohlstand gefährdet, Ungerechtigkeiten verschärfen sich, berufliche und private Pläne zerbröseln unter dem Druck des Stillstands, in den uns der verantwortete Umgang mit dem Coronavirus hineingezwungen hat. Das beeinträchtigt häufig die Lebensqualität und das seelische Wohlbefinden. In anderen Regionen der Welt allerdings ist die Mahlzeit für den nächsten Tag gefährdet, wenn man sich nicht beruflich verdingt und rausgeht – und im Krankheitsfall das Leben, das des Betroffenen und seiner Familie.

Vor diesem Hintergrund befremdet es manche Beobachter, worüber sich die Deutschen gerade beginnen zu streiten. Sicherlich: Nach der Krise muss es weitergehen und dafür gilt es so früh wie möglich die Weichen zu stellen. Aber jetzt ist einfach noch nicht der Zeitpunkt. Wir haben dem Tod gerade ein Schnippchen geschlagen und vergessen, dass er nur einmal gerade um die Ecke gebogen ist. Dort wartet er weiter, in direkter Nähe. Das tut er, solange kein Impfstoff entwickelt ist. Er wird sogar da Wurzeln schlagen, mit seiner Sense in der Hand – stets bereit, die wenigen Schritte zu uns zu gehen und seinem Tagewerk nachzugehen. 

Welche Risiken wollen wir eingehen? Augenmaß hat bislang die politisch Verantwortlichen ausgezeichnet. Der Druck auf sie wächst, je mehr Erfolg sie mit der Eindämmung des Virus haben. Es ist der Fluch der guten Tat: Sie haben eine medizinische Reserve für eine Eskalation der Pandemie geschaffen. Dass sie nicht genutzt werden muss, verleitet immer mehr Menschen zu leichtsinnigem Verhalten. Die Ungeduld wächst, auch, was die Wiederaufnahme von Veranstaltungen und Gottesdiensten betrifft. In der Tat reißt das Fehlen dieser Zusammenkünfte eine schmerzliche Lücke in unser Gemeinwesen. Doch welche Risiken ist man bereit einzugehen, um sie schon jetzt wieder aufzunehmen? Werden sie in dieser Phase, wo jeder jeden anstecken kann, überhaupt ein Quell der Freude sein können? Wie ist es wohl, distanziert, womöglich mit Masken im Gesicht, zu feiern, zu beten, zu singen? Ist es das, wonach wir uns sehnen? Oder hilft uns eher Geduld?