Wir haben was zu sagen

Die Christen sind berufen, mit der frohen Botschaft ihres Glaubens auf die Marktplätze der Welt zu gehen

Einen Kulturwandel in der Kirche fordert Pfarrer Elmar Nass in seinem neuen Buch. (c) www.pixabay.com
Einen Kulturwandel in der Kirche fordert Pfarrer Elmar Nass in seinem neuen Buch.
Mo 29. Apr 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 18/2019

Zukunftsszenarien haben zurzeit Hochkonjunktur. Oft sind es apokalyptische Ausblicke: der zerstörerische Klimawandel, der Niedergang der Demokratie, der Bedeutungsverlust der katholischen Kirche. Elmar Nass wendet den Blick positiv. Der Aachener Priester und Fürther Professor möchte Visionen vorantreiben und mit ihnen begeistern. Im KiZ-Interview erzählt er, warum er mit seinem neuen Buch „Utopia christiana“ einen solchen Kontrapunkt zum allgemeinen Krisenszenario setzt.

Der Aachener Priester Elmar Nass sucht den Dialog mit möglichst vielen Menschen in und außerhalb der Kirche. Er findet: Es ist Zeit für Visionen. (c) privat
Der Aachener Priester Elmar Nass sucht den Dialog mit möglichst vielen Menschen in und außerhalb der Kirche. Er findet: Es ist Zeit für Visionen.

Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt hat das viel zitierte Wort geprägt: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Haben Sie schon einen Mediziner konsultiert?

Nicht deswegen, hoffe ich. Im Gegenteil glaube ich, dass mir die Visionen gut tun. Sie lösen ein wenig die Spannungen, die ich angesichts der aktuellen Situation der katholischen Kirche empfinde. Es hilft mir persönlich über Momente des Entsetzens, Trauerns, Zerrissenseins hinweg, wenn ich den Blick über das Heute hinaus richte. Nicht zuletzt vergewissere und stärke ich so das Fundament meines Glaubens, die Wurzeln, aus denen ich lebe.

 

Von Krisen lösen wollen Sie sich. Aber Ausgangspunkt Ihrer Visionen, die Sie in Ihrem aktuellen Buch skizzieren, sind gleichwohl krisenhafte Zeichen. Welche sind Ihnen dabei besonders wichtig?

Zuallererst die furchtbaren Verbrechen, die im Raum der Kirche an Kindern, Jugendlichen und erwachsenen Schutzbefohlenen begangen wurden. Sie gilt es ohne Wenn und Aber aufzuklären und Gerechtigkeit herzustellen. Aber die Krise der Kirche reicht weit darüber hinaus. Ich fange bei zweifelhaften, unkontrollierten finanziellen Vorgängen an. Die Zukunftsdebatten werden polarisiert geführt, in Bistümern, in Gemeinden und nicht zuletzt in der Theologie. Dort beobachte ich bisweilen einen scharfen Ton des Gegeneinanders – das ist alles andere als vorbildlich. Mir fällt dabei ebenfalls auf, dass wir immer seltener von Gott sprechen. Welchen Sinn macht das Ganze dann überhaupt? Ich bin dafür, zunächst auf die Gemeinsamkeiten zu schauen, um dann auf einer verbindenden Basis in einer wertschätzenden Weise die Unterschiede zu besprechen. Dieses Gemein-same ist unser Leben mit Christus. Alles andere ist zweitrangig.

 

Wenn Sie die Botschaften, welche der beschriebene, 20-jährige Gesundungsweg der Kirche im Bistum „Utopia“ birgt, kurz und knapp skizzieren wollten, welche sind das?

Die wichtigste Botschaft ist: Die Kirche ist die Gemeinschaft der Gläubigen und sie sollte sich als solche auf den Weg machen. Das ist ja das, was viele Leute heute aufregt: Sie spüren, dass die Kirche auf einem falschen Kurs ist, und möchten ihr Charisma einbringen, damit sich der Kurs ändert. Ich ziehe den Hut vor diesem Einsatz, vor der Bereitschaft, trotz aller Missstände sich in der Kirche zu engagieren. Schauen wir doch, welches Potenzial für die Zukunftsgestaltung sich uns in diesen Frauen, Männern und Jugendlichen bietet. Sie möchten gehört und ernst genommen werden, sie möchten mitgestalten.

 

Es wird beim Studieren Ihres Buchs deutlich, dass es bestimmter Voraussetzungen bedarf, um sich aus der Krise zu lösen. Welche sind Ihnen besonders wichtig?

Mir geht es um einen Kulturwandel in der Kirche. Da können wir von der Welt lernen, etwa von den Unternehmen. Es reicht nicht, nur das Schlechte aufzuarbeiten. Sondern wir müssen auch das Gute aufarbeiten! Es braucht Ziele, also die Vision, wohin man will, und es braucht dann einen Weg, wie wir dahin kommen, also die Mission. Unsere Vision ist der Heilige Geist in Kirche und Welt, unsere Mission sind die Menschen. Manchmal träume ich davon, dass wir Sucher durch die Bistümer schicken, welche Leute entdecken, die unkonventionelle Talente einbringen können. Auch unter Klerikern gibt es so viele Charismen, die es neu wahrzunehmen und wertzuschätzen gilt. Ich denke da zum Beispiel an die Arbeiterpriester, welche das vorbildlich umsetzen, was ich in „Utopia christiana“ skizziere: mit den Menschen leben und sie ernst nehmen, ihnen in Wort und Tat von Gott Zeugnis geben. Wir sind Aushängeschild und Gesicht Jesu. Verhalten wir uns auch so? In diesen Spiegel muss ich selbst auch jeden Tag schauen.

 

Wie muss in Ihren Augen ein solcher Wandel geistlich begleitet werden? Welche Rolle kommt Verantwortlichen auf allen Ebenen dabei zu?

Es geht in der Tat um geistliche Begleitung, nicht um das Durchsetzen eigener Vorstellungen. Attitüden etwa von uns Seelsorgern kommen nicht gut an bei den Menschen. Sie entsprechen auch nicht dem Evangelium. Dieses hält alle, die im Dienst der Kirche tätig sind, zu Bescheidenheit an. Wir sind auf allen Ebenen zunächst und zuerst Hirten für die Menschen. Wo also setze ich die Prioritäten als jemand, der zur Seelsorge berufen ist? Die Menschen merken, ob jemand wirklich ein Herz hat und sich ihnen mit Zeit und echter Anteilnahme zuwendet, aus dem gefestigten Glauben an den liebenden Gott. Wir brauchen auf allen Ebenen Leute mit Charakter, welche den überfälligen Kulturwandel in der Kirche glaubwürdig leben und vorantreiben.

 

Wie gewinnt die katholische Kirche wieder an gesellschaftlicher Relevanz?

Die Kirche gewinnt an Relevanz, wenn sie sich selbst ernst nimmt, wieder Begeisterung für das Eigene entwickelt, und zwar in ökumenischer Verbundenheit. Quelle dafür ist das Evangelium. Wir Christen haben ein großartiges Menschenbild, das nicht nur uns Richtschnur im Handeln sein sollte, bei unserer Suche nach Sinn und Orientierung. Vielmehr müssen wir es auch in aktuelle Debatten einbringen. Das braucht es, denn bei vielen Fragen von Leben und Tod ist die Gesellschaft auf gefährlichen Wegen unterwegs. Wir müssen weg von der Fixierung auf Sexualmoral, wir haben den Menschen weit mehr zu sagen als das. Und durch ein gutes Vorbild können wir das auch wirksam machen – nur dann. Lasst uns den Mut aufbringen, auf den Marktplätzen der Welt auszupacken, was wir an Schätzen haben! Visionen brauchen Begeisterung. Sie sind ganz offensichtlich begeistert. Was treibt Sie an, mit einer utopischen Skizze neue Tatkraft und Zuversicht zu verbreiten? Woher nehmen Sie Ihre Zuversicht? Zum einen lebe ich lieber mit Zuversicht als in der Depression. Wichtig sind mir dabei Menschen und Orte des Glaubens. Ich möchte lieber für etwas streiten als gegen etwas. Zum anderen bestimmt mich ein gewisser Trotz: Was zurzeit schief läuft in Kirche und Gesellschaft, setzt eine Menge Energie bei mir frei. Die habe ich nun in meinem Buch gebündelt.

 

Das Gespräch führte Thomas Hohenschue.