Wie wollen wir leben?

Die Caritas im Bistum Aachen lädt dazu ein, sich in der Krise der eigenen Tugendhaftigkeit zu stellen

Mit Freundlichkeit kommt man weiter – jedenfalls in einer Gesellschaft, wie sie sich Caritas-Mitarbeiterinnen wie Anna Kohlwey wünschen. Die Theologin wirbt für eine bewusste Auseinandersetzung damit, was einem besonders wichtig im Leben und Zusammenleben ist. Das ist nicht nur in Krisenzeiten wie heute wichtig, sondern gilt generell. (c) Thomas Hohenschue
Mit Freundlichkeit kommt man weiter – jedenfalls in einer Gesellschaft, wie sie sich Caritas-Mitarbeiterinnen wie Anna Kohlwey wünschen. Die Theologin wirbt für eine bewusste Auseinandersetzung damit, was einem besonders wichtig im Leben und Zusammenleben ist. Das ist nicht nur in Krisenzeiten wie heute wichtig, sondern gilt generell.
Mo 18. Mai 2020
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 21/2020

Die Corona-Krise fordert uns alle heraus. In solchen Situationen zeigen viele Menschen ihren wahren Charakter, im guten wie im schlechten Sinne. Die Caritas im Bistum Aachen lädt mit einer Mitmachaktion ein, sich bewusst mit den eigenen Werten auseinanderzusetzen. Dabei rückt das in den Blick, was Tugenden genannt wird. Im Interview mit der KirchenZeitung erklärt Anna Kohlwey die Hintergründe. Sie arbeitet beim Diözesancaritasverband als Fachreferentin für theologische Grundsatzfragen und Ethik.

Was trägt unsere Gesellschaft? Nicht nur Christen wünschen sich: die Liebe. (c) www.pixabay.com
Was trägt unsere Gesellschaft? Nicht nur Christen wünschen sich: die Liebe.

Ihre Mitmachaktion passt in die aktuelle Lage wie die berühmte Faust aufs Auge. Hand aufs Herz: Haben Sie diese Idee in der Coronakrise entwickelt?

Ganz ehrlich: Wir hatten sie schon vorher. Und wir hatten uns viele schöne Dinge dazu ausgedacht, etwa Postkarten in Kneipen zu verteilen und die Leute einzuladen, mitzumachen. Alles war spruch- und druckreif. Und dann kam Corona. Daraufhin haben wir die Aktionsformen verändert, aber die Idee blieb. Wir meinen sogar, jetzt passt sie sogar noch besser in die Landschaft, wo vermehrt über das Zusammenleben gesprochen und gestritten wird. Vielleicht kommt da unsere Einladung, über Tugenden nachzudenken und zu diskutieren, genau recht.

 

Was kann es zur aktuellen Debatte über den Umgang mit dem bedrohlichen Virus beisteuern, über Tugenden zu sprechen? 

In der Krise wird zunehmend klar, was immer schon galt: Gesetze, Verordnungen, Regeln geben immer nur einen Rahmen für das Zusammenleben. Wie dieser Rahmen aber ausgefüllt wird, wie sich unser Gemeinwesen tatsächlich gestaltet und entwickelt, liegt in unser aller Händen. Es hängt von jedem Einzelnen ab, wie das Zusammenleben aussieht. Wir wollen vor diesem Hintergrund einladen, sich die Tugenden in Erinnerung zu rufen, ganz persönlich.

 

Kurze Nachfrage: Über welche Tugenden sprechen wir jetzt gerade konkret?

Achtsamkeit, Freundlichkeit, Gerechtigkeit, Hilfsbereitschaft, Nachhaltigkeit, Toleranz und Verantwortlichkeit.

 

Ist das nun der Katalog, was einen guten Menschen auszeichnet?

So ist es nicht gedacht. Ich halte nichts von schematischen moralischen Vorgaben, welche die Menschen entmündigen. Unser Leitbild ist das des freien Menschen, der eigenverantwortlich mit den ethischen Fragen seines Lebens umgeht. Das heißt auf die genannten Tugenden hin, dass wir dazu einladen, sich zu fragen, wie wichtig sie einem sind, ob man sie so lebt, wie man sich das vorstellt, wo man sie eventuell stärker leben kann. Wir wollen nicht mit erhobenem Zeigefinger auf die Menschen zugehen und sagen, hier und dort müsst ihr besser werden, ihr verhaltet euch nicht tugendhaft. Dieses Moralisieren entmündigt und trägt nicht dazu bei, dass sich Menschen aus eigenem freien Willen für ein bewusst gutes Leben entscheiden.

 

Heißt das, dass wir eigentlich nichts vom anderen erwarten dürfen, weil sein eigener Wille den Vorrang hat?

Wir leben in einer pluralen Gesellschaft und dürfen daher nicht in allem voraussetzen, dass unser Gegenüber genauso denkt und handelt wie wir. Aber die Tugenden haben einen universellen Charakter, sie führen zu einem guten Leben und zu einem guten Zusammenleben. Sie bieten eine hervorragende Grundlage, um über Handlungen und Verhalten zu sprechen und zu streiten. Denn immer geht es auch um die Frage: Was ist nun gerade wichtig und was muss zurücktreten? Das ist nicht einfach, weil es die Verantwortung und die Entscheidung an uns zurückgibt. Wir können es nicht delegieren. Aber das entspricht unserem demokratischen Verständnis von Gemeinwesen. 

 

Im Moment wird mit zunehmender Schärfe über den richtigen Kurs in der Coronakrise gestritten. Wie hilft da der Blick auf die genannten Tugenden?

Sie sind ganz entscheidend. Die Art und Weise, in der sich manche zurzeit zu Wort melden und agieren, entspricht sicherlich ganz und gar nicht diesen Tugenden. Zugleich berufen sich diese Personen auf tugendhafte Prinzipien wie Gerechtigkeit und Verantwortlichkeit und fordern von denen, die von ihnen beschimpft und verleumdet werden, Toleranz ein. Das heißt, hier werden genau betrachtet die genannten Tugenden auf den Kopf gestellt. Darüber lässt sich nun wahrlich trefflich streiten und feststellen, was wirklich wichtig ist im Leben und Zusammenleben.

 

Geht es dann nicht doch in Richtung eines moralischen Zeigefingers? Kann ich dem anderen meine Werte überstülpen?

Ich glaube, das geht nicht. Jeder kennt das aus seinem persönlichen Umfeld, zum Beispiel in der Frage, wie man sich ernährt. Niemand ist der Prototyp eines perfekten Menschen. Was uns bleibt, auch in dieser aufgeheizten Stimmung, ist das Gespräch. Es eröffnet mir und dem Gegenüber die Chance, sich zu entwickeln. In der Debatte um den richtigen Umgang mit der Pandemie konkurrieren verschiedene Werte und Prioritäten miteinander. Darüber muss man einfach reden als demokratische Gesellschaft. Das ist wie gesagt anstrengend, aber besser, als das dem Staat oder Dritten zu überlassen. Eine Grenze sehe ich bei denen, die gezielt mit Falschinformationen und Verschwörungserzählungen arbeiten. Da sehe ich nicht Werte walten, sondern eine zweifelhafte politische Agenda. Sie zielt darauf ab, die Demokratie, wie wir sie kennen, zu beschädigen und zu zerstören.

 

Den Blick in die Zukunft gerichtet: Was wird von dieser Zeit bleiben?

Die Krise wird hoffentlich einmal vorbei sein. Aber die Rolle gelebter Tugenden wird in Erinnerung bleiben. Ich bin überwältigt von dieser gewaltigen Hilfsbereitschaft, die wir seit Monaten erleben. Es gibt absolut viel Tugendhaftigkeit in unserer Gesellschaft. Das macht mir Mut für unsere Zukunft. Ich vergleiche die Fähigkeit, tugendhaft zu leben, mit einem Muskel: Man muss ihn trainieren, damit er stark ist und stark bleibt. Die Krise zeigt: Viele haben starke Muskeln. 

 

Das Gespräch führte Thomas Hohenschue.

 

Mehr Informationen zur Mitmachaktion der Caritas im Internet unter www.tugend-neu-denken.de.