Wie geht es im Revier weiter?

Der Kohleausstieg kommt. Die Debatte um den Strukturwandel beginnt. Was macht die Kirche?

(c) Thomas Hohenschue
Di 10. Sep 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 37/2019 | Thomas Hohenschue

Drei Tagebaue prägen vielerorts das Bild im Bistum Aachen, wie auch die Kraftwerke in Weisweiler und Grevenbroich. Die Zeit von Förderung und Verstromung von Braunkohle allerdings geht zu Ende. Das Nähere ist noch zu verhandeln. Redet die Kirche mit?

Eine Umfrage der KirchenZeitung unter kirchlich Engagierten ergibt: Das Bistum Aachen kann eine kräftige Schippe drauflegen, um gestaltende Kraft für die Zeit nach der Kohle zu werden. Der katholischen Kirche wird ein großes Potenzial zugeschrieben, Impulse zu setzen. Ob sie diese Chance tatsächlich ergreift, wird sehr unterschiedlich eingeschätzt.

Zunächst einmal: In der ökologischen Tragweite wird die Entwicklung begrüßt. „Meiner Meinung nach ist der Kohleausstieg für die Landschaft und für die dort lebenden Menschen das Beste, was passieren kann“, sagt Elisabeth Laumanns vom regionalen Katholikenrat Mönchengladbach. Sie wie alle anderen Befragten sehen aber auch die sozialen Folgen auf Wirtschaftsstruktur und Arbeitsmarkt.

„Die Herausforderung ist, zukunftsfähige und gute Arbeitsplätze in der Region zu schaffen,“ sagt Kathrin Henneberger vom Bischöflichen Generalvikariat Aachen und setzt mahnend hinzu: „Bei vorherigen Strukturwandlungen ist es nicht gut für die Region gelaufen.“ Auch jetzt läuft die Zeit weg, unterstreicht der kirchliche Umweltberater Reiner Lövenich. „Alle Beteiligten hatten rund 60 Jahre Zeit, für die Zeit nach dem Tagebau Inden zu planen.“ Durch den Kohlekompromiss ändere sich an diesem Fahrplan nichts, aber in der Region habe man eher gegeneinander gearbeitet statt gemeinsam. „Wir sind sehr spät dran“, bilanziert Lövenich.

 

Die Zeit der Verunsicherungen beenden

Manfred Körber vom Nell-Breuning-Haus fordert vor diesem Hintergrund Rechtssicherheit auf allen Seiten, die flankierenden Gesetze müssten jetzt kommen. „Die Region kann nicht mit dauernden Verunsicherungen den Wandel gestalten.“ Körber weitet den Blick, um was es bei der Zukunftsdiskussion geht. Mit verhandelt wird nämlich die Frage, wie wir morgen leben und wirtschaften wollen. Es gehe nicht um eine einzelne Technologie, von der man sich löst, sondern um eine tief greifende Transformation, weg vom bisherigen Lebensstil, der unsere natürlichen Ressourcen über die Maßen strapaziert, das Klima schädigt und Menschen sozial und kulturell beeinträchtigt, hier und weltweit.

„Bisher allerdings ist nicht erkennbar, ob und wie die Nachhaltigkeitsziele leitend für den Wandel sind“, bringt Körber auf den Punkt, woran es bisher mangelt im regionalen Diskurs. Der Schlüssel für eine gelingende Zukunftsgestaltung liegt nach Ansicht der Befragten in einer möglichst breiten Beteiligung der Bevölkerung. Dies sieht Lutz Braunöhler vom regionalen Katholikenrat Heinsberg zurzeit nicht gewährleistet. Er mahnt „offene und zielorientierte Gespräche unter Beteiligung aller Verantwortlichen und Betroffenen“ an. Die Möglichkeit, die Menschen mitzunehmen, sei bisher von der Gewerkschaft IGBCE, von RWE und Landesregierung vertan worden, nennt Irene Mörsch vom regionalen Katholikenrat Düren Ross und Reiter.

 

Junge Menschen an Beratungen beteiligen

Nun gelte es, den Strukturwandel gemeinwohlorientiert zu gestalten, also partielle Einzelinteressen hintan zu stellen, unterstreicht Wilfried Hammers vom Förderverein Arbeit, Umwelt und Kultur. Elisabeth Laumanns fordert eine sachliche Debatte ein „mit einem offenen, ehrlichen Umgang auf Augenhöhe“. Sie erwartet wie andere Befragte Transparenz in der Beratung, wie die Strukturhilfemittel für den Kohleausstieg in der Region eingesetzt werden. „Nicht der Einfluss von Lobbyismus großer Unternehmen soll dominieren, sondern die Zivilgesellschaft ist vielfältig zu beteiligen“, sagt Kathrin Henneberger. Und ergänzt: „Vor allem junge Menschen sollten beteiligt sein, da sie primär mit den Folgen des Strukturwandels und der Weichenstellung für die Zukunft werden leben müssen. Für unsere Region ist es entscheidend, dass sie lebenswert und attraktiv ist, damit junge Menschen in der Region gehalten werden und sich hier eine Zukunft aufbauen können.“

Viele Befragte zeigen sich vom aktuellen Engagement der Aachener Diözese enttäuscht. Eine Stellungnahme von Bischof und Bistum über die Abgrenzung zur Gewalt am Hambacher Forst hinaus wird vermisst. Reiner Lövenich spitzt es zu: „Es muss Kirche um die Bewahrung der Schöpfung gehen, nicht um den Erhalt der Kirche von Aachen.“ Ziel solle ein gutes Leben für alle Menschen sein, heute und morgen, hier und anderswo. „Die Chancen wahrnehmen und nicht aus Angst vor Fehlern oder Unzulänglichkeiten die Verantwortung ablehnen, das ist Weg und Ziel der Beteiligung von Verantwortlichen aus dem Bereich der katholischen Kirche im Bistum Aachen“, betont Lutz Braunöhler.

Wie kann das gehen? „Bisher haben weder das Bistum Aachen noch das Erzbistum Köln durch ein Programm oder Ähnliches auf die Herausforderungen reagiert“, sagt Manfred Körber. „Auch hat man keinen internen Verständigungsprozess organisiert. Man überlässt das Engagement einzelnen Akteuren vor Ort, wie Gemeinden, Katholikenräten, Bildungseinrichtungen. Das fällt dann aufgrund von Interessen und Betroffenheiten sehr unterschiedlich aus.“

 

Eine regionale Versöhnung anbahnen

Aber nicht nur die Leitungsverantwortlichen einer Diözese sind gefragt, damit der Strukturwandel in Richtung einer nachhaltigen Zukunft gelingt. Das unterstreicht so mancher Befragter. Die Gemeinden sollten selbstbewusst sein, nicht ihre Möglichkeiten als „Tropfen auf den heißen Stein“ klein reden, betont Wilfried Hammers. Irene Mörsch zählt ein paar konkrete Vorschläge auf: „Kirchenland nur noch für ökologischen Landbau verpachten. Kauf von Verbrauchs- und Konsumgütern nach nachhaltigen Kriterien. Verstärkte Überlegungen, ganz aktiv, zu baulichen Energieeinsparungen.“

Bleiben zum Schluss die Folgen einer aufgeheizten Debatte im Rheinischen Revier, als es noch darum ging, ob es einen Stopp der Braunkohle geben soll. Die Verwerfungen in der Bevölkerung sind groß, teilweise in die Familien hinein. Manfred Körbers Ansicht nach „sollte die katholische Kirche ein regionales Versöhnungsprojekt starten, zum Beispiel durch die Einrichtung einer regionalen Versöhnungskommission. Deren Ziel könnte es sein, einen Versöhnungsort aufzubauen, die Erzählung einer versöhnten Zukunft zu entwickeln. Warum nicht eine der entwidmeten Kirchen dafür nutzen?“ Ideen und Vorbilder gebe es, Potenzial und Kompetenz auch – „aber es braucht eben auch den Willen der Verantwortlichen.“

Was kommt nach dem Kohleaustieg?

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