Wie das Salz der Erde sein?

Der kolumbianische Kardinal Rubén Salazar Gómez zieht Bilanz von fast drei Jahrzehnten im Bischofsamt

Der kolumbianische Kardinal Rubén Salazar Gómez unterhält vielfältige Beziehungen zum Aachener  Bistum. Er schätzt die Partnerschaft der kolumbianischen Kirche mit dieser Diözese sehr. (c) Domkapitel Aachen/Luz Müller
Der kolumbianische Kardinal Rubén Salazar Gómez unterhält vielfältige Beziehungen zum Aachener Bistum. Er schätzt die Partnerschaft der kolumbianischen Kirche mit dieser Diözese sehr.
Di 23. Jun 2020
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 26/2020

Im Bistum Aachen ist Rubén Salazar Gómez kein Unbekannter. 2014 wurde der kolumbianische Kardinal zum Ehrendomherr ernannt. Auch ansonsten unterhält der charismatische Geistliche langjährige Beziehungen zur Aachener Diözese. Am 11. Juni endete nun seine Amtszeit als Apostolischer Administrator des Erzbistums Bogotá, mit der Einführung von Monseñor Luis José Rueda Aparicio als neuer Erzbischof. Zehn Jahre lang hatte Kardinal Salazar als Erzbischof von Bogotá und Primas von Kolumbien gewirkt, einige davon als Vorsitzender der Kolumbianischen Bischofskonferenz. Seit 1992 war der heute 77-Jährige bereits Oberhirte im Bistum Cucuta und im Erzbistum Barranquilla gewesen. Im Interview mit der KirchenZeitung zieht der Kardinal Bilanz. Und schickt herzliche Grüße an den Bischof und die Gläubigen im Bistum Aachen vorweg.

Zunächst die wichtigste Frage in diesen Zeiten: Wie geht es Ihnen? Wie erleben Sie die Coronakrise persönlich?

Es geht mir sehr gut. In Kolumbien erleben wir die Pandemie mit einer strikten Quarantäne, besonders Ältere ab 70 Jahren, so wie ich. Seit fast drei Monaten lebe ich in strenger Kontaktsperre. Während dieser Zeit habe ich mich bisher sehr gut gefühlt und bin in Ruhe meinen Verpflichtungen als Erzbischof und seit 25. April als Apostolischer Administrator des Erzbistums Bogota nachgekommen. Dabei habe ich die virtuellen Medien für Versammlungen und Besprechungen genutzt, um das Geschehen im Erzbistum im Blick zu behalten.

 

Welchen Beitrag können in Ihren Augen die kolumbianischen Diözesen und Pfarreien in dieser Krise leisten?

Angesichts der erstaunlichen Diversität der geografischen und sozialen Gegebenheiten in den verschiedenen Bistümern des Landes gibt es vielgestaltige Erfahrungen. Die zwangsweise Schließung der Kirchen und die Einstellung aller Treffen mit persönlicher Anwesenheit hat uns die interessante Erfahrung beschert, dass neue Formen der Evangelisierung entdeckt werden konnten. Liturgische Feiern, besonders die Eucharistie, wurden in virtuellen Übertragungen aufrechterhalten und haben den Pfarrgemeinden geholfen, zusammenzubleiben. Es gab Versammlungen, Foren, Kurse für Glaubenseinführung und Katechese usw. Die Herausforderung bestand darin, die Evangelisierung lebendig zu halten, und das ist uns gelungen. Ich glaube, dass dies ein guter Beitrag zu einer Erneuerung der traditionellen Methoden der Glaubensweitergabe sein kann. Auf diese Weise haben der Trost und die Kraft, die der in der Kirche gelebte Glaube geben kann, beigetragen, ein Klima der Ruhe und der Hoffnung während der Pandemie zu wahren.

 

Vor welchen größten Herausforderungen durch die Pandemie steht die Kirche in Kolumbien selbst?

Die soziale Dimension der Evangelisierung bedeutet sehr große Herausforderungen. Unser Land hat sehr hohe Armutsraten, die durch die pandemie-bedingte Quarantäne noch verschärft wurden. Vielen Familien gingen ihre Einnahmen verloren, die Arbeitslosigkeit ist in alarmierendem Ausmaß angestiegen. Den Armen helfen zu können, ihnen nicht nur Trost zu bringen, sondern auch materielle Hilfe, war eine Priorität für uns. Wir haben die Hilfsdienste, die die verschiedenen sozialen Einrichtungen der Erzdiözese leisten, aufgestockt. Und wir haben sehr hilfreiche Zusammenschlüsse mit anderen öffentlichen Stellen und privaten Initiativen hinbekommen, um die Hilfe auszuweiten. Wir haben über die sozialen Netzwerke auch die spirituelle und menschliche Unterstützung ausgeweitet. Das hat uns eine neue Kreativität in allen Bereichen abverlangt, und ich glaube, wir sind auf einem guten Weg.

 

Mitten in dieser Zeit ist Ihr Rücktritt als Erzbischof angenommen worden. Welche Gefühle begleiten Sie in diesem Moment?

Ich kann nur von Herzen danke sagen. Danksagung an den Herrn, der mich während 28 Jahren als Bischof und 53 Jahren als Priester für die Kirche und die Mitmenschlichkeit hat Dienst tun lassen. Danksagung an die Kirche, die mir ihre Arme geöffnet hat, um als Hirte beizutragen, dass das Evangelium alle Ebenen durchdringt: lokale, nationale und internationale. Danksagung an meine Mitbischöfe und -priester, weil es uns immer gelungen ist, als Team zusammenzuarbeiten. Danksagung an alle Gläubigen, die mich aufgenommen und in allen von mir angegangenen Arbeitsbereichen unterstützt haben. Und jetzt, im Ruhestand, kann ich weiter beten und bei der Evangelisierungsarbeit der Kirche helfen. Für all das bin ich unermesslich dankbar.

 

Was ist Ihr Fazit nach zehn Jahren an der Spitze des Erzbistums Bogotá? Was ging gut, was bleibt an Aufgaben?

Ich traue mich zu sagen, dass die Bilanz dieser Jahre im Erzbistum sehr positiv ist. Es wurde ein Pastoralplan für die Evangelisierung eingeführt, der es uns erlaubt hat, mit neuen Methoden mehr Menschen zu erreichen. Die Einheit unter den Priestern hat sich gefestigt und somit auch mit den Laien, die eine aktivere Rolle im Leben der Kirche eingenommen haben. So entstand in neuen Bereichen kirchliche Präsenz, vor allem im gesellschaftlichen Leben.

Es ist noch viel zu tun. Die Situation unseres Landes ist sehr schwierig, so dass wir jeden Tag aufs Neue herausfinden müssen, wie wir Salz der Erde und Licht der Welt sein können, so wie es der Herr von uns verlangt. Unsere Kirche begegnet der Zukunft mit großer Offenheit, will sich fortentwickeln und neue Möglichkeiten und Ausdrucksformen in der Evangelisierung aller Menschen finden. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass, je weiter der Horizont wird, desto größer und aufregender sich auch die Aufgabe gestaltet, die wir als Mitglieder der Kirche alle gemeinsam verfolgen. 

 

Als Diözesanbischof mit Erfahrung in drei Bistümern und gebürtiger Kolumbianer sind Sie ein Kenner des Glaubenslebens Ihrer Landsleute. Was zeichnet kolumbianische Frömmigkeit besonders aus?

Die Kolumbianer sind zutiefst religiös. Bis heute sind sie mehrheitlich katholisch, etwa 70 Prozent. Ich kann sagen, dass der Glaube sich vor allem in der Volksfrömmigkeit ausdrückt, besonders in der Verehrung des Leidens unseres Herrn, der Jungfrau Maria und der Heiligen. In den letzten Jahren wurden Zugänge der Glaubenseinführung sowohl für Kinder und Jugendliche als auch für Erwachsene intensiviert, die für viele ein Wachsen im Glauben ermöglicht hat. Nichtsdestotrotz bleibt eine gewisse Kluft zwischen Glauben und Leben. Anders lassen sich zum Beispiel die vielen Formen der Ungerechtigkeit und Gewalt nicht erklären, die es im Land gibt. Die wachsende Säkularisierung verursacht große Herausforderungen für ein reiferes, engagierteres Glaubensleben, das ein Leben aus dem Evangelium fördert.

 

Wie in anderen lateinamerikanischen Ländern nimmt auch in Kolumbien der Einfluss anderer christlicher Kirchen und Gruppierungen zu. Was bedeutet das für die katholische Kirche Ihres Landes?

In den letzten Jahren hat die Zahl der religiösen Konfessionen sowohl im christlichen wie im nichtchristlichen Bereich zugenommen. Diese Tatsache bedeutet für die Kirche, dass sie stimmiger, anspruchsvoller und kreativer in ihrer Evangelisierungsarbeit sein muss, um allen neue Formen des Wachsens im Glauben anzubieten. Diese Realität hat uns auch bescheidener gemacht: Wir sind jetzt eine unter vielen anderen Glaubensrichtungen, und unsere Aufgabe ist es mehr denn je, Zeugnis von unserem Glauben zu geben, vor allem durch Barmherzigkeit.

 

Die Umsetzung des Friedensvertrages von 2016 zwischen kolumbianischer Regierung und FARC taucht in deutschen Medien kaum noch auf. Wie sehen Sie derzeit die Chancen für eine friedlichere Zukunft Kolumbiens?

Die erreichten Vereinbarungen im Verhandlungsprozess mit der FARC sind Schritt für Schritt in der Umsetzung, wenn auch mit vielen Schwierigkeiten. Zum einen gibt es den Widerstand, der gegen den Vertrag als solchen entstanden ist, zum anderen die Zunahme von illegalen bewaffneten Gruppen, die vor allem vom Drogenhandel leben und weiterhin in vielen Regionen des Landes Gewalt säen. Dennoch ist der Friede in einige Regionen des Landes zurückgekehrt, und es konnten starke Programme für eine ganzheitliche Entwicklung in einigen Orten gestartet werden, die vorher vom Krieg verwüstet worden waren. Die soziale Ungerechtigkeit, die Ungleichheit, die Armut und das Elend eines hohen Prozentsatzes der Bevölkerung (derzeit verschlimmert durch die Pandemie) sind ständiger Nährboden für die Gewalt, und der Fluch von Drogenproduktion und -handel begünstigt grundsätzlich eine bewaffnete Kriminalität, die von den Tentakeln internationaler Player organisiert wird und vor allem in den Randregionen des Landes den Tod sät.

Die Zusammenhänge sind komplex, aber immer (noch) gibt es die Hoffnung, dass mit Hilfe aller gesellschaftlichen Kräfte eine geschwisterlichere, solidarischere, gerechtere Gesellschaft in Frieden erreicht werden kann. Der Einsatz der Kirche in diesem Bereich hält an und nimmt zu.

 

Wie in Deutschland ist die Kirche in Kolumbien mit ihrer Verantwortung für sexuellen Missbrauch konfrontiert. Was ist in Ihren Augen zu tun?

Die Kirche hat an erster Stelle die Verantwortung, dafür zu sorgen, dass kirchliche Räume heute für Kinder und Jugendliche sicher sind, und dass es somit dort nicht wieder zu Missbrauchsfällen kommt. Es braucht, wie bereits begonnen, eine klare Politik, die ein tiefes Bewusstsein für die Ablehnung jeder Form von Missbrauch erzeugt und verhindert, dass es überhaupt dazu kommt. Des Weiteren müssen die kirchlichen Gerichte in der Lage sein, schnell auf alle Anzeigen zu Missbrauchsfällen sowohl der Vergangenheit als auch der Gegenwart zu reagieren. Die Aufdeckung der Wahrheit des Geschehenen ist eine wesentliche Aufgabe, die mit hoher Professionalität, mit absoluter Gerechtigkeit und Transparenz erfolgen muss. Und schließlich muss die Aufgabe der Rehabilitation und der Wiedergutmachung für die Opfer, wie auch die Arbeit mit den Tätern, mit aller Ernsthaftigkeit etabliert und praktiziert werden. Vorbeugen, juristisch bestrafen und wiedergutmachen sind die drei erforderlichen Aspekte angesichts dieser Wunde im Herzen der Kirche.

 

2014 wurden Sie zum Aachener Ehrendomherrn ernannt. Wie würden Sie Ihre persönliche Beziehung zur Aachener Diözese beschreiben?

Meine Ernennung zum Ehrendomherrn der Aachener Kathedrale war für mich eine große Ehre, die mich immer mit Freude erfüllt und mit einer großen emotionalen Nähe zu dieser Diözese. Meine Beziehung zu Aachen reicht in meine ersten Bischofsjahre zurück, als ich das Glück hatte, an der Heiligtumsfahrt 1993 teilzunehmen. Die persönliche Beziehung zu Dr. Peters war eine ständige Quelle großer Herzlichkeit und Zugewandtheit zu dieser Teilkirche. Dann hatte ich als Präsident der kolumbianischen Bischofskonferenz die Ehre, diese Beziehung durch eine enge freundschaftliche Verbindung mit Bischof Mussinghoff zu intensivieren. Aufgrund meiner wiederholten Besuche in Aachen fühlt sich diese schöne Stadt für mich wie ein zweites Zuhause an. Ich empfinde nur Zuneigung, Verbundenheit und Freundschaft im Herzen für den gegenwärtigen Bischof Dieser, die Domherren und die ganze Ortskirche von Aachen.

 

Die Partnerschaft zwischen der Kirche Kolumbiens und dem Bistum Aachen währt bald 60 Jahre. Wie sehen Sie deren Zukunft?

Es sind 60 segensreiche Jahre für unsere Kirche in Kolumbien. Die Kirche von Aachen ist das Instrument gewesen, dessen sich der Herr bedient hat, um Solidarität, Hilfe, Geschwisterlichkeit zwischen unseren Kirchen erfahrbar zu machen als Ausdruck der großen Gemeinschaft in der universalen Kirche. Da sich die Zeiten ändern, ist es notwendig, neue Formen zu finden, um diese Partnerschaft in einer Weise zu stärken, dass sie immer wieder Quelle der Einigkeit und der Fruchtbarkeit unserer Kirche sein kann.

 

Sie kennen Deutschland schon lange. Was können Kolumbianer und Deutsche voneinander lernen?

Wir sind sehr unterschiedliche Nationen im Hinblick auf unsere Geschichte, unsere Kultur, unsere gegenwärtige Situation. Aber gerade aufgrund dieser Unterschiede können wir uns hervorragend ergänzen. Es gibt viele Fähigkeiten, die wir Kolumbianer von den Deutschen lernen können. Und ich glaube, dass es auch viele kolumbianische Fähigkeiten gibt, die die Deutschen lernen können. Die Erfahrung hat uns gezeigt, dass wir großartig zusammenarbeiten können. Gebe Gott, dass wir uns auch weiterhin gegenseitig bereichern können, vor allem im kirchlichen Kontext.

 

Wie gehen Sie in die Zeit ohne das hohe Amt? Werden wir Sie in Aachen wiedersehen – nach der Corona-Krise?

Ich werde, so Gott will, zur Heiligtumsfahrt im kommenden Jahr wieder nach Deutschland kommen. Es wird eine außerordentliche Freude für mich sein, an diesem Glaubensfest teilzunehmen, da es doch eine tiefe Ausdrucksform des Glaubens ist, der sich aus der Volksfrömmigkeit heraus speist und an ihr wächst.

In der Zeit meines Ruhestandes werde ich hoffentlich viel zum Lesen kommen, vor allem aus dem Bereich der Heiligen Schrift und der Theologie der Kirche. Und ich hoffe, dass diese Lektüremöglichkeit mich in meinem Gebet für die Kirche und die Welt stärkt. Nach einem sehr aktiven Leben hoffe ich auf mehr Zeit für Besinnung und das Innehalten im Herrn.

 

Das Gespräch führte Thomas Hohenschue. 
Thomas Hoogen und Ulrike Purrer übersetzten 
aus dem Spanischen.

Seit 60 Jahren Partner: Das Bistum Aachen und Kolumbien

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