Wer hat uns etwas zu sagen?

Spurensuche für kirchliche Erneuerung im Bistum Aachen

Der Moraltheologe Daniel Bogner (r.) warb dafür, in der katholischen Kirche zu bleiben und um Veränderungen zu kämpfen. Die Basis müsse lauter werden, die Zeit sei reif dafür. (c) Thomas Hohenschue
Der Moraltheologe Daniel Bogner (r.) warb dafür, in der katholischen Kirche zu bleiben und um Veränderungen zu kämpfen. Die Basis müsse lauter werden, die Zeit sei reif dafür.
Datum:
Di 21. Jan 2020
Von:
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 04/2020 | Thomas Hohenschue

Massenhaft verlassen zurzeit Menschen die katholische Kirche. Was hält viele Katholiken davon ab, es ihnen gleich zu tun? Die hohe Verbundenheit mit der Glaubensgemeinschaft, der sie sich trotz allem zugehörig fühlen. Wer stärkt sie in dieser Verbindung? Vorkonziliare Kleriker, die ihnen die evangelische Kirche als neue Heimat empfehlen? Sicher nicht. Eher Mitchristen, die sie in ihrem Leiden am Zustand der Kirche ernst nehmen und mit ihnen Wege suchen, die Glaubensgemeinschaft in die Welt des 21. Jahrhunderts mitzunehmen.

Kontroverse Debatte um das Gottes- und Menschenbild: Ist Gott in erster Linie als Mann auf die Welt gekommen? Je nach Antwort stellt man sich verschieden zur Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche auf. (c) Thomas Hohenschue
Kontroverse Debatte um das Gottes- und Menschenbild: Ist Gott in erster Linie als Mann auf die Welt gekommen? Je nach Antwort stellt man sich verschieden zur Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche auf.

Es sind dies Menschen wie Karl Weber. Der neue Vorsitzende des Diözesanrats der Katholiken im Bistum Aachen fremdelt mit seiner Rolle als Vorsteher. Einen solchen braucht das Gremium, weil die Satzung es so will. Weber will aber Teamspieler sein, allenfalls primus inter pares, erster unter gleichen. Und so setzt er gemeinsam mit seinem Vorstand, die Vollversammlung aus Räten und Verbänden im Rücken, starke Akzente. Der Diözesanrat bringt das Leiden vieler Katholiken an ihrer Kirche zur Sprache und ebnet ihnen Wege, darüber offen zu sprechen. 

Eine Plattform dafür ist ein Positionspapier, das die Vollversammlung kürzlich veröffentlichte. Und der Rat trat nun in einem zweiten Schritt in Vorleistung für die Idee, die damit verbunden ist: breit im Bistum über den Reformstau zu debattieren, den die katholische Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil vor sich herschiebt. 150 Frauen und Männer aus der ganzen Diözese trafen sich zu einem intensiven, inspirierten Austausch in der Citykirche von Mönchengladbach.

Zu den Mitchristen, die viele Katholiken von einem Kirchenaustritt abhalten, zählt auch Daniel Bogner. Er ist Moraltheologe und lehrt zurzeit an der Uni in Fribourg. In Mönchengladbach ließ sich regelrecht beobachten, wie er um jeden Katholiken kämpft, der resigniert und die Gemeinschaft verlassen möchte. Es waren nicht wenige im Plenum, deren gepackte Koffer bildlich zu Hause bereit liegen, um die Reise in ein unbekanntes Land anzutreten, jenseits der katholischen Kirche. Bogner argumentierte dagegen. Er sieht die Probleme genauso klar wie die Frauen und Männer, die so verärgert, verzweifelt, verloren sind, dass sie kaum noch anders sich zu helfen wissen, als zu gehen. Bogner weiß um die erschütternde Dimension von Machtmissbrauch, von sexuellem, geistlichem und finanziellem Missbrauch. Er weiß um die systematische Demütigung von Frauen, um die übergriffige Bewertung von sexuellen Orientierungen, um die Gnadenlosigkeit im Umgang mit gescheiterten Beziehungen und neuen Liebesbeziehungen. Und er weiß auch, dass Kleriker nicht nur theoretisch mit einem Federstrich gewachsene Pastoral und liturgische Praxis beenden können, sondern es tatsächlich tun. Zahllose Beispiele kennt er dafür, und keines davon ist nachvollziehbar und schön.

 

Das Kirchenrecht stammt aus einer Zeit  vor der Entwicklung von Demokratien  

Bogner macht Mut, sich nicht mit diesen Missständen abzufinden, indem man geht und damit das Feld denen überlässt, die nichts an der Kirche ändern möchten,  allenfalls einer oberflächlichen Veränderung das Wort reden. Der Moraltheologe zeigt auf, dass die Missstände menschengemacht sind, historisch bedingt. In der Bibel sieht er die uneingeschränkte Konzentration von Macht bei wenigen zölibatär verpflichteten Männern nicht verankert. Im Gegenteil entdeckt er in der Heiligen Schrift die Kunde von einem Gott, der alle Menschen liebt, unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung, unabhängig vom Beziehungsstatus. Und er entdeckt dort die frohe Botschaft von einem Gott, der die Menschen als sein Ebenbild und sein Volk zur Freiheit beruft, die verantwortlich gelebt wird.

Um klare Worte ist Bogner nicht verlegen, er richtet einen Scheinwerfer auf den Kern aller Probleme: dass die heutige Verfasstheit der Kirche in ihren Grundzügen aus einem Zeitalter vor der Entwicklung der Demokratie stammt. Das Kirchenrecht habe sich nicht aus seinen monarchisch-absolutistischen Wurzeln gelöst. Der Theologe legte frei, worin der zentrale Knackpunkt zwischen kanonischer Kirche und demokratischer Gesellschaft bestehe. Die weltlichen Gemeinwesen hätten sich Verfassungen gegeben, die auf der unantastbaren allgemeinen Menschenwürde als wichtigstem Prinzip basieren. Das Kirchenrecht hingegen setze einen abstrakten Auftrag als Fundament, die Weitergabe des Glaubens. An die Menschenwürde sei dieser Auftrag nicht gebunden, so käme es zu Brüchen. Folgerichtig forderte Bogner die Einführung einer wirksamen Gewaltenteilung in der Kirche und Regeln für eine Mitwirkung der getauften Christen, die verbindlich ist und bleibt. Dafür müssten jeder Christ und jede Christin etwas tun, denn der Absolutismus heile sich nicht von selbst. Bogner ermutigte Priester und Laien gleichermaßen, das Kirchenrecht an den Punkten zu übertreten, wo es nicht in der Lebenswelt greife und nicht aus der Bibel begründbar sei.