Was ist denn jetzt normal?

Diözesancaritasdirektor Burkard Schröders sieht viele gesellschaftliche Herausforderungen durch Corona

Burkard Schröders geht ganz anders durch sein letztes Berufsjahr, als er es geplant hatte. Die Coronakrise stellt ihn wie viele andere vor die größte Herausforderung seiner Amtszeit. (c) Thomas Hohenschue
Burkard Schröders geht ganz anders durch sein letztes Berufsjahr, als er es geplant hatte. Die Coronakrise stellt ihn wie viele andere vor die größte Herausforderung seiner Amtszeit.
Di 16. Jun 2020
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 25/2020

Der Schutz der Gesellschaft vor einer exponentiellen Ausbreitung des neuartigen Coronavirus hat die letzten Monate geprägt. Die Krise fordert alle gewaltig heraus, sie macht Stärken und Schwächen unseres Zusammenlebens sichtbar. Schon jetzt zeichnet sich ab, worum wir uns heute und in Zukunft kümmern müssen. Der Aachener Diözesancaritasdirektor Burkard Schröders skizziert im KiZ-Interview einige Punkte, die wir nicht aus dem Blick verlieren dürfen. 

Wie blicken Sie persönlich auf die letzten Wochen und Monate zurück?

Das für mich letzte Berufsjahr läuft ganz anders als geplant. Kurz vor einer gut geordneten Übergabe an meinen Nachfolger stand und stehe ich vor der größten Herausforderung meiner Amtszeit. Ich muss seit drei Monaten auf Sicht fahren, wie so viele andere Verantwortliche. Wer mich kennt, weiß, dass ich das überhaupt nicht liebe. Aber die Situation erforderte es, völlig unvorbereitet weitreichende Maßnahmen zu treffen, ohne genau zu wissen, wie es weitergeht. 

 

Wie sah und sieht das konkret aus?

Zuerst mussten wir voll die Notbremse ziehen. Unsere Geschäftsstelle haben wir mehr als zwei Monate fast vollständig ins Homeoffice verlegt. Wir haben dafür eine Woche gebraucht, weil wir so etwas nicht im Blick hatten. Für die Verwaltungstätigkeit in unserem Haus ging das gut, für die Fortführung der Facharbeit standen wir vor großen Herausforderungen. Viele  Einrichtungen der verbandlichen Caritas mussten noch viel mehr improvisieren. Gute Lösungen suchen mussten vor allem die Einrichtungen und Dienste, die unmittelbar für Menschen da sind. Das betraf bei Weitem nicht nur Krankenhäuser und Altenheime. Für diesen Einsatz sage ich von Herzen: danke!

 

Wie beurteilen Sie das Krisenmanagement von Bund, Ländern und Kommunen?

Unter dem Strich finde ich, dass grundsätzlich gut gearbeitet wurde. Die befürchtete gesundheitliche Krise ist vorläufig abgewendet, das ist eine große Leistung, wenn man sieht, was in anderen Ländern und Erdteilen los ist. Allerdings zeigt sich nun, dass das Hochfahren wesentlich schwieriger ist als das Runterfahren. Wir müssen ganz unbedingt aus den Erfahrungen der vergangenen Monate lernen, zunächst für eine mögliche zweite Welle und ganz generell, um für künftige Pandemien und andere Katastrophen besser gewappnet zu sein. 

 

An welche Punkte denken Sie hier?

Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass wir hier zwar ein hochmodernes, recht gut ausgestattetes Gesundheitssystem haben, aber fast an der Frage gescheitert wären, ob es genügend Schutzkleidung und Masken gibt? Wir haben erkannt, dass wir bei existenziellen Grundlagen für eine funktionierende Gesundheitsversorgung in sträflicher Weise von Dritten abhängig sind. Aus der Krise müssen wir nun lernen, dass Europa eigene Kapazitäten aufbauen und halten muss. Wir haben das ja bei der Medikamentenversorgung kommen sehen, schon vor der Krise. Diese hat nun schonungslos die Versäumnisse offengelegt – hier wie auf anderen Feldern.

 

An welche Versäumnisse denken Sie?

Wir sehen an den lokalen Ausbrüchen, dass das Virus weiter da ist und jede Chance ergreift, sich zu verbreiten. Es ist auffällig, dass es genau dort besonders gute Karten hat, wo Menschen unter unwürdigen Bedingungen leben und arbeiten müssen. Da denke ich nicht nur an die katastrophalen Bedingungen in Entwicklungs- und Schwellenländern. Wir sehen das genauso bei uns, zum Beispiel in Flüchtlingsunterkünften, wo die Menschen auf engem Raum leben, oder bei den Sammelbehausungen, in denen Wanderarbeiter der Fleischindustrie wohnen, und das auch noch überteuert.  

 

Was ist zu tun?

An einem führt ganz bestimmt kein Weg vorbei: Wir müssen als Gesellschaft und als Einzelne endlich bereit sein, mehr Geld dafür auszugeben, dass es allen Menschen etwas besser geht. Dass Wanderarbeiter schlecht bezahlt werden und unwürdig wohnen, liegt zwar zunächst in der Verantwortung des privatwirtschaftlichen Unternehmers. Aber wir alle haben über unser Verbraucherverhalten Einfluss darauf. Und ich stelle mir schon die Frage, ob wir in Deutschland bereit sind, zum Beispiel für das Kilo Fleisch mehr Geld zu bezahlen, damit es nachhaltig, sicher und gesund produziert wird.


Was können wir alle noch aus der Krise lernen, für unsere Zukunft?

Im Moment geht es ganz wesentlich darum, unseren Wohlstand in die nächste Runde zu retten. Und das geht in meinen Augen nur nachhaltig. So, wie wir bisher leben, beuten wir andere aus. Und wir beuten Umwelt und Natur aus, zu Lasten künftiger Generationen. Die Krise bietet uns die riesige Chance, die Weichen endlich richtig zu stellen. Bisher sind wir in einer privilegierten Situation gewesen. Seit mehr als 70 Jahren kennen wir in Deutschland keinen Krieg und keinen Hunger mehr. Aber die Pandemie weitet den Blick und zeigt uns, dass wir es als Menschheit schaffen müssen.

 

Zurzeit beschäftigen uns eigene Sorgen, Ängste und Nöte. Wie geht es weiter?

Es ist dramatisch, wie rasch Menschen in existenzielle Nöte geraten. Ich sehe nun manches, das ich sonst kritisiert hätte, positiver, beispielsweise die Gabenzäune. Sie sind zwar keine sozialpolitische Lösung, aber sie helfen in der aktuellen Situation. Menschen wollen jetzt so direkt wie möglich andere unterstützen. Diese tätige Nächstenliebe, die wir überall beobachten, ist die richtige solidarische Antwort. Mit Sorge sehe ich hingegen diejenigen, die Ängste von Menschen für ihre politischen Ziele ausnutzen, um die Demokratie zu beschädigen. 

 

Welche weiteren Antworten braucht es?

Sollte das Virus wieder stärker ausbrechen, müssen wir besser auf die Menschen achten, die wir besonders schützen wollen. Die Isolation hat vielen nicht gut getan. Ein Zweites: Der plötzliche Schub an Digitalisierung hat bei allem Positiven den Trend verschärft, benachteiligte Bevölkerungsgruppen abzuhängen. Hier müssen wir gegensteuern. Es ist ganz wesentlich, dass wir sozial gerecht unterwegs sind und nicht wieder verlernen, dass wir aufeinander angewiesen sind. Die Krise zeigt uns, dass wir nicht so weiter machen können wie bisher. Wir müssen jetzt mit dem nötigen gesellschaftlichen Dialog anfangen. Das fordere ich auch angesichts der Tatsache, dass wir noch länger mit der Pandemie leben müssen. Wir kehren nicht in die Normalität zurück, wie wir sie kennen – es wird eine neue Normalität sein. Sie gilt es, menschenwürdig und solidarisch zu gestalten.

 

Das Gespräch führte Thomas Hohenschue.