Virtuelles Chor-Erlebnis

Michael Hoppe und Andreas Hoffmann schufen digitales Abendlob mit Teilnehmern des ganzen Bistums

Ein Großteil der Chormitglieder hat sich nie getroffen. Jeder schickte lediglich eine Aufnahme, am liebsten mit zugehörigem Video. (c) Andreas Hoffmann
Ein Großteil der Chormitglieder hat sich nie getroffen. Jeder schickte lediglich eine Aufnahme, am liebsten mit zugehörigem Video.
Datum:
Di 7. Jul 2020
Von:
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 28/2020 | Arne Schenk

Der Shutdown kam im März schlagartig für das gemeinschaftliche Singen und Musizieren – auch für die Kirchengemeinden, erklärt Kirchenmusikreferent und Domorganist Michael Hoppe. Er berichtet im Interview mit der KirchenZeitung: „Wir haben relativ bald aus der ersten Schockstarre heraus überlegt, was wir denn machen können.“

Bei den Chormitgliedern sowie seinen Kolleginnen und Kollegen herrschte große Unruhe, weil nicht klar war – und immer noch nicht ist –, wann überhaupt gemeinsames Singen wieder möglich ist. Nicht nur das Musizieren und der kulturelle Aspekt sei ihnen wichtig, sondern vor allen Dingen der menschliche und soziale Aspekt: „Wir laufen Gefahr, dass wir den Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen verlieren, aber auch zu den Erwachsenen, zu unseren Kirchenchören.“ Aktuelle Vorgabe: Sechs Personen dürfen auf Abstand in Gottesdiensten singen – drei Meter zur Seite und vier Meter nach vorne. Proben (inklusive Stoßlüften alle 20 Minuten, Hygienemaßnahmen, Anwesenheitsliste) geht nur in Gruppen. Dieser Aufwand helfe ein wenig, aber das Erlebnis, als 50-Personen-Chor zusammenzukommen, sei weiterhin Zukunftsmusik.

Auf Anregung von Andreas Hoffmann, Regionalkantor Aachen-Land, überlegten beide, wie es in der Corona-Situation trotzdem weitergehen könne. Ausschlaggebend war ein virtuelles Abendlob des Bistums Mainz kurz vor Ostern, das Michael Hoppe sehr ansprechend und berührend fand. Die logische Schlussfolgerung: das Abendlob auf das Bistum Aachen zu übertragen, zumal Hoppe selbst zu den Kar- und Ostertagen halbstündige Orgelimpressionen eingespielt und Andreas Hoffmann bei 70 Videoproduktionen von kleinen Impulsen bis zu Osternachtgottesdiensten reichlich Erfahrung im technischen Bereich gesammelt hatte.

Schließlich stellte Hoppe das Projekt im Kreis der Regionalkantoren vor. Die Kollegen hätten direkt mitgezogen, um Chor-Sängern das Gefühl zu geben, nicht allein zu sein. Das Projekt sollte bewusst eine spirituelle Ebene erhalten, denn der gottesdienstliche Rahmen gebe dem Tun zusätzlich eine Stärkung. Der Vorteil des Abendlobs: Das Format lässt sich unabhängig von Festtagen und Jahreszeiten, ob Tag oder Nacht, wochentags wie feiertags anschauen. Und dazu singen.

Nächster Ansprechpartner war Pfarrer Werner Rombach von der Pfarrei Christkönig Erkelenz und Diözesanpräses des Cäcilienverbandes, der sich spontan bereit erklärte, dem Gottesdienst als Priester virtuell vorzustehen. Gemeinsam wurde das Programm erstellt. „Die meisten Lieder haben wir dem Gotteslob entnommen, das auch Nicht-Chor-Sänger hoffentlich zu Hause haben“, sagt Hoffmann.

Dann wurden die verschiedenen Teile auf Regionen des Bistums verteilt. Das erste Orgelstück bestritt ein Kollege aus Krefeld. Das erste Chorstück wiederum sang ein Quartett aus Mönchengladbach ein. Dann kam eine Psalm-Vertonung von Beteiligten aus Aachen, der Antwortgesang aus Heinsberg und ein Vaterunser aus der Eifel. Dazu kamen Instrumentalisten aus dem Qualifizierungslehrgang Popularmusik. 
Letztlich wurde für alle Chorsänger im Bistum, die Lust hatten, Noten und Audiotapes zur Verfügung gestellt, damit sie zu Hause dazu singen konnten. Insgesamt kamen 160 Frauen  und Männer aus allen Regionen zum Einsatz.

Alle Videodateien landeten bei Andreas Hoffmann, insgesamt rund 100 Gigabyte. Dann ging es ans Zusammensetzen, Audiospuren vom Video trennen, alles synchronisieren, Listen führen, um niemanden zu vergessen, oder eine Stelle im Stück als Anhaltspunkt heraussuchen. Lauter kleinschrittige Puzzlearbeit. Als diese halbwegs fertig war, galt es, die Videospuren nacheinander aufzubauen. Eine Heidenarbeit im christlichen Dienst: elf bis zwölf Stunden pro Video. Nach etwa dreieinhalb Wochen war Hoffmann fertig. Dann setzte er sich zu Pfingstmontag vier Stunden lang auf den Katschhof für die Time-laps, die Zeitrafferaufnahme für Anfang und Schluss.

Das 45 Minuten dauernde Video wurde im Juni veröffentlicht. Aktuell verzeichnet es 2500 Aufrufe. Was für viele Sänger als Neuland und somit Herausforderung startete, begeistert als fertiges Ergebnis. Einige hoben das virtuelle Gemeinschaftsgefühl hervor, obwohl sich etwa 80 Prozent der Beteiligten zuvor nie gesehen hatten.

Sehr bald sei eine Wiederholung nicht realisierbar, erklärt Michael Hoppe. Wenn sich jedoch bis Jahresende keine echte Verbesserung einstelle, könne er sich vorstellen, ein ähnliches Projekt zu starten. Er hoffe aber auf baldige Erleichterung. Bis dahin hieße es, die Füße still zu halten und bei aller Ungeduld abzuwarten, wie sich die Lage weiter entwickele.

Der Link: https://youtu.be/V6RBCotp73Y

Ein virtuelles Abendlog entsteht

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