Statement von Bischof Dr. Helmut Dieser zur Unterzeichnung des Vertrags von Aachen

Bischof Dr. Helmut Dieser (c) Bistum Aachen - Carl Brunn
Bischof Dr. Helmut Dieser
Di, 22. Jan 2019
iba

"Was Menschen aufbauen und gestalten, ist niemals perfekt.

Es steht unter dem dau­ernden Druck von Veränderungen, von erkannten Fehlern und besse­ren Vorschlägen.

Es steht aber auch unter dem festen Vertrauen des Menschen, das Gute erkennen und auf­bauen zu können.

Vor dieser Einschätzung begrüße ich ausdrücklich die Erneuerung des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages durch Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzlerin Angela Merkel im Vertrag von Aachen, den beide am 22. Januar 2019 in Aachen unterzeichen wer­den.

Mit diesem Vertragsabschluss wird das Versöhnungs- und Aufbauwerk ihrer beider Vor­gän­ger Charles de Gaulle und Konrad Adenauer, das aus dem Pariser Élysée-Vertrag vom 22. Januar 1963 hervorging, bestätigt, fortgesetzt und vielfältig weiterentwickelt.

Das Signal des Aachener Vertrages ist nicht ausschließlich bilateral, sondern durch und durch europäisch.

Der Gedanke der Zusammen­gehörigkeit in Europa war und ist für die Eu­ro­­­päer im Ganzen und für uns Deutsche im Besonderen ein unerwarteter und unverdienter Segen und hat nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust zur Wiedereingliederung unseres Volkes in die europäische Völkerfamilie und zum Wohlergehen unzähliger Menschen in allen Ländern Europas geführt.

Und dieses Wohlergehen hat konkrete Namen: Freiheitliche demokratische Verfassungen in den europäischen Ländern, die untereinander anschlussfähig und nicht feindselig sind; Ge­wal­­ten­tei­lung, Rechtsstaatlichkeit, Religionsfreiheit, Pressefreiheit, Frei­zügig­keit, Grenz­öff­nung, Wirt­schafts­gemeinschaft und begonnene Wäh­­rungs­­gemein­schaft.

Die Menschen der meisten Länder unseres Kontinents genießen heute die Vor­teile von all dem und wollen daran festhalten, keinen Rückschritt dahin­ter mehr zulas­­sen.

Und für all das steht die Europäische Union.

Wir wissen alle: Europa ist längst nicht perfekt, nicht in allem gerecht, nicht in allem ausge­glichen und effektiv.

Es gibt darum immer gute Gründe, sich in der Politik zu engagieren, Missstände zu benennen und überwinden, Europa positiv weiter entwickeln zu wollen.

Mit seinen konkreten Vereinbarungen zielt der Vertrag von Aachen solche Verbesserungen konkret an, zum Beispiel verbindlichere Abstimmungen in der Europapolitik, eine starke ge­meinsame Außen- und Sicherheitspolitik und einen Wirtschaftsraum mit gemeinsamen Re­geln. Die beiden Länder Deutschland und Frankreich verstehen sich dabei als Partner und Motor für und in Europa.

An eine solche Stärkung Europas darf sich dann aber auch die Hoffnung knüpfen, dass die Länder unseres Kontinentes sich nicht abschotten gegen den Rest der Welt, sondern gemein­sam fähig werden, die Herausforderungen der globalen Migration und der friedlichen und gerechten Entwicklung der Länder des Südens mit zu gestalten.

Ein starkes Europa muss seine Stärke dafür einsetzen, den Schwächeren und Bedrängten aufzuhelfen, nicht sie einfach nur abzuwehren!

Ein starkes Europa lässt Vielfalt zu und schützt und fördert die, die die geistigen und geist­lichen Grundlagen seiner Werte lebendig halten!

Darum ist die Wahl der Stadt Karls des Großen für die Unterzeichnung des Aachener Vertra­ges auch eine willkommene Erinnerung an die geschichtlichen Wurzeln der Euro­päischen Idee. Karl, der Vater Europas, begriff in seinem Einigungswerk nicht allein die imperiale Staatlichkeit und militärische Gewalt als Einigungsprinzip Europas, sondern tiefer noch den christlichen Glauben und damit verbunden die Förderung und die Verbreitung von Bildung.

Auch der Aachener Vertrag steht aktuell unter der Herausforderung der Sinnfrage. Der wie­der aufflammende Nationalismus und die Ausbreitung populistischer Vereinfachungen und allgemeiner Heilsversprechen werden in die Enttäuschung führen und stiften schon jetzt Ver­wirrung, Zwietracht und Feindseligkeit.

Nichts, was Menschen aufbauen, ist absolut und perfekt.

Der christliche Glaube erhofft das Absolute und Perfekte allein von Gott.

Darum aber sind Christen frei und fähig, zusammen auch mit Anders- und Nichtgläubigen, in dieser Welt das Gute anzustreben, Fehler zu erkennen und neue, bessere Schritte zu wagen.

In diesem christlichen Geist wird Europa sich weiter entwickeln können.

Darum begrüße ich den Aachener Vertrag, der Europa an seine Wurzeln erinnert und stärkt!“ (iba/Na 007)