Normal ist das alles nicht

Wie gestalten Pfarreien im Bistum Aachen ihr Leben in der Pandemie? Eine Umfrage unter GdG-Leitern

Gespenstisches Symbol der Pandemie: Kinderspielplätze, die zugesperrt wurden. Wie bei Bahnhöfen, Straßen, Einkaufszonen blieb das Leben aus ihnen. (c) www.pixabay.com
Gespenstisches Symbol der Pandemie: Kinderspielplätze, die zugesperrt wurden. Wie bei Bahnhöfen, Straßen, Einkaufszonen blieb das Leben aus ihnen.
Datum:
Mi 5. Aug 2020
Von:
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 32/2020 | Thomas Hohenschue

Sommerzeit. Ferienzeit. Entspannte Zeit? So ist es gerne in normalen Zeiten. Auch jetzt herrscht vielerorts Stille. Aber die Ruhe ist trügerisch. Manche machen Pause, holen tief Luft, andere bleiben im Dauerlauf der letzten Monate. Denn das Coronavirus diktiert die Bedingungen für das Leben. Was für uns alle gilt, trifft auch die katholischen Gemeinden, mit weitreichenden Folgen, wie eine Umfrage der KirchenZeitung unter GdG-Leitern zeigt.

Landauf landab wird diskutiert, ob das, was wir gerade erleben, eine neue Normalität ist, auf die wir uns einstellen müssen. Die meisten wissen, dass wir uns mit Einschränkungen wie Schutzmasken und Abstandsgebot zu arrangieren haben, um das Infektionsgeschehen in Schach zu halten. Nur zu gut erinnern sich viele an die dramatischen Bilder, was geschieht, wenn Krankenhäuser überlastet werden. Und wohl keiner möchte wieder erleben, dass Bahnhöfe und Straßen menschenleer bleiben und Flatterband um Spielplätze gespannt ist, weil von sorglos spielenden Kindern und ihren dabei sitzenden Eltern eine Gefahr ausgehen könnte.

„Es ist tatsächlich eine neue Normalität mit Corona in unseren Gemeinden entstanden“, berichtet Pfarrer Rainer Thoma, Leiter der Kohlscheider Pfarrei Christus unser Friede. Er meint damit, dass ein Alltag zurückgekehrt ist, unter neuen Vorzeichen zwar, aber verlässlich. Ein neuer Rhythmus stellt sich ein, unter neuen Bedingungen. Wieder Gottesdienste, wenn auch ohne Gesang, Taufen ja, aber mit maximal zwei Täuflingen, Beerdigungen fast schon wieder wie früher, aber mit Hygieneauflagen, erste Erstkommunionen nach den Ferien, aber in kleinen Gruppen, Hochzeiten allerdings oft erst im nächsten Jahr. Ein ähnliches Bild bietet sich in vielen Gemeinschaften der Gemeinden (GdG) im Bistum Aachen.

„Normal“ finden das die meisten nicht. „Es ist schon ein gewaltiger Einschnitt in das Gemeindeleben“, bilanziert stellvertretend Pfarrer Heinz Intrau, Leiter der GdG Herzogenrath-Merkstein. Auch andere Mitglieder des Pastoralteams äußern sich entsprechend. „Es gibt keine Normalität in den Kontakten mit den Gremien und Gruppen“, bedauert Pastoralreferent Klaus Aldenhoven. Gemeindereferent Mario Hellebrandt ergänzt: „Normal“ müsse im Moment heißen, sich an dem zu orientieren, was möglich und sinnvoll sei.

Wie schmerzlich diese Erkenntnis ist, wird an vielen Wortmeldungen bei der KiZ-Umfrage deutlich. „Normalität gibt es noch nicht, da die Auflagen zu den Gottesdiensten und den gemeindlichen Versammlungen weiter bestehen und jegliche Zukunftsplanungen nach wie vor unsicher sind auf die weitere Entwicklung der Corona-Situation“, stellt Pfarrer Erik Pühringer, GdG Mechernich, klar. Und Regionalvikar Klaus Hurtz, Rheydt, macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. „,Neue Normalität‘ ist für mich der falsche Begriff, insofern das Virus uns der Möglichkeiten beraubt oder sie einschränkt, die uns wichtig sind und für die wir auch besondere Kompetenzen besitzen: Begegnung, Kommunikation, Trost, sakrale Feiern und vieles mehr. In diese Gegebenheiten muss man sich ,dreinschicken‘, ich weigere mich, sie als ,normal‘ zu akzeptieren!“


Wir müssen lernen, damit zu leben

Bei allem Schock und allem Schmerz heißt es nun weitergehen und gestalten. „Nachdem es zunächst danach aussah, dass die Corona-Epidemie ein vorübergehendes Phänomen ähnlich einer Grippewelle sein würde, mussten wir in den letzten Wochen lernen, dass wir wohl noch länger damit werden leben müssen“, sagt Pfarrer Jan Nienkerke von der Pfarrei St. Cornelius und Peter in Viersen-Dülken. „Vor diesem Hintergrund stellt sich uns momentan die Frage, wie wir verantwortbar erste Schritte zurück in den gemeindlichen Alltag unternehmen können, ohne unsere Gemeindemitglieder einem erhöhten Gefährdungsrisiko auszusetzen.“

Grundlage dafür sind sicher überall vor allem Erfahrungen, die in den ersten Monaten gesammelt wurden während des allgemeinen Stillstands ab Mitte März und des Hochfahrens ab Anfang Mai. Lernen lässt sich sowohl aus guten als auch schlechten Erfahrungen und Erlebnissen. Experimente wurden gemacht, manche gelangen, andere scheiterten. Die Umfrage der KiZ ergibt ein schillerndes Bild und kann nur einige Blitzlichter wiedergeben, was alles vor Ort geschah oder auch nicht geschah. Die Unterschiede sind gewaltig, es hängt wohl von örtlichen Bedingungen und handelnden Personen ab, wie Zwischenbilanz und Ausblick ausfallen.

Erstes großes Thema: die Gottesdienste. Als die Gotteshäuser geschlossen waren, wurde einiges ausprobiert, meist an digitalen Verkündigungswegen. Dabei ging es nicht allein um das Streaming von Eucharistiefeien. Die GdG Grenzenlos im Aachener Nordwesten zum Beispiel begleitet die Menschen seit Mitte März mit täglichen spirituellen Impulsen auf der Homepage, als Newsletter, und zum Wochenende und Festtag gibt es einen Podcast, wie Pfarrer Josef Voß berichtet. Diese Angebote bleiben hier wie an anderen Orten im Bistum Aachen bestehen, auch wenn in einem Teil der Kirchen seit Mai wieder Gottesdienste stattfinden.

Trotz der ausgefeilten Schutzkonzepte müssen viele feststellen, was Regionalvikar Hannokarl Weishaupt aus Eschweiler freimütig bekennt: „Der Besuch der Gottesdienste ist gerade am Sonntag stark zurückgegangen.“ Mit Blick auf das besondere gesundheitliche Risiko können das viele nachvollziehen. Es kommt wohl bei etlichen bisherigen Besuchern auch das zum Tragen, was Erik Pühringer sagt: „Die Einschränkungen rund um die liturgischen Feiern stellen die Feier als solche fast schon in Frage. Eine Versammlung aller Christen zum Gottesdienst, an der aber nur wenige teilnehmen dürfen, ist ein Absurdum.“
Zu großem Ärger haben telefonische Anmeldeverfahren geführt, die im besten Willen angeboten wurden, damit niemand an der Kirchentür abgewiesen werden muss, wenn die zulässige Kapazität des Gotteshauses erreicht ist. Wie zum Beispiel bei der Pfarrei Sankt Vitus in Mönchengladbach, wie Gemeindereferent Christoph Rütten für das Pastoralteam berichtet. Manchmal sei die Leitung überlastet gewesen. Vor allem aber hätten die Gottesdienstbesucher das Verfahren nicht akzeptiert. Ihnen ging es wohl wie Klaus Hurtz, der sagt: „Dass ein Kirchenbesuch geplant, überlegt, angemeldet sein muss, ist für mich sehr schmerzhaft. Zu Gott geht man spontan oder seinem inneren Rhythmus folgend – und manchmal für die anderen Menschen anonym.“

Die Hygieneauflagen, Maskenpflicht, Sitzordnung, Registrierung, würden von denen, die kommen, hingegen weitgehend getragen, melden viele Befragte zurück. Der Einsatz ehrenamtlicher Ordner für den Infektionsschutz könne gar nicht genug gewürdigt werden. Überhaupt engagieren sich zahlreiche Menschen, damit Eucharistie- und Wortgottesfeiern trotz der Beschränkungen zum gemeinsam geteilten, würdigen Glaubensereignis werden. Ganz oben auf der Mängelliste: der untersagte Gesang, was das Erleben von Gemeinschaft und Gotteslob schmälert. Josef Voß berichtet von stärkerer Einbeziehung der Gemeinde mit Gebeten. Aber Chöre kommen zurzeit fast nirgendwo zum Einsatz in den Gotteshäusern. Jan Nienkerke erzählt von den „Pandemia Singers“, die ehrenamtlich und stellvertretend für die Gemeinde aus Plexiglaskabinen von der Orgelbühne heraus Gottesdienste mit ihrem Gesang bereichern. 


Das Gruppenleben kam zum Erliegen

Zweites großes Thema: Wie Kontakt halten mit den Menschen, die der Gemeinde verbunden sind? Vielerorts war und ist die Pandemie der Anlass und treibende Motor für digitale Neuerungen in den Pfarreien: Websites wurden aufgemöbelt, Facebook-Auftritte gegründet, Menschen per E-Mails und Messenger informiert. Hauptberufliche und ehrenamtliche Mitarbeiter schlossen sich zum Teil per Telefon- und Videokonferenzen kurz. Die Digitalisierung vieler Pfarreien hat durch Corona einen gewaltigen Schub bekommen. Aber eines ist nahezu durchgängig das Fazit der Befragten: Das menschliche Miteinander in der Gemeinde lässt sich durch kein modernes Medium ersetzen und es leidet zutiefst unter den Kontaktbeschränkungen, die aus den guten Gründen des Infektionsschutzes der Bevölkerung auferlegt werden.

Vielerorts ist das Gruppenleben zum Erliegen gekommen. Hier und dort geht es nach den Sommerferien wieder los. Aber oft überwiegen Vorsicht und Angst, gerade unter den älteren Mitgliedern und Aktiven der Gemeinden. „Dass die Gruppen nicht stattfinden, verstehen die Menschen aufgrund der Bestimmungen, aber sie vermissen ihre Treffen sehr“, sagt Pfarrer Andreas Züll von der GdG Hl. Apostel Matthias, Blankenheim/Dahlem stellvertretend für viele. Auch Kinder und Jugendliche sind betroffen, bis hin zu den Ministranten. Mancherorts sind ihre Dienste ausgesetzt. Anderenorts, etwa in der GdG Hl. Hermann-Josef Steinfeld, schaut man, dass vorrangig Geschwisterkinder gemeinsam zum Einsatz kommen, wie Pater Wieslaw Kaczor erzählt.

Viele Befragte berichten von Bemühungen, den Kontakt zu den Menschen aufrechtzuerhalten, die in ihren Gruppen Gemeinde erfahren und gestalten. Es ist eine zentrale Zukunftsfrage. „Wichtig ist mir, dass die Gemeindemitglieder – vor allem die, die sich engagieren – merken, dass wir da sind“, sagt beispielhaft Hannokarl Weishaupt. Aber eine zweite Welle mit starken Einschränkungen wäre im Hinblick auf die Gremien und Gruppen katastrophal, bewertet Klaus Aldenhoven die Situation: „Voraussichtlich würden einige Gruppen ganz aussteigen.“ Heinz Intraus Einschätzung dessen, was gerade unter den Bedingungen der Pandemie geschieht, geht noch ein Stück weiter: „Ich denke, vieles wird wegfallen und auch nicht mehr kommen. Alles hat seine Zeit – und manchmal denke ich, dass das, was jetzt durch Corona ausgelöst wird und auch kaputtgeht, vorgezogen ist auf das, was wahrscheinlich mit und mit ohnehin kommen wird.“


Wie geht es weiter? Alle fahren auf Sicht 

Drittes großes Thema: der diakonische und seelsorgliche Einsatz der Gemeinden. „Eine gravierende Konsequenz der Corona-Zeit war und ist sicherlich, dass viele Beratungsangebote nicht mehr stattgefunden haben“, berichtet Christoph Rütten. Mit dem Caritasverband habe man eine gute Lösung gefunden, die Beratungsangebote in der Jugendkirche zentriert. Für das Pastoralteam der Pfarrei St. Nikolaus in Krefeld-Ost erzählt Pfarrer Andreas Bühner von einem Angebot der Einzelseelsorge über eine neue Rufnummer, das nicht angenommen wurde – im Gegensatz zu einer Verlagerung des Seelsorgeangebotes in Kirchen, mit festen Zeiten, unter anderem rund um die sonntäglichen Gottesdienste. Daran möchte das Team in Zusammenarbeit mit bereits bestehenden Seelsorge- und Hilfeinitiativen festhalten – eine positive Lernerfahrung.

Auch Rainer Thoma schätzt eine neue Aufmerksamkeit der Mitchristen besonders für die Schwachen wie Senioren und Behinderte. „Rücksicht nehmen hat sich eingebürgert“, sagt er. In der seelsorglichen Eins-zu-eins-Begleitung gibt es allerdings zurzeit schwer überwindbare Barrieren, wie Pfarrer Philipp Cuck aus der GdG Hellenthal/Schleiden bedauert: „Die Hausbesuche, insbesondere die Krankenbesuche zu Hause, sind schmerzlich weniger.“ Christoph Rütten bekennt, was die GdG bei einer zweiten Welle anders machen würde: „Schneller eine Anlaufstelle für Hilfesuchende organisieren“.
Wie geht es weiter? Der Ausblick nach vorn fällt den meisten Befragten schwer, alle fahren auf Sicht. Man vertraut auf die Kraft der Schutzkonzepte, die vor Ort erarbeitet werden, mühsam, immer neu, immer wieder. Aber noch zwölf Monate auf diese Weise nach vorne denken? Dafür sind vielen die Rahmenbedingungen zu vage, vom Infektionsgeschehen her, aber auch in dem, was rechtlich verfügt ist. Das Krisenmanagement des Staates wird durchgängig gelobt. Etwas differenzierter fällt das Echo auf die Begleitung der Pfarreien durch die Diözese aus.

Erik Pühringer zum Beispiel kritisiert, dass die einschlägigen Bestimmungen seit Mai nicht mehr angepasst wurden. „Die dadurch entstandene Diskrepanz ist kaum zu vermitteln“, sagt er. Rainer Thoma hofft auf Nachbesserung durch den Krisenstab. Dass Wallfahrten hier im Gegensatz zu anderen Diözesen nicht erlaubt seien, ist für ihn unverständlich. 
Klaus Hurtz sieht es diplomatisch: „Es bleibt sowohl für den Staat wie für die Kirche immer ein Seiltanz, bei dem die Balance gehalten werden muss. Mut beim Vorausgehen schenkt den Nachfolgenden Kraft und Sicherheit. Und alles nie ohne begründete Hoffnung, sie schenkt Leichtigkeit und verhindert Leichtfertigkeit.“ Manche äußern ganz pragmatische Wünsche, wie Wieslaw Kaczor, der mehr Unterstützung bei der Digitalisierung einfordert, etwa Internetanschlüsse für Kirchen und Pfarrheime, Geräte, Software, Schulungen.


Solidarität und Geduld sind gefragt 

Nach oben schauen ist das eine. Aber was gilt für den Nächsten und für mich? Die fortwährenden Einschränkungen im Alltag zehren an den Nerven vieler. Und doch bleiben die Vorgaben so wichtig, um Schlimmes für die Bevölkerung abzuwenden. Exemplarisch für viele Befragte nennt Pfarrer Ralf Schlösser aus der GdG Merkstein zwei Punkte, die er von uns Mitchristen erwartet: „Solidarität“ und „Geduld mit sich selbst und den Mitmenschen“. Andreas Bühner formuliert es konkret, als Brückenbauer: Er wünscht sich „eine verständnisvolle, ermutigende und deeskalierende Haltung im Umgang mit Unzufriedenen oder Verängstigten oder Aggressiven.“ Und Hannokarl Weishaupt sagt: „Ich wünsche mir, dass wir füreinander da sind und uns gegenseitig helfen, ganz konkret in der Nachbarschaftshilfe, aber auch mittelbar füreinander neue Wege finden, um füreinander da zu sein.“

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