Mut zum Widerstand

Tagung an der Katholischen Hochschule Aachen befasste sich mit dem Ungehorsam in der Sozialen Arbeit

Nicht nur das Leid Einzelner mindern, sondern auch die Ursachen des Leids bekämpfen. So verstehen Professionelle in der Sozialen Arbeit ihre Aufgabe. (c) www.pixabay.com
Nicht nur das Leid Einzelner mindern, sondern auch die Ursachen des Leids bekämpfen. So verstehen Professionelle in der Sozialen Arbeit ihre Aufgabe.
Di 25. Jun 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 26/2019 | Kathrin Albrecht

Soziale Arbeit prägt viele Bereiche des menschlichen Lebens – angefangen von der Kinder- und Jugendarbeit über die Arbeit mit Geflüchteten, mit Suchtkranken oder mit demenziell erkrankten Menschen.

Ziel Sozialer Arbeit ist dabei nicht nur, das Leid des einzelnen zu mindern, sondern Strukturen einzubinden und Missstände in ihren Ursprüngen zu bekämpfen, um so die Lebensbedingungen zu verbessern. Das definieren auch die von der „International Federation of Social Workers“ und der „International Association of Schools of Social Work“ gemeinsam verabschiedete globale Definition und der dazugehörige Ethikkodex Sozialer Arbeit als zentralen Auftrag der Sozialen Arbeit.

Doch häufig fühlen sich Professionelle in der Sozialen Arbeit eher wie einsame Rufer in der Wüste, fühlen sich verunsichert, ob ein Intervenieren überhaupt möglich oder gewünscht ist. Denn viele Angebote, in denen Soziale Arbeiter tätig sind, sind Bestandteile einer Struktur, die möglicherweise auch Ziel der Kritik ist. Wie also ist eine kritische Intervention möglich? Auf welche Strategien und Methoden – von der Lobbyarbeit bis zum zivilen Ungehorsam – kann zurückgegriffen werden? Welche Gruppen bieten sich als Partner an, um die Wirkmächtigkeit und den Druck auf politisch Verantwortliche zu erhöhen? Und nicht zuletzt: Wie lässt sich die berufspolitische Selbstvertretung von Sozialen Arbeitern stärken?

 

Ein Katalog an Fragen, die vielen auf den Nägeln brannten

Es war ein umfangreicher Fragenkatalog, den die Tagung „Wie viel Ungehorsam verträgt Soziale Arbeit?“ abzuarbeiten versuchte. Rund 150 Teilnehmer hatten sich dafür in der Aula der Katholischen Hochschule, Abteilung Aachen, eingefunden. Die Tagung fand in Kooperation mit dem Caritasverband des Bistums Aachen sowie der Hauptabteilung Pastoral/Schule/Bildung des Bischöflichen Generalvikariats statt. Die drei Institutionen bieten in regelmäßigen Abständen eine Plattform zu aktuellen sozialpolitischen Fragestellungen an. Angesichts der momentanen Entwicklungen in Politik und Gesellschaft brennen vielen Teilnehmern der Tagung und nicht zuletzt den Studierenden der Sozialen Arbeit selbst diese Fragen auf den Nägeln, denn viele unterstützende Bewegungen wie „Fridays for future“ engagieren sich ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit.

 

Hinter dem Einzelfall viel öfter das soziale Problem erkennen

Auch Hauptreferentin Miriam Burzlaff, Gastdozentin an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin, befasste sich im Rahmen ihrer Dissertation mit diesen Fragestellungen. Ein Universalrezept, wie Soziale Arbeit ihren gesellschaftspolitischen Auftrag umsetzen könne, hatte auch sie gleichwohl nicht im Gepäck, aber Anregungen, wie sich das besser gestalten ließe. Eine Möglichkeit bietet die Methode der „Policy practice“, eine Strategie, die Eigenheiten der Sozialen Arbeit nutzt, um soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit zu erreichen. Bei der Methode wird hinterfragt, inwiefern hinter dem Einzelfall ein soziales Problem, eine Struktur steckt. Der Fokus wird von der Mikro- auf die Makroebene gerichtet und über die Umgestaltung der strukturellen Bedingungen auf eine langfristige Verbesserung der Situation hingearbeitet.

Aus der Jugendarbeit brachte Miriam Burzlaff ein Beispiel mit: In einem Jugendtreff beobachteten die Betreuer, dass die anfangs sehr gemischte Zielgruppe zunehmend homogener wurde und zuletzt nur noch aus überwiegend jungen männlichen Jugendlichen bestand. Gespräche ergaben, dass sich weibliche und transgender-Besucher der Einrichtung diskriminiert fühlten, Betreuer vereinzelt sogar über diskriminierende Sprüche gelacht hätten, statt die Diskriminierung anzusprechen und deeskalierend zu wirken. Das Problem wurde zunächst benannt, im zweiten Schritt wurden Lösungen gesucht. Im Fall der Jugendeinrichtung wurden mit dem Personal und mit den Jugendlichen Gespräche geführt, regelmäßige Supervisionen sollten für das Thema sensibilisieren. Hilfe holte man sich von außen durch entsprechende Beratungsstellen. Gemeinsam mit den Jugendlichen führte die Einrichtung außerdem ein Projekt gegen Diskriminierung durch. Was hier einfach klinge, sei oft ein langwieriger, zäher Prozess. Ein entsprechendes Kapitel zum Thema „Umgang mit Diskriminierung“ im Handbuch für offene Jugendarbeitseinrichtungen der Stadt Berlin beispielsweise ist ausgearbeitet, aber bislang noch nicht verabschiedet worden.

Dass es einen langen Atem für derartige Prozesse braucht, bestätigten Teilnehmer der Tagung in den einzelnen Workshops. Viele sehen der Möglichkeit, politisch Widerstand zu leisten oder Kritik zu üben, durch die Ausgestaltung der Einsatzorte von Sozialer Arbeit Grenzen gesetzt. Auch die Soziale Arbeit selbst setze dem oft Grenzen, denn die Arbeit setze ja im Kern auf soziale Befriedung und Ausgleich. Eine berufsständische Lobby und damit auch eine rückenstärkende Kompetenz fehlten Professionellen in der Sozialen Arbeit häufig, stellten andere fest. Innerhalb der Felder Sozialer Arbeit Kontakte knüpfen und stärken wünschten sich viele Teilnehmer. Auch eine Verankerung von Methoden wie „Policy practice“ im Studienplan der Sozialen Arbeit wünschten sich viele Studierende, die praktischen Elemente kämen oft zu kurz.