Mit den Menschen unterwegs

Manfred von Holtum wird am 23. Juni als Dompropst verabschiedet – Zeit für Zwischenbilanz und Ausblick

Mit 75 Jahren geht er als Dompropst in den Ruhestand. Manfred von Holtum blickt auf ein erfahrungsreiches Leben als Priester zurück. (c) Domkapitel Aachen/Andreas Schmitter
Mit 75 Jahren geht er als Dompropst in den Ruhestand. Manfred von Holtum blickt auf ein erfahrungsreiches Leben als Priester zurück.
Di 11. Jun 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 24/2019

75 Jahre alt zu werden, bedeutet für die meisten Priester einen starken Einschnitt in ihrem geistlichen Leben. So ist es auch bei Manfred von Holtum. Drei Tage nach seinem 75. Geburtstag wird er am 23. Juni als Dompropst verabschiedet. Im Gespräch mit der KirchenZeitung zieht der meinungsstarke Priester eine Zwischenbilanz und blickt auf die Herausforderungen, vor denen die Kirche im Bistum Aachen steht.

Auch im Nächsten begegnet uns Gott, im  Besonderen auch im benachteiligten Menschen. (c) www.pixabay.com
Auch im Nächsten begegnet uns Gott, im Besonderen auch im benachteiligten Menschen.

Mit welchen Gefühlen sehen Sie Ihrer Verabschiedung entgegen?

Mit ganz großer Gelassenheit. Mich erreichen bereits jetzt sehr viele positive Rückmeldungen auf das, was ich in den letzten Jahren mit meinen Mitarbeitern und Mitstreitern am Dom gestalten konnte. Mit dieser Dankbarkeit im Rücken werde ich wohl gut loslassen können, zumal ich ja nicht ganz weg bin. Einerseits leiste ich wie alle emeritierten Mitglieder des Domkapitels weiter gewisse Grunddienste in der Kathedrale. Zum anderen bringe ich mich auf Einladung des Wallfahrtsleiters bei der Vorbereitung der nächsten Heiligtumsfahrt im Jahr 2021 ein.


Haben Sie bereits weitere Zukunftspläne?

Ja, aber sie sind noch nicht ganz spruchreif. Soviel darf ich sagen: Die künftigen Einsätze führen mich zurück zu meinen seelsorglichen Wurzeln, die im Bereich der Caritas liegen. Und ein möglicher weiterer Einsatz knüpft an meine Erfahrungen im Krisenmanagement an, das ich leider im letzten Jahrzehnt bei der Krise des Bistums Aachen leisten musste. Ich sage es gerne so: Man muss weiter mit mir rechnen, nur nicht da, wo ich bisher tätig war. Das ehrt und freut mich.

 

Sie gehen jetzt bereits 49 Jahre lang als Priester durch das Leben. Wenn Sie zurückschauen: Gibt es etwas, das Sie durchgehend geleitet und geprägt hat?

Ganz klar der Gedanke, für den Menschen da zu sein. Ich schwankte als junger Mann zwischen Mediziner und Priesterberuf. Den Ausschlag gab dann meine Faszination für die Theologie. Sie hat mich bis heute nicht losgelassen. Es hat mich begeistert, wie das Zweite Vatikanische Konzil die Kirche als Wegbegleiterin der Menschen gesehen hat. Die vorrangige und vornehmste Aufgabe der Kirche ist, dass Menschen leben können und dass sie gut leben können. Diesem Auftrag fühle ich mich verpflichtet. Das habe ich als Kaplan, Pfarrer, Dechant, Regionaldekan, Generalvikar und Dompropst gelebt. Aber genauso dankbar bin ich für meine Erfahrungen mit jungen und mit benachteiligten Menschen während meiner 17 Jahre als Religionslehrer und meiner vier Jahre als Caritasdirektor für das Bistum Aachen. Das Werk der Nächstenliebe als berufliches Feld war mir sehr nahe, ich hätte das gerne noch intensiver getan. Es kam bekanntermaßen anders.


Die Situation der deutschen Kirche hat sich in den fünf Jahrzehnten Ihres Priesterseins erheblich gewandelt. Wie schauen Sie darauf?

In der Tat ist die Kirche vielfach herausgefordert. Der Missbrauch ist ein Stichwort, Finanzen, die sinkende Mitgliederzahl, der Priestermangel. Aber ich möchte aus meiner langjährigen Erfahrung heraus nicht in die Abgesänge auf die Kirche einstimmen. Wenn wir die Menschen ernst nehmen, ihre Nöte, Sorgen, Fragen, wenn wir auf Augenhöhe mit ihnen sprechen, aufrichtig und offen, dann erreichen wir ganz viel. Das geschieht immer dann, wenn wir da sind an den Wendepunkten des Lebens. Von der Wertigkeit dieser punktuellen Erlebnisse bin ich zutiefst überzeugt, wir legen Spuren in die Lebenslinien der Menschen. Das erfahre ich immer wieder aus Rückmeldungen von ehemaligen Schülern, die nach Jahrzehnten auf mich zukommen und mir sagen: So, wie Sie mit mir geredet haben, das hat mir eine Richtung in meinem Leben gegeben. Mir ist das dann häufig gar nicht mehr bewusst, aber es zeigt mir, dass die Kirche als Wegbegleiterin der Menschen eine Zukunft und Aufgabe hat.

 

Mit welcher Haltung kann das gelingen?

Ich glaube, dass es nur gelingen kann, wenn man nicht mit vorgestanzten Sätzen daherkommt. Persönlich bin ich ein suchender Mensch, auch in meinem Gottes- und Jesusbild. Es ist ständigen Anfechtungen ausgesetzt, und ich muss es mir immer neu erringen. Ich beobachte, dass es vielen Menschen so geht, und dass es ihnen gut tut, wenn man mit ihnen zusammen auf die Entdeckungsreise geht, zweifelt, fragt und sucht. Mich beschleicht immer eine Angst vor den Mitbrüdern, die in allem so unerschütterlich sind. Ich kann das nicht teilen und glaube auch nicht, dass man damit den Menschen von heute gerecht wird.

 

Wie erreicht man diese Menschen heute?

Dafür braucht es in meinen Augen nicht den ganz großen Wurf, um alles neu zu machen. Das würde im Gegenteil viele Türen verschließen. Denn wenn ich mit offenen Augen durch die Welt gehe, sehe ich so viele Hauptberufliche und Ehrenamtliche, die an ihrem Ort durch zahllose Gespräche und Begegnungen Spuren im Leben der Menschen legen. Sicherlich geschieht das nicht flächendeckend in derselben Intensität und Qualität. Aber ich bin fest überzeugt, dass diese vielen kleinen Schritte ganz viel bewegen. Sie verändern gewaltig und nachhaltig. Lassen wir die Mitarbeiter doch machen, mit ihrer Tatkraft und Fantasie. In ihnen liegt die Kraft zur Erneuerung der Kirche.

 

Viele Menschen erwarten auch von der Institution Veränderungen. Wie stehen Sie zu den aktuellen Debatten?

Alles, was jetzt an Beratungen angestoßen wird, muss zu messbaren Ergebnissen führen. Auf die Weltkirche zu warten, führt nicht zum Ziel. Der Papst möchte die Ortskirchen stärken, dass sie besser auf ihre jeweiligen örtlichen Gegebenheiten eingehen können. In diesem Sinne denke ich, dass wir hier in Deutschland die Zulassungsbedingungen für Priester erweitern und das Diakonat für Frauen einführen sollten. Ein ganz wichtiger Punkt sind auch der Klerikalismus und die Konzentration von Macht in der Kirche als Ursache für Missbrauch. Ich meine, als Priester müssen wir bescheidener werden, zurück zum Dienen finden.

 

Neben der Finanzkrise begleiteten Ihre Zeit in Verantwortung für die Diözese auch Fälle sexuellen Missbrauchs. Wie schauen Sie heute auf dieses Thema?

Sehr glaubwürdig finde ich die Bemühungen des Bistums um Prävention. Das ist ein großes, ehrliches Engagement. Auch wie jetzt die Aufarbeitung angegangen wird, begrüße ich. Keine gesellschaftliche Gruppe kann solche Probleme alleine lösen. Es ist sehr gut, dass die Kirche sich hier vernetzt und von außen begleiten und auch kritisch prüfen lässt.

 

Es wird angekündigt, dass auch Ihre Amtszeit als Generalvikar untersucht wird. Wie stehen Sie dazu?

Wenn bei diesen Untersuchungen herauskommt, dass wir Verantwortlichen damals nach heutigem Kenntnis- und Ermessensstand unserer Verantwortung nicht ausreichend gerecht wurden, müssen wir uns dem stellen. Mir ist auch hier wichtig, dass wir ehrlich und offen mit den Menschen umgehen. Die Betroffenen, die sich heute melden, möchten gehört werden. Sie möchten, dass ihr Leid gesehen, dass es anerkannt ist. Das gehört für mich zur Aufarbeitung zwingend dazu.

Das Gespräch führte Thomas Hohenschue.