Kirche hat kein Ablaufdatum

Im KiZ-Interview blickt der Krefelder Pfarrer David Grüntjens optimistisch auf anstehende Veränderungen

Wohin der Weg geht, weiß der junge Priester auch nicht, aber schon in der Bibel stellte der Glaube eine Reise dar. (c) www.pixabay.com
Wohin der Weg geht, weiß der junge Priester auch nicht, aber schon in der Bibel stellte der Glaube eine Reise dar.
Di 2. Jun 2020
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 23/2020

Die Wandlung der kirchlichen Strukturen gehört zum größten Thema und gleichzeitig zur größten Herausforderung in der heutigen Weltreligion. Wie können wir Kirche zukunftsfähig machen? Wie können wir Nachwuchs für den kirchlichen Dienst finden? Und wie können wir in Zeiten von leeren Kirchenbänken dafür sorgen, dass wir uns im Glauben trotzdem vereint fühlen? 

Mit 28 Jahren wurde David Grüntjens als einer der Jüngsten im Bistum zum Priester geweiht. (c) Ann-Katrin Roscheck
Mit 28 Jahren wurde David Grüntjens als einer der Jüngsten im Bistum zum Priester geweiht.

„Der Schlüssel dafür ist, Mobilität in Kirche und Glauben zu schaffen“, ist sich der 34-jährige Pfarrer David Grüntjens, Pfarradministrator an Papst Johannes XXIII. in Krefeld, sicher. „Und Corona zeigt uns, dass das geht.“ Mit 28 Jahren ist er als einer der Jüngsten im Bistum zum Priester geweiht worden. Vor der Zukunftsfähigkeit der Kirche hat er keine Angst. Denn schon Jesus sei ein Reisender gewesen.

 

Sie haben Ihr kirchliches Zuhause bereits als Kind entdeckt: Ihre Jugend verbrachten Sie in St. Johann Baptist. Wie hat sich Kirche für Sie auf dem Weg zum Priesterdienst verändert?

Vor 15 Jahren gehörten rund 3000 Katholiken zu meiner Heimatgemeinde, von denen viele eine Zughörigkeit zu ihrer Kirche empfunden haben. Kirche hat sich nach Zuhause angefühlt, der Pfarrer war ansprechbar und die Gemeinde eine Familie. Für die Gemeinden und auch für das kirchliche Personal gab es keine Überforderung, denn Manpower war immer greifbar.

Heute ist das anders: Die Anzahl der Priester und kirchlichen Mitarbeiter ist weniger geworden, das ist das, worüber immer alle sprechen. Was aber nur wenig genannt wird, ist, dass hier ein Kausalzusammenhang zur Anzahl der Menschen in den Gottesdiensten besteht: Die Bänke sind leerer. Es gibt weniger Ehrenamtler. Ich glaube fest daran, dass nicht etwa der Zölibat der Grund dafür ist, dass wir keine Mitarbeiter mehr für den kirchlichen Raum finden, sondern vor allem, dass einfach immer weniger Menschen in Gemeinden mitmachen. Die Motivation fehlt, sich für den kirchlichen Dienst zu entscheiden.

 

Mit St. Dionysius wirken Sie in einer Kirche, die trotz schwieriger Zeiten Aufschwung erlebt. Die Bänke waren vor Corona bei Gottesdiensten voll, das Interesse ist groß. Das ist untypisch in der heutigen Zeit. Was ist Ihr Geheimrezept?

Ich bin davon überzeugt, dass sich jede einzelne Gemeinde ein eigenes Profil schaffen muss, das sie mit Authentizität vertritt. Dazu gehört, dass wir uns Schwerpunkte suchen: Es gibt die klassische Gemeinde, es gibt aber auch die, die beispielsweise Gospel im Sonntagsgottesdienst singt oder die, die eine sehr strenge Liturgie verfolgt. 
Wir müssen unsere Standortfaktoren herausarbeiten und eine Verlässlichkeit für die Menschen entwickeln. Diese geht auch mit einem steigenden Qualitätsanspruch einher. Sich seine Predigt zwei Stunden vor dem Gottesdienst aus dem Internet zu ziehen, reicht den Besuchern unserer Gottesdienste nicht: Vorbereitung, Positionierung und ein Zusammenspiel aus Predigt, Musik und Gemeindeleben sind da die Stichwörter.

Als Beispiel: Ich könnte nie eine Messe feiern, die karnevalistisch angehaucht ist, denn hier wäre ich als Karnevalsmuffel nicht authentisch. Das überlasse ich Kollegen in anderen Gemeinden. Dafür bringe ich eine Vorliebe für Musik mit: Die Lieder, die wir in der Messe singen, passen immer zur Liturgie. Das fällt auch den Besuchern auf. Die Welt ist schneller geworden und Gemeindemitglieder werden zunehmend anspruchsvoller. Diesen Weg müssen wir mitgehen. 

 

Die Kirche kämpft dennoch mit fehlendem Personal und legt immer wieder Gemeinden zusammen. Wie kann Gemeinsamkeit im Glauben dabei trotzdem gelingen?

Das Zauberwort ist Mobilität. Das bedeutet aber nicht nur, dass wir als Kirche offener und mobiler werden müssen, sondern auch, dass Gemeindemitglieder lernen müssen, außerhalb ihrer Heimatkirche zu denken. Denn vor allem die ältere Generation klebt bildlich an ihrem Kirchturm. Wie oft höre ich „Nein, in eine andere Kirche gehe ich nicht.“ Wir fahren zum Shoppen rund 30 Kilometer ins Einkaufszentrum nach Oberhausen, aber setzen uns nicht fünf Minuten aufs Fahrrad, um die Messe in einer anderen Kirche zu feiern.

In der Bibel gibt es so viele Geschichten, die zeigen, dass Glaube nicht an einen Ort gebunden ist. Im Alten Testament führt Abraham zum Beispiel die Menschen in ein Land, das Gott ihm zeigt. Und auch jetzt in Zeiten von Corona erleben wir, dass es funktionieren kann, wenn wir die Bereitschaft dazu mitbringen. Weil viele Kirchen geschlossen sind, verlassen Gemeindemitglieder ihren typischen Weg und besuchen Gottesdienste in anderen Pfarreien, um ihren Glauben zu leben.

 

Welche Strukturen müssen Kirche und das Bistum Aachen schaffen, um einen mobilen Glauben für die Gemeindemitglieder zu ermöglichen?

Erst einmal möchte ich sagen, dass ich ein großer Gegner von Kirchenschließungen bin. Wir sollten die Kirchen zukünftig bewahren und offenhalten, aber die Gottesdienststruktur anders verteilen: Ein Werktagsgottesdienst kann in der einen Gemeinde stattfinden, die Sonntagsmesse wird dann aber vielleicht gestrichen und in der Pfarrkirche gefeiert. Dafür benötigen wir Fahrdienste, das ist keine große Herausforderung, finde ich.

Eine größere Aufgabe ist, gut zu schauen, an welchen Orte wir uns als Kirche konzentrieren. Welche Orte möchten wir zukünftig beleben und wohin möchten wir unsere Gläubigen binden, sind zentrale Fragen. Dabei spielen auch die Gemeindebüros eine wichtige Rolle: Hier sitzen die Menschen, die ansprechbar sind. Wir als Priester können uns aufteilen. Auch jetzt erreichen uns beispielsweise Terminanfragen für Trauergespräche über das Telefon. Längere Wegstrecken sind für uns doch eigentlich kein Problem. Wichtig ist aber, dass durch die Gemeindebüros ein fester Angelpunkt für Kirche in den einzelnen Ortsteilen bestehen bleibt. 

 

Sie sind in einer Gemeinde mit verhältnismäßig jungen Mitwirkenden aktiv. Der Kaplan ist unter 40, die Gemeindereferentin sogar unter 30 Jahren und auch Sie gehören mit 34 Jahren zu der nachkommenden Generation, die maßgeblich an der Wandlung der Kirche beteiligt sein wird. Wie wirkt ein so junges Team auf das Gemeindeleben?

Wir sind alle durch und durch Optimisten. Das, was der Kirche jetzt am meisten schadet, ist die vorherrschende Untergangsstimmung, die sich immer wieder durchsetzt. Sätze wie „Alles geht den Bach runter“, „Der Letzte macht das Licht aus“ oder „Ich habe Angst vor der Zukunft“ werden Sie bei mir nicht hören, denn ich empfinde diese Negativität als sehr zermürbend und auch im Gemeindeleben als schädlich.

Mich leitet dabei eine feste Überzeugung: An keinem Tag meines Lebens bin ich allein, denn Gott ist immer bei mir. Darauf vertraue ich. Ich habe zwar keine Ahnung, wie Kirche in zehn Jahren aussieht, aber meine Hoffnung ist so groß, dass sie dem Nichtwissen standhält. Jesus hat immer versucht, auch in den schweren Zeiten, die Leute nach vorne zu treiben. Das müssen wir jetzt machen. Und dann hat Kirche eine Ausstrahlungskraft, die wirkt und ansteckt. Wir bekommen hier viele schöne Rückmeldungen nach den Sonntagsgottesdiensten von Gemeindemitgliedern und Gottesdienstbesuchern: Wenn die ganze Kirche singt, wenn wir alle gemeinsam beten, dann spüren wir ganz deutlich, dass Kirche kein Ablaufdatum hat. 

Das Gespräch führte Ann-Katrin Roscheck.

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