Keine Verschwörung

2019 startet die Aktion Autofasten im aufgeheizten Klima rund um Fahrverbote und Tempolimit

Viel geht auf Deutschlands Straßen nicht mehr. Die Auslastung ist erreicht. (c) www.pixabay.com
Viel geht auf Deutschlands Straßen nicht mehr. Die Auslastung ist erreicht.
Do 7. Mär 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 10/2019 | Thomas Hohenschue
Deutschland war einmal das Land der Dichter und Denker. Heute ist es das Land der Autofahrer und Autoindustrie. Kaum etwas bringt die Leute zurzeit mehr auf die Palme als Dieselfahrverbote und Tempolimit.

Wie passt eine Aktion Autofasten in diese aufgeheizte Gemengelage? Am Aschermittwoch ist alles vorbei und die Fastenzeit bricht an. Sie lädt dazu ein, das eigene Leben und das eigene Gewissen zu erforschen. Nicht mehr und nicht weniger will auch die Aktion Autofasten. Der Aachener Diözesanrat der Katholiken startet sie traditionell mit dem Beginn der Fastenzeit und hebt stets hervor, dass dabei nicht der Verzicht im Mittelpunkt steht. Allein: Wird das gehört? In der Logik der Debatte in den letzten Monaten reiht sich die Aktion ein in eine Front, die vermeintlich den deutschen Autofahrer zum Feindbild auserkoren hat. Jeder möchte diesem Michel am Lenkrad ans Leder: die Deutsche Umwelthilfe, deutsche Gerichte, deutsche Politiker, deutsche Forscher, deutsche Ökos, deutsche Funktionäre.

Im Wesentlichen geht es den Leuten und Lobbyisten, die sich dermaßen von Angreifern umzingelt fühlen, um ihre persönliche Freiheit. Das ist zunächst einmal auch ihr gutes Recht. Jeder soll sich von A nach B bewegen können, ohne um Genehmigung oder Entschuldigung bitten zu müssen. Freizügigkeit ist ein hohes Gut und Mobilität eine Grundlage unserer modernen Gesellschaft. Nun lernt aber schon jedes Kind, dass die eigene Freiheit dort aufhört, wo die Freiheit der anderen beeinträchtigt wird. Konkret geht es hier um die Gefährdung von Leib und Leben. Es geht um eine bessere Lebensqualität in Städten und auf dem Land, es geht um eine respektvolle, angstfreie Kultur im Straßenverkehr. Ganz nebenbei geht es auch darum, klimaschädliche Abgase zu verringern. Wo ist nun die Freiheit berührt? Bei Tempolimits geht es den Befürwortern um die Freiheit, so schnell fahren zu können, wie es ihre Autos und die Straßenlage hergeben. Dass nahezu alle europäischen Länder ein Tempolimit haben, mit Blick auf die Sicherheit der Bürger? Geschenkt. Gegen jede Erhöhung von Steuern und Abgaben läuft man Sturm. Dass aber ab Tempo 130 der Benzinverbrauch kräftig ansteigt, mit entsprechenden Kosten? Geschenkt. Mit Gesundheits-, Umwelt- und Klimaargumenten braucht man erst recht nicht zu kommen. Beim Thema Fahrverbote ist die Sache anders angelegt. In der Tat wird hier Freiheit beschnitten – und zwar für die Fahrt in Innenstädte mit einem Dieselfahrzeug, das zu viele Schadstoffe ausstößt. Wie überall, wo Grenzwerte Grenzen der Freiheit markieren, ist das für Betroffene eine bittere Pille. Aber Grenzwerte sind Regeln zu Gunsten der Gesamtheit.

 

Die Zukunft liegt in flexibler Vernetzung

Bei den hitzigen Wortgefechten der letzten Monate vollzog sich eine aufschlussreiche Umkehr der Verantwortlichkeiten. Nicht die deutschen Autohersteller haben den Schwarzen Peter für ihre Autos, die sie mit umweltschädlichen Sachmängeln ausgeliefert haben. Sondern die Deutsche Umwelthilfe, welche fordert, dass gesetzliche Grenzwerte eingehalten werden, und die Gerichte, die diese Selbstverständlichkeit bestätigen. Dabei will tatsächlich niemand, dass die Mobilität in Deutschland einbricht. Hätten die Kommunen ihre lange bekannten Hausaufgaben beherzter angepackt, würde manches Verbot nicht kommen. Freie Fahrt für freie Bürger? Aber gerne: mit einem lokalen und regionalen Verkehrssystem, das preisgünstig und flexibel ist und den individuellen Personennahverkehr ergänzt und unterstützt. Da haben Bus und Bahn ein Wort mitzureden und als weitere Alternative zum persönlichen Pkw auch das Fahrrad. Wenn das alles gut vernetzt ist, Umstiege klappen, man sogar unkompliziert und kurzfristig im Viertel ein Auto oder ein Rad mieten kann, ist die letzte Meile auch zu Fuß zu erledigen. Gerade kommen dafür noch elektrische Roller ins Spiel.

Die Aktion Autofasten wirbt für eine solche intelligente Zukunft der Mobilität. Dass der Weg dahin steinig ist, hat zum Beispiel in Aachen die Ablehnung einer elektrifizierten Stadtbahn gezeigt. Diese hätte manche Probleme, die heute die selben Bürger ärgern, vermeiden geholfen. Ganz aufs Auto verzichten geht häufig nicht, je nach familiärer Situation oder beruflichen Erfordernissen. Aber es öfter mal stehen zu lassen oder das Gefährt sich mit anderen zu teilen: Das könnte ein Plan sein, der klappt. Selbst damit anzufangen, ist die Einladung, welche der Diözesanrat mit der Aktion Autofasten ausspricht. Eine Verschwörung gegen die Freiheit sieht anders aus. Sollte sich die Kirche nicht erst einmal um ihre eigenen Probleme kümmern? Das Argument wird gerne herausgeholt, wenn die anderen ausgehen. In der Tat fragen sich inzwischen viele Haupt- und Ehrenamtliche selbst, ob sie für ihre Einsätze noch eine moralische Legitimation haben angesichts der Glaubwürdigkeitsprobleme, mit der die Kirche kämpft. Und doch zieht es nicht, denn es ist ein reines Kampfargument, um unbequeme Sachdiskussionen zu beenden. Würde es ziehen, müssten alle Seelsorger und in der Sache Engagierten ihre Arbeit einstellen. Es ist nicht neu, dieses Argument. Kirche sollte sich schon immer raushalten, wo sie störte. Doch sie folgt Jesu Vorbild: Er wandte sich gegen etablierte Strukturen – auch gegen Widerstände.