Hier weht der Geist Gottes

Interview mit Renate Müller im Vorfeld der Solidaritätskollekte für Menschen ohne Arbeit am 4./5. Mai

Renate Müller mit Kolleginnen vom Team des Monschauer Gebrauchtwarenkaufhauses (c) Andrea Thomas
Renate Müller mit Kolleginnen vom Team des Monschauer Gebrauchtwarenkaufhauses
Di 23. Apr 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 17/2019 |
Renate Müller engagiert sich seit vielen Jahren in der kirchlichen Arbeitslosenarbeit, unter anderem im Gebrauchtwarenkaufhaus des Sozialwerks Eifeler Christen in Monschau.
Gebrauchtwarenkaufhaus Monschau (c) Andrea Thomas
Gebrauchtwarenkaufhaus Monschau

Mit KiZ-Mitarbeiterin Andrea Thomas hat sie darüber gesprochen, was Kirche für Menschen ohne Arbeit bewirken kann und warum das für sie „ins Soziale buchstabiertes Evangelium“ ist.

 

Warum ist Ihnen die kirchliche Arbeitslosenarbeit ein so besonderes Anliegen?

Ich komme aus der Christlichen Arbeiterjugend. Da war ganz klar: Wer Christ ist, muss sich auch für Gerechtigkeit einsetzen. Wir reden immer von „Option für die Armen“, noch viel konkreter ist zu fragen, wo müssen wir dazwischen sein als Christen? Da, wo Zukunft von Menschen auf dem Spiel steht. Arbeitslosigkeit ist in einer Gesellschaft, in der die meisten Menschen nur über Erwerbsarbeit die Möglichkeit haben, ihre Existenz zu sichern, ein Ausschlusskriterium hoch drei.

Wenn man sieht, wie sich aus Hartz IV in Europa der größte Niedriglohnsektor entwickelt hat. Oder Menschen, die erwerbslos sind wegen Krankheit, die keinen Platz mehr haben in einer modernen Arbeitswelt. Da müssen wir hinsehen, was bedeutet das für Menschen? Uns als Sozialwerk dürfte es hier in Monschau gar nicht geben, weil es laut Statistik eigentlich die Menschen gar nicht gibt, für die wir uns hier stark machen. Aber sie sind doch da, sie werden nur nicht oder zu wenig gesehen. Wir Christen haben, mit unserer Perspektive auf alle Menschen hin, jeden Grund und jede Begründung, uns diesen Menschen liebevoll zuzuwenden. Das sind alles liebenswürdige Menschen. Zu meinen, nur die hätten Macken und wir selber nicht, ist auch Hochmut.

 

Wie erleben Sie die Menschen hier im Gebrauchtwarenkaufhaus und in anderen Maßnahmen und Projekten?

Viele kommen mit einem ganz schön dicken Rucksack hier an. Ich frage mich oft: Wenn ich das alles hätte hinter mich bringen müssen, wie wäre ich geworden und wo wäre ich gelandet? Das ist ja keine persönliche Leistung, wenn man das Glück hat, in eine Familie hineingeboren zu sein, in der es liebevoll zugeht und in der man keine Gewalterfahrungen macht, in der man mit seinen Fähigkeiten gefördert und nicht klein gemacht wird. Von denen, die das nicht hatten, wird oft erwartet, das alles hinter sich zu lassen und durchzustarten. Die Leute arbeiten gerne hier, und das kann ich von allen unseren Initiativen im Bistum sagen. Das hat auch was damit zu tun, dass wir sie nicht nur als Arbeitskraft sehen, sondern ihnen mit den Möglichkeiten, die wir haben, ein Stückchen positive Lebensperspektive vermitteln. Ich glaube, dass diese Menschen oft unterschätzt werden in ihrer Fähigkeit, Solidarität zu leben. Es ist vieles verschüttet, das stimmt. Aber sie haben auch ein unheimliches Gespür, wo es echt für sie zugeht. Die Menschen wissen, dass sie für sich hier arbeiten. Für viele ist das auch ein Zuhause. Sie identifizieren sich mit dem jeweiligen Projekt.

 

Was kann Kirche für Menschen ohne Arbeit bewirken? Und warum ist es so wichtig, dass sie sich in diesem Feld engagiert?

Wenn die offizielle Kirche wahrnehmen würde, wie hier Kirche gelebt wird. Hier könnte sie studieren, wie der Geist Gottes wirkt, der weht, wo er will. Im Sozialwort von 1997 heißt es: „Solidarität und Gerechtigkeit gehören zum Herzstück jeder biblischen und christlichen Ethik.“ In den Projekten können Sie die Praxis davon erleben. Hier kommen Menschen zusammen, die in dieser modernen Gesellschaft oft nichts mehr miteinander zu tun, die keine Ahnung mehr voneinander haben. Unsere Kunden sind nicht nur Hartz-IV-Empfänger und Flüchtlinge, sondern auch Menschen, die aus Überzeugung oder Umweltschutzgründen hier kaufen, oder Eltern, die den ersten Hausstand für ihre Kinder erstehen. Damit erwirtschaften wir das Geld, damit wir unsere Leute auch nach der Förderung halten und ihnen Arbeitsplätze bieten können. Ich glaube, die große Stärke in unserem Bistum ist, dass wir eine gelebte Praxis von Solidarität und Gerechtigkeit in den vielen Initiativen haben. Damit haben wir ein Alleinstellungsmerkmal, und ich hoffe, dass das auch weiter von den leitenden Menschen in diesem Bistum so wahrgenommen wird. Die Initiativen leben aber nur, weil wir einen Solidaritätsfonds haben. Der muss weiter aus Kirchensteuermitteln und Spenden gefüttert werden. Wenn wir das Geld nicht hätten, wären die Initiativen nicht zu halten.

Das ist die eine Schiene, die andere ist der Koordinationskreis kirchlicher Arbeitsloseninitiativen. Wir brauchen auch diese Struktur, weil wir als Initiativen vor Ort nicht noch die Kraft und die Möglichkeiten haben, unsere alltäglichen Erfahrungen in die politische Debatte einzubringen. Und wir brauchen eine hauptamtliche Begleitung, wenn es mal Schwierigkeiten gibt in einer Initiative. Unsere Struktur ist so, dass wir immer ganz schnell vor einer Schließung stehen. Da braucht es Unterstützungssysteme, die dann schnell greifen können. Wir müssen uns als Kirche wieder viel stärker einmischen. Das ist schwer unter den derzeitigen Bedingungen, weil wir an vielen Ecken nicht ernstgenommen werden, weil Kirche sich an vielen Stellen in der gesellschaftlichen Diskussion zurückgezogen hat. In der Arbeitslosenarbeit werden wir ernstgenommen, weil wir auch die gelebte Praxis haben. Dieses Pfund in die gesellschaftliche Auseinandersetzung einzubringen, ist wichtig. Wenn stimmt, was in allen Papieren steht, dass Kirche eigentlich ein Werkzeug ist, dann müssten wir vielmehr darüber reden, für wen und für was dieses Werkzeug da ist und ob es noch passt für die Nöte und Situationen, für die es sein soll.

 

Stichwort „Menschen Würde geben“. Was braucht es, damit das gelingt?

Eddi Erlemann hat gesagt, die Kleinen groß machen. Dieser Gott, an den wir glauben, wollte, dass wir den aufrechten Gang üben. Wir begegnen unseren Leuten auf Augenhöhe. Das ist für mich Seelsorge und pastorale Arbeit, an Menschen festzuhalten und ihnen etwas zuzutrauen. Ihnen Stütze im Leben zu sein und ihnen Anerkennung und Respekt zu zollen. Ihnen nicht zu vermitteln: „Ich kann eigentlich nichts“, sondern: „Das kannst du. Versuch es. Wenn es nicht klappt, können wir ja noch mal reden.“ Da hat jede Initiative im Bistum Aachen ihr eigenes Gesicht, wie sie das macht. Für mich ist das ins Soziale buchstabiertes Evangelium, Menschen zu begleiten, zu unterstützen und stark zu machen.