Heiliger, Vorbild, Kinderheld

In den Gemeinden erinnern ganz unterschiedliche Aktionen und Veranstaltungen an den heiligen Martinus

St. Martin (c) rike/pixelio.de
St. Martin
Di 5. Nov 2019
Aus derKirchenZeitung, Ausgabe 45/2019 | Andrea Thomas

Was fällt Ihnen zu St. Martin ein? – Heiliger aus dem 4. Jahrhundert, dessen die Kirche am 11. November gedenkt und der Patron vieler Pfarreien ist; römischer Soldat, der seinen Mantel mit einem Bettler teilt und dafür bis heute als Vorbild fürs Teilen dient; Laternenumzüge mit anschließendem Martinsfeuer und Martinsbrezel. In Aachen-Stadt und -Land können Sie in den nächsten Tagen Beispiele für all das finden. 

In Deutschland gehört das Martinspatrozinium zu einem der häufigeren. Die meisten dieser Martinskirchen sind dem heiligen Martin von Tours (316/17–397) geweiht. Eben jenem römischen Soldaten und späteren Bischof von Tours, der der Legende nach seinen Mantel teilte, um einen Bettler vor dem Erfrieren zu retten, den wir als St. Martin kennen und verehren. Im Bistum Aachen sind ihm fast 30 Kirchen geweiht, drei davon in den Aachener Regionen. 

So auch St. Martinus in Aachen-Richterich. Hier feiert man den Heiligen über eine ganze Woche hinweg, vom traditionellen Martinszug über Kindertheater, Workshops zum Basteln sowie zum Umgang mit offenem (Martins-)Feuer bis zur Hilfs- und Sammelaktion „Mein Martinsteil“. Einer der Höhepunkte ist der festliche Gottesdienst zum Patrozinium am  10. November. Hier feiert in diesem Jahr die „St.-Martinus-Messe“ von Norbert Richtsteig ihre Welturaufführung. Der ehemalige Domorganist war Lehrer von Kirchenmusiker Angelo Scholly, den er auch ab und an vertritt. „Daher kennt er unsere Orgel hier in Richterich – die älteste der Stadt, mit einem Manual und weiteren Besonderheiten – sehr gut. Darüber ist die Idee zu einer zeitgenössischen Messe für Orgel und Kirchenchor entstanden, die er speziell für unsere Orgel geschrieben und uns als Gemeinde gewidmet und geschenkt hat“, erzählt Angelo Scholly. Das sei schon etwas ganz Besonderes. 

Mit der Geschichte des heiligen Martins habe die in klassischem Latein geschriebene Messe so direkt nichts zu tun, aber es verstehe sich, sie zum ersten Mal zu einem besonderen Ereignis aufzuführen, wie dem Hauptgottesdienst zum Patrozinium. Die Messe habe eine ganz eigene, moderne Tonsprache – „lyrisch, aber auch mit Dissonanzen“. Sie sei gut für den Chor zu singen, aber die Orgel spiele auch eine eigene, wichtige Rolle und sei in einzelnen Sätzen sehr markant, beschreibt Angelo Scholly das Werk seines Lehrers. Einstudiert hat er sie – immer wieder begleitet von Norbert Richtsteig, der bei der Uraufführung die Orgel spielen wird – mit dem Kirchenchor von St. Martinus plus weiteren Interessierten, insgesamt 55 Sängerinnen und Sänger. Sie alle sind gespannt, wie die Messe ankommen wird, die dann auch zu anderen Anlässen erklingen soll.

 

Martinus verbindet ein ganzes Viertel

St. Martin ist einer der bekanntesten Heiligen der katholischen Kirche und darüber hinaus. Kaum ein Kind, das ihm nicht Laterne schwingend ein Ständchen gebracht hat und fasziniert dem Martinsspiel rund um die Bettlerszene zugeschaut hat. Und auch bei vielen Großen wecken die Martinsumzüge, die dieser Tage wieder durch die Straßen ziehen, wohlige Erinnerungen.  Ein besonderes Martinsfest für Alt und Jung findet seit 45 Jahren im Frankenberger Viertel in Aachen statt. Inzwischen feiern hier jährlich bis zu 1500 Kinder und Erwachsene an einem Sonntagabend um den 11. November herum gemeinsam.

Begonnen wird mit dem Umzug durch die Straßen des Viertels rund um die Kirche Herz Jesu, liebevoll „Frankenberger Dom“ genannt. Endpunkt ist auf dem Neumarkt, wo alle im Schein des Martinsfeuers das Martinsspiel verfolgen.  Das Martinsfest der Pfarrei St. Gregor von Burtscheid, zu der Herz Jesu mittlerweile gehört, ist fester Bestandteil des Pfarrlebens und strahlt ins Frankenberger Viertel und darüber hinaus: „Hier treffen sich nicht nur Eltern und Großeltern mit Kindern, sondern alle Bewohnerinnen und Bewohner des Viertels, um sich bei Martinswecken und Hot Dogs, Kinderpunsch und Glühwein auf die nahende Weihnachtszeit einzustimmen“, beschreibt es Tanja Krins vom Organisationsteam. Das besteht aus einem kleinen Kernteam Ehrenamtlicher mit Gemeindereferent Christoph Urban, das am Aktionstag Verstärkung durch zahlreiche weitere helfende Hände sowie durch Polizei, Feuerwehr und Malteser Hilfsdienst, dem Martinsreiter und Musikkapellen bekommt. 

„Teilen“, das ist der Begriff, der wie kein anderer mit Martin verbunden ist. Etwas abgeben, von dem ich selbst genug habe, um damit Menschen zu helfen, denen es nicht so gut geht. Zum 13. Mal greift die Martinskistenaktion in St. Sebastian Würselen diesen Gedanken auf. Ins Leben gerufen in der ehemaligen GdG Broichweiden, beteiligen sich seit 2013 alle acht Gemeindeausschüsse daran. Gesammelt wird für die Aachener Schervierstube. „Leiterin Sr. Veronika freut sich jedes Jahr über die Spenden, ohne die sie ihre Arbeit nicht leisten könnte. Mit vielen Dingen kommt sie dann wieder ein Jahr hin“, berichtet Stefan Pütz, einer der Initiatoren. Damit die Einrichtung, in der Menschen ohne Obdach ein Frühstück sowie die Gelegenheit, zu duschen oder Wäsche zu waschen, bekommen, auch das erhält, woran es gerade besonders fehlt, gibt es jedes Jahr eine Liste zur Orientierung. „Davon kann jeder sich aussuchen, was er spenden kann und möchte.“ Jede Kleinigkeit sei willkommen.

Für die, die sich beteiligen, sei die Aktion schön, weil sie „etwas in der Hand haben“ und wissen, wo ihre Hilfe ankommt. Gut 100 Pakete kommen so jedes Jahr zusammen. Auch die Kindergärten und Schulen sammeln fleißig mit und verbinden damit Aktionen zum Thema „Teilen“. Sr. Veronika unterstützt dabei mit Hintergrundinfos oder erzählt bei einem Besuch von ihrer Arbeit. Erstmals greifen auch die Firmlinge die Idee aktiv auf, zwei von ihnen werden  einen Tag in der Schervierstube helfen. Die Martinsaktion endet am 17. November,  Infos: www.st-sebastian-wuerselen.de