Frieden braucht Netzwerker

Internationale digitale Konferenz zeigt auf, wie Frieden gedacht, gemacht und gelernt werden kann

(c) Ben Wilkens/unsplash.com
Datum:
Di 13. Okt 2020
Von:
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 42/2020 | Andrea Thomas

Unfrieden entsteht schnell: Worte und Taten, die Vertrauen zerstören, Hass schüren, Gewalt fördern, Familien, Gesellschaft und Nationen spalten, großes Leid verursachen. Frieden und Versöhnung brauchen Zeit, Geduld und Menschen, die sich unermüdlich dafür einsetzen. 

„Selig, die Frieden stiften“ – unter dieser Überschrift haben sich die Teilnehmer einer großen, von Missio, dem Bistum Aachen und weiteren Partnern organisierten internationalen Friedenskonferenz damit beschäftigt, wie man Frieden denkt, macht, lernt und bewahrt. Geplant war die Konferenz, die für das Bistum auch den Abschluss des gemeinsamen Jahresthemas „Frieden“ der Diözesanverantwortlichen für Weltkirche und der katholischen Hilfswerke bilden sollte, als Präsenzveranstaltung mit internationalen Gästen in Aachen.

Dann kam die weltweite Pandemie, und aus drei Tagen vor Ort mit Begegnung und persönlichem Austausch wurde eine überwiegend digitale Konferenz. Die machte dennoch deutlich: Frieden schaffen, ob in Forschung, Politik oder der praktischen Arbeit vor Ort, hat viele Facetten und ebenso viele Mitstreiter. Die Konferenz endete mit dem Appell zu einem engeren Bündnis zwischen den Kirchen, Religionsgemeinschaften, Zivilgesellschaft und Politik in der internationalen Friedensarbeit. „Wir brauchen angesichts der Komplexität der Konflikte weltweit ein stärkeres und tragfähigeres Netzwerk an Willigen, die beharrlich Frieden einfordern, gewaltfreie Wege dafür suchen und konkrete Friedensprozesse begleiten“, fasste Norbert Frieters-Reermann für die Organisatoren zusammen.


Strukturen, die Frieden ermöglichen


Frieden, was ist das eigentlich? Blickt man auf die Geschichte der Menschheit, dann jedenfalls sehr lange nicht der Normalzustand, der er eigentlich sein sollte, sondern die Ausnahme, wie Joachim Söder, Professor für Philosophie im Fachbereich Sozialwesen an der Katholischen Hochschule (Katho) in Aachen, ausführte. Erst mit religiösen Impulsen aus Judentum und Christentum habe sich das geändert. „Die große weltgeschichtliche Wende scheint mir Augustinus zu sein.“ Er habe ein Konzept entwickelt, in dem Frieden als die Norm und als „gottgewollter Normalzustand“, als letztes Ziel des Menschen gedacht wurde. Dazu muss der Mensch erkennen, was gut ist, und danach handeln. Ein Zustand, den wir laut Augustinus aber erst am Ende der Zeiten mit dem göttlichen Staat wirklich erreichen werden. Wir lebten noch im irdischen Staat, der erst auf dem Weg zum Frieden sei und in dem es immer noch Krieg gebe: Friede nicht als Zustand, sondern als Prozess. „Der Zustand allseitigen Friedens ist uns nicht vergönnt, aber wir müssen Strukturen schaffen, die den Prozess des Friedens voranbringen“, fasst Joachim Söder zusammen.

Wozu gerade auch die Religionen auf Basis ihrer Friedenswerte einen wichtigen Beitrag leisten können, wie Peter Bender von „Religions for peace“ unterstrich. Zu ihren Stärken zählten unter anderem Glaubwürdigkeit sowie die Fähigkeiten, Menschen an einen Tisch zu bringen, zur Mediation und zur Versöhnung.

Wie Kirche sich aktiv in Friedensprozesse vor Ort einbringen kann, aber auch, wie mühsam und langwierig es ist, Gewalt zu überwinden, Versöhnung möglich zu machen und besonders die junge Generation zu stärken, auf diesem Weg weiterzugehen, zeigt das Beispiel Kolumbien. In einem gemeinsamen Workshop berichten Padre Luis-Carlos Hinojosa Moreno und Ulrike Purrer von ihrer Arbeit. Luis-Carlos Hinojosa Moreno, Priester im Sozialpastorat im Bistum Quibdo und aktuell für zwei Jahre im Bistum Aachen tätig, um die Kolumbienpartnerschaft zu stärken und zu unterstützen, berichtete von der Arbeit der interethnischen Wahrheitskommission in der Region Choco an der Pazifikküste Kolumbiens. Sie ist ergänzend tätig zur nationalen Kommission, die den jahrzehntelangen bewaffneten Konflikt zwischen Staat und Guerilla aufarbeiten soll. Dazu gehöre unter anderem die Anerkennung der Opfer und des Völkermords an den Indigenen, aber auch das Erstellen einer Datenbank gefährdeter Personen, wie er erläutert. Eine ganz wichtige Aufgabe von Kirche sei, jungen Menschen Hoffnung und Perspektive zu geben. „Sie haben wenig Möglichkeiten in ihrer freien Zeit und sind daher immer in Gefahr, von bewaffneten Gruppen angeworben zu werden.“

Ulrike Purrer arbeitet seit vielen Jahren für die Schweizer Organisation „Comundo“ in Tumaco, ebenfalls in der Pazifikregion gelegen, und, wie sie sagt, „einer der Hotspots der Gewalt“. Hier arbeitet sie schwerpunktmäßig mit Jugendlichen, leitet ein Jugendzentrum. „Als Kirche sind wir neutral und nie auf der Seite einer bewaffneten Gruppe. Aber wir sind auch parteiisch, nämlich ganz klar für die Angehörigen der Opfer.“ Dabei profitiere Kirche von ihren Strukturen und der Möglichkeit, vor Ort im Alltag der Menschen präsent zu sein. Sie sei einer der wenigen Akteure, der von allen akzeptiert und respektiert werde.

Im Jugendzentrum sind zahlreiche Gruppen entstanden, in denen sich die Jugendlichen aktiv und kreativ für den Friedensprozess einsetzen. Das reicht von der Hip-Hop-Gruppe, die über Menschenrechte ebenso singt, wie über den Stolz, aus Tumaco zu sein, einem eigenen Radioprogramm, Theater für den Frieden bis zu Aktionen, die an die Opfer erinnern und Zeichen setzen gegen Gewalt. „Keine Friedensdemo, bei der unsere Jugendlichen nicht dabei sind“, berichtet Purrer. Dadurch verändere sich ganz viel, zum Beispiel Selbstwertgefühl der Menschen. Über 20 junge Leute aus ihrem Zentrum studierten, und es sei ihre große Hoffnung, dass sie danach nach Tumaco zurückkämen, um vor Ort etwas zu verändern. Seit drei Jahren gebe es außerdem eine Jugendplattform, die bei Entscheidungen angehört werden müsse, wodurch sie die Möglichkeit hätten, an bestimmten Schrauben mit zu drehen. Doch Friedensarbeit sei auch ein langer Prozess, der Geduld benötige, um erfolgreich zu sein, sind sich Luis-Carlos Hinojosa Moreno und Ulrike Purrer einig. Aber mit Blick auf das Ziel einer, der lohnt.

Friedensarbeit in Kolumbien: Beispiele

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