Es geht nicht ums Kämpfen

Wie Verzicht helfen kann, das eigene Leben zu inspirieren und zu entwickeln

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Datum:
Di 25. Feb 2020
Von:
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 09/2020

Am Aschermittwoch hat die Fastenzeit begonnen. Große Aktionen, wie „7 Wochen ohne“, laden in dieser Zeit zum bewussten Verzicht ein. Und viele nehmen sich tatsächlich vor, zu verzichten. Doch Verzicht ist nicht leicht, und schnell werden wir „rückfällig“ oder brechen das Fasten ganz, weil wir nicht durchhalten. Über die große Hürde Verzicht sprach die KirchenZeitung mit Bruder Lukas Jünemann, Armen-Brüder des heiligen Franziskus (CFP). 

Bruder Lukas Jünemann CFP leitete bis 2015 die Pfarrei Christus unser Bruder in Aachen. (c) privat
Bruder Lukas Jünemann CFP leitete bis 2015 die Pfarrei Christus unser Bruder in Aachen.

Warum ist es so schwer zu verzichten?

Weil das Wohlleben gut tut. Wir möchten gut leben, gut arbeiten, gut essen. Es liegt in der menschlichen Natur, daran ist nichts Verwerfliches. Verzicht klingt negativ, man darf das jetzt nicht mehr. Ich erinnere mich an meine Kindheit, wenn ab Aschermittwoch die im Karneval gesammelten Süßigkeiten nicht mehr angerührt werden durften. Dieser negative Verzicht, das sitzt bei vielen drin. 

 

Was ist im Unterschied dazu ein positiver Verzicht? 

Es hat mit Klarheit zu tun, mit der Reduktion von Dingen, die auf mich einstürmen. Damit, dass ich spüre, dass es mir körperlich und seelisch besser geht, wenn ich verzichte. Nehmen Sie als Beispiel die Fridays-for-Future-Bewegung. Da haben sich junge Menschen ganz bewusst für den Verzicht entschieden. Sie leben so, wie ich es zum Teil noch aus den 50er Jahren kenne: Sie kaufen in Unverpackt-Läden ein, richten sich mit Möbeln vom Sperrmüll ein. Das finde ich sympathisch. Wir leben in einer schnellen, kommunikativen Gesellschaft. Der Verzicht auf Kommunikationsmittel kann helfen, mehr bei sich zu sein, aus dem Alltag herauszutreten. Gerade jungen Menschen fällt es schwer, auf ihr Handy zu verzichten. 

 

Viele setzen sich während der Fastenzeit große Ziele, wollen auf Süßigkeiten, Alkohol oder Fleisch verzichten und scheitern… 

Es ist sinnvoll, sich etwas auszusuchen, was hilft, zu sich selbst zu kommen. Ich persönlich denke, dass es in unserer schnellen Welt gut tut, eine Entschleunigungskur zu machen. Zum Beispiel 15 Minuten am Tag einmal gar nichts zu tun. Es ist nicht der Sinn des Fastens zu kämpfen. Dahinter steckt ein Leistungsgedanke, der mir nicht gefällt. Auch wenn es sicherlich nicht schadet, 40 Tage lang auf Alkohol oder auf Süßes zu verzichten.  

 

Wenn wir die Fastenzeit auf der religiösen Ebene betrachten, ist Verzicht als Umkehr, als Aufruf zu verstehen, richtig?

Ja, „Kehrt um und glaubt an das Evangelium“, heißt es im Markusevangelium (1,14). Wenn wir es auf dieser Meta-Ebene betrachten, ist Verzicht eine Einladung, neu zu denken, sich Gott neu anzunähern. Diese Zeit im Jahresverlauf zu haben, ist gut. 

 

Aber sind 40 Tage dann nicht zu wenig? 

Das Ziel ist, für 40 Tage einen Schritt weiterzukommen. Nachzudenken. Das ist es, denke ich, was man heute unter Nachhaltigkeit versteht. Und da komme ich wieder auf „Fridays for Future“ zurück. Ich schaue mit großem Respekt auf die Bewegung. Sie regt zum Nachdenken an, auch zum Überdenken der eigenen Gewohnheiten. 

 

Worauf sollte ich also achten, wenn ich in der Fastenzeit verzichte? 

Es ist schwierig, da allgemein zu antworten, denn jeder Mensch ist anders. Was ich tue: Ich nehme mir Zeit, einen Takt ruhiger zu sein. Zeit, sich zu konzentrieren. Wenn wir beim Verzicht bleiben, dann übe ich Verzicht auf zu viel An- oder Aufregung. Ich möchte ans Denken kommen: Was kann ich tun, um zum Beispiel nachhaltiger zu leben? 

 

Das Gespräch führte Kathrin Albrecht