Ein Jahr der Orientierung

Junge Leute suchen und finden auf vielfältige Weise im Freiwilligendienst eine eigene Perspektive

Wohin der Weg geht, weiß der junge Priester auch nicht, aber schon in der Bibel stellte der Glaube eine Reise dar. (c) www.pixabay.com
Wohin der Weg geht, weiß der junge Priester auch nicht, aber schon in der Bibel stellte der Glaube eine Reise dar.
Datum:
Di 3. Mär 2020
Von:
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 10/2020 | Ann-Katrin Roscheck

„Ein Freiwilligendienst ist eine Form von gelebter Nächstenliebe“, erklärt Gesa Zollinger als Leitung der Freiwilligen Sozialen Dienste in Aachen. „Die jungen Menschen leisten nicht nur einen wertvollen Dienst für die Gesellschaft, sondern sie entwickeln sich in ihrer Persönlichkeit weiter und finden häufig für sich neue Perspektiven.“ 

Wenn im Sommer die Schulglocke für die Absolventen zum letzten Mal klingelt, verlassen einige die Schulbank Richtung Universität, andere schließen sich den unzähligen Freiwilligendiensten im Bistum an. Dabei ist die Auswahl vielfältig: Gibt es heute nicht nur das Freiwillige Soziale Jahr, können Freiwilligendienste auch im ökologischen Bereich, rund um Kultur und Bildung und sogar im Sport umgesetzt werden. Ob in Einrichtungen für Menschen mit Handicap, in Krankenhäusern, in Theatern, in Umweltstationen oder im Sportverein – die Einsatzbereiche sind so bunt wie die Menschen, die sich für einen Freiwilligendienst entscheiden.

„Seit dem Wegfall der Wehrpflicht hat sich auch der Bereich des Bundesfreiwilligendienstes, kurz BFD, weiter ausgebaut“, beschreibt Zollinger. Darf beim FSJ das Mindestalter von 27 Jahren nicht überschritten werden, kann der BFD auch noch im hohen Alter stattfinden.  Wer sich für einen Freiwilligendienst im Bistum Aachen interessiert, findet auch bei der Trägerwahl ein vielfältiges Angebot vor. Bietet der Landschaftsverband Rheinland zum Beispiel Stellen für ein freies ökologisches Jahr an, reihen sich das Deutsche Rote Kreuz und der Arbeiterwohlfahrt-Bundesverband neben die katholische Trägergruppe des BDKJ und der Caritas in den sozialen Bereich ein.

„Wir sind grundsätzlich Ansprechpartner für jeden Interessierten“, erklärt Zollinger stellvertretend für die katholische Trägerschaft. „Unsere Arbeit erfolgt aber natürlich auf Grundlage der christlichen Werte und des katholischen Profils.“ Bei den Freiwilligendiensten in Aachen können sich Interessierte ganzjährig bewerben, bei anderen Trägern verstreicht Mitte März die Bewerbungsfrist für 2020. „Ich kann nur jedem Menschen einen Freiwilligendienst empfehlen“, sagt Zollinger. „Ich selbst habe nach dem Abschluss ein FSJ gemacht. Das, was ich in dem einen Jahr über mich gelernt habe, ist unbezahlbar.“

So vielfältig sind Freiwilligendienste: Stimmen aus dem Bistum Aachen

Als Musiklehrer des Bethanien-Kinderdorfes begleitet Wolfhelm Ostendarp  in jedem Jahr junge Menschen im Bereich des FSJ für Kultur und Bildung. (c) Bethanien Kinderdorf
Als Musiklehrer des Bethanien-Kinderdorfes begleitet Wolfhelm Ostendarp in jedem Jahr junge Menschen im Bereich des FSJ für Kultur und Bildung.

FSJ Kultur: Viel mehr als ein Musikschullehrer im Bethanien-Kinderdorf

„Hier im Kinderdorf erlebe ich im achten Jahr, wie das FSJ Kultur junge Menschen nach vorne bringt: Sie lösen sich von den Eltern ab, sie sammeln Erfahrungen in einem neuen Berufsfeld, sie beißen sich durch, wenn es mal nicht so läuft, und sie geben der Gesellschaft etwas zurück.  In der Kinderdorfmusikschule vertraue ich ihnen viel Verantwortung an. Sie unterrichten an unterschiedlichen Instrumenten und lernen dabei unser ressourcenorientiertes Arbeiten kennen. Unsere Musikschüler stammen aus schwierigen Familienverhältnissen. Uns ist es wichtig, ihnen zu zeigen, welche Fähigkeiten sie in sich tragen.  Je nach musikalischer Neigung nehmen unsere FSJler auch an den Band- und Theaterprojekten sowie Workshops und Festen teil. Für die FSJler ist das ein Highlight, denn hier kommen sie mit Profimusikern in Kontakt.  Mir als Musiklehrer helfen die FSJler, Kapazitäten zu schaffen für unsere Kinderdorfkinder. Ihr Wirken gibt mir Raum, im Hintergrund mehr Zeit zu haben, um mich außerhalb der pädagogischen Arbeit um die Koordination der Musikschule zu kümmern, die mit der wachsenden Anzahl der Kinder immer anspruchsvoller wird.“

 

Wolfhelm Ostendarp, 62 Jahre, Musikschulleiter  im Bethanien-Kinderdorf Schwalmtal

 

Das Freiwillige Ökologische Jahr hilft Leon  Meier (r.), seinen Berufswunsch zu festigen. (c) privat
Das Freiwillige Ökologische Jahr hilft Leon Meier (r.), seinen Berufswunsch zu festigen.

Freiwilliges Ökologisches Jahr:  Perspektivwechsel in der Natur

„Nach meinem Abschluss war ich mir nicht sicher, wohin mein beruflicher Weg gehen soll. Vom FÖJ habe ich über Bekannte meines Vaters erfahren und fand, dass es eine gute Möglichkeit ist, Zeit zu gewinnen, aber auch herauszufinden, was mir eigentlich Spaß macht. Hier in der Biostation sind wir drei Freiwillige.  Der größte Tätigkeitsbereich umfasst die Pflege der Flächen. Wir schneiden Hecken, wir arbeiten mit Rechen, wir reparieren zum Beispiel Infotafeln, und von April bis Oktober betreuen wir auch sonntags die Ausstellung.  Das Arbeiten mit Holz macht mir am meisten Spaß, aber insgesamt finde ich den Alltag hier schon entspannter als in der Schule. Die körperliche Arbeit tut mir gut und draußen zu sein auch. Ich würde jedem, der diese beiden Faktoren mag, ein freiwilliges Jahr empfehlen, denn es hilft bei der Perspektivfindung.  Auch die regelmäßigen Seminare mit FÖJlern aus anderen Stellen machen Spaß. Klar ist es am Anfang komisch, weil man noch keinen kennt, aber jetzt steht das dritte Seminar an und ich freue mich richtig drauf. Ich habe mich zwar immer noch nicht final entschieden, wie mein Weg nach dem Jahr weitergeht, aber der ökologische Aspekt hat sich bei mir schon gefestigt. Vielleicht werde ich Forstwirtschaft studieren.“

 

Leon Meier, 18 Jahre,  FÖJ in der Biostation Düren

 

 

Heimbewohnerin Margret Tekolf freut sich über die jugendliche Energie der FSJlerin Lea. (c) Ann-Katrin Roscheck
Heimbewohnerin Margret Tekolf freut sich über die jugendliche Energie der FSJlerin Lea.

Freiwilliges Soziales Jahr:  Für andere ein Geschenk

„Dass wir Lea als FSJlerin hier im Seniorenheim haben, ist ein wahres Geschenk. An jedem Morgen hilft sie mir, mich auf den Tag vorzubereiten. Wir suchen zum Beispiel zusammen Kleidung heraus und sprechen über das, was ansteht. Ich habe selbst zehn Enkelkinder und noch einmal zehn Urenkel und die jugendliche Leichtigkeit von Lea tut mir gut. Letztens hat sie mir die Nägel in Rosa lackiert. Das sind Momente, die ich genieße.  Gemeinsam sprechen wir auch über ihre Zukunft. Lea möchte in die Pflege, und ich habe sie gefragt, ob sie sich das wirklich gut überlegt hat. Ich merke, dass ihr das soziale Jahr hilft, sich zu orientieren und sich weiterzuentwickeln. Lea hatte auch vorher eine sehr gute Kinderstube, ich wünsche ihr mit ihren 17 Jahren, dass sie ihren Weg findet. Selbst darf ich natürlich gar nicht daran denken, dass ihre Zeit hier bei uns im Seniorenheim begrenzt ist. Wir sind sehr froh, dass wir sie haben.“ 

 

Margret Tekolf, 85 Jahre,  Bewohnerin des Caritas-Seniorenheims  Saassenhof

Info

Zur zentralen Anlaufstelle im Bistum Aachen, Freiwillige Soziale Dienste, siehe auch www.fsd-aachen.de. Mehr Informationen rund um das  FSJ im Bereich Kultur und Bildung  unter www.freiwilligendienste-kultur-bildung.de. Mehr Informationen rund um das Freiwillige Ökologische Jahr unter www.foej.de.  Mehr Informationen rund um das Freiwillige Soziale Jahr unter www.pro-fsj.de.