Der Realität ins Auge sehen

Aus Frauensicht: Ein Gespräch über die Zeit nach der päpstlichen Schrift „Querida Amazonia“

Geweihte Frauen am Altar sind in absehbarer Zukunft wohl keine Option in der katholischen Kirche. (c) www.pixabay.com
Geweihte Frauen am Altar sind in absehbarer Zukunft wohl keine Option in der katholischen Kirche.
Datum:
Di. 18. Feb. 2020
Von:
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 08/2020

Mit Spannung haben vor allem Frauen auf das postsynodale Schreiben zur Amazonien-Konferenz gewartet und viele haben Hoffnungen daran geknüpft. Die KirchenZeitung hat sich bei  Gemeinde- und Pastoralreferentinnen umhören wollen, wie sie mit der Entscheidung gegen die Frauenweihe und das Diakonat für Frauen umgehen. Fazit: Viele sind emotional sehr berührt und sehen sich zu einer Meinungsäußerung zum jetzigen Zeitpunkt außerstande. Einige reagierten durch Schweigen oder direktes „Abwinken“ auf die Anfrage. Es macht sprach- und ratlos, dass Frauen nicht offen das Wort ergreifen möchten. Antworten fanden die KFD-Diözesanvorsitzende Marie-Theres Jung und die geistliche Begleiterin der KFD, Annette Diesler, im Gespräch.

Welche Erwartungen hatten Sie mit „Querida Amazonia“ verbunden?

Annette Diesler   Zunächst einmal habe ich erwartet, dass er sich mit den Menschen, vor allem mit den Naturvölkern, solidarisiert, ihre Not wahrnimmt und entschieden für ihren angestammten Lebensraum, ihre Kultur und ihre Rechte eintritt. Viele von ihnen ­­– darunter auch zahlreiche Ordensleute – haben im Kampf für die Erhaltung der Lebensgrundlagen, wie sauberes Trinkwasser, Ackerboden und saubere Luft, als Märtyrer ihr Leben lassen müssen. Allein im letzten Jahr waren dies in Brasilien an die 300 Menschen, die aufgrund schlampiger Sicherheitsstandards europäischer (auch deutscher) Firmen ihr Leben lassen mussten. Diese Erwartung hat er meines Erachtens erfüllt.

Marie-Theres Jung   Natürlich gab es schon einige Hoffnungen, dass Frauen in Leitungspositionen kommen und auch mindestens eine Öffnung für das Diakonat erreicht würde. Bei unserer Veranstaltung zur Amazonassynode bei Misereor haben Referentinnen und Referenten sehr begeistert von der Stimmung während der Synode erzählt. Zum Beispiel davon, wie sehr der Papst sich immer wieder den Frauen zugewandt hat. Von daher hat man ein bisschen mehr Hoffnung gehabt, dass die Frauenfrage auch auf unserem synodalen Weg auf Bundes- und Bistumsebene mehr Gewicht bekommt. Und eine positive Reaktion vom Papst unterstützend wirken würde. Andererseits hat man schon von Franziskus Äußerungen gehört, dass die Türen für das Weiheamt für Frauen zu sind – wie es auch Johannes Paul II. gesagt hat. Insofern war es eine kleine Hoffnung. Eine Öffnung des Zölibats hätte ich gar nicht förderlich gefunden, da damit der Priestermangel durch „bewährte, verheiratete“ Männer behoben würde. 

Annette Diesler   Das Dokument enthält natürlich eine herbe Enttäuschung. Der Papst schreibt unter Punkt 100: Dies ist eine Einladung an uns, unseren Blick zu weiten, damit unser Verständnis von Kirche nicht auf funktionale Strukturen reduziert wird. Ein solcher Reduktionismus würde uns zu der Annahme veranlassen, dass den Frauen nur dann ein Status in der Kirche und eine größere Beteiligung eingeräumt würden, wenn sie zu den heiligen Weihen zugelassen würden. Aber eine solche Sichtweise wäre in Wirklichkeit eine Begrenzung der Perspektiven: Sie würde uns auf eine Klerikalisierung der Frauen hinlenken und sowohl den großen Wert dessen, was sie schon gegeben haben, schmälern, als auch auf subtile Weise zu einer Verarmung ihres unverzichtbaren Beitrags führen.“ Wenn Sie in diesem Text das Wort „Frauen“ durch „Männer“ ersetzen, wird deutlich, in welch paternalistischer Weise der Papst sich mündigen erwachsenen Frauen gegenüber verhält. Man könnte auch von einem vergifteten Lob sprechen, das nicht nur von Frauen in Europa wahrgenommen wird, sondern auch von all den unzähligen Ordensfrauen, Müttern und Gemeindeleiterinnen in Amazonien und ganz Südamerika und anderen Teilen der Welt. Auch dort leben Menschen im 21. Jahrhundert! 

 

Ihre aktuelle Gefühlslage ist …

Annette Diesler   …Wut, Trauer, Enttäuschung, eine Haltung des „Jetzt-erst-recht“!

Marie-Theres Jung   Wir müssen mal wieder der Realität ins Auge schauen.

 

Was bedeutet es für Ihre Arbeit vor Ort?

Marie-Theres Jung   Wir leisten Verbandsarbeit. Vor Ort muss man sehen, was man bewegen kann. Wenn ich nach Amazonien schaue, gibt es ja dort schon Frauen, die Gemeinden leiten. Für sie und andere engagierte Frauen ist es eher eine „Watsche“. Dass wir zwei Lager haben, wissen wir. Aber diejenigen, die reformwillig sind und etwas bewegen wollen, ziehen sich immer weiter zurück. Mein erster Gedanke war auch: Vielleicht bringe ich mich jetzt doch lieber mehr beispielsweise in der Asylarbeit ein – es gibt Themenfelder, auf denen ich mehr bewegen und mich um Menschen kümmern kann. Das ist schon ein Gedanke, den man hat. Es kostet viel Zeit, Energie und Nerven. Es ist eine Krux, dass immer mehr Menschen sagen, ich engagiere mich in der Kirche vor Ort, stehe aber nicht mehr hinter der Amtskirche.

Annette Diesler   Viele engagierte Frauen in der katholischen Kirche warten voller Sehnsucht, dass sie endlich „auf Augenhöhe“ wahrgenommen und gewertschätzt werden. Das geschieht erst dann, wenn sich die Struktur der Kirche grundlegend ändert und alle Ämter und Dienste Menschen gleich welchen Geschlechts offenstehen. Viele Mitglieder haben sich bereits zutiefst getroffen und enttäuscht geäußert. Eine Frau sagte als Reaktion auf das postsynodale Schreiben zu Amazonien, ihr bliebe „die Kraft zum Beten weg“.

 

Welche Chancen auf Veränderung hat „Frau in Kirche“ nach diesem Schreiben im Prozess „Heute bei dir“?

Marie-Theres Jung   Wenn die Frauen immer weiter ausgeschlossen werden, läuft Kirche sich tot. Es müssen vor Ort eigene Strukturen aufgebaut werden. Frauen und Ämterfrage – wenn Frauen nicht in Ämter kommen, dann können sie nicht mitentscheiden. Das ist die Krux. Und auch bei gemeinsamer Leitung hat immer der Geweihte das letzte Wort und kann Entscheidungen treffen. Frauen sind ausgeschlossen. Ich habe auch im Zentralrat der Katholiken (ZdK) gegen die synodale Satzung gestimmt. Das ist für mich Augenwischerei – dort ist nichts auf Augenhöhe angelegt.

Annette Diesler   Im „Heute bei dir“-Prozess liegt es ganz in der Hand unseres Bischofs und der Frauen, die sich um ihres Glaubens willen – nicht um der Kirche willen – weiterhin in unseren Gemeinden und Verbänden engagieren wollen. Immerhin hat der Papst auch geschrieben: „Das bedeutet auch, dass Frauen einen echten und effektiven Einfluss in der Organisation, bei den wichtigsten Entscheidungen und bei der Leitung von Gemeinschaften haben...“ Ob das aber ausreicht, Frauen weiterhin „bei der Stange zu halten“, darf bezweifelt werden …  

 

Brauchen Frauen nicht gerade jetzt Solidarität, Gemeinschaft und Ankerpunkte?

Marie-Theres Jung   Wir sind als KFD da ja schon lange aktiv. Wenn man sich zusammenschließt und mit einer Stimme spricht, findet man mehr Gehör, das haben schon einige Frauen verstanden.  „Maria 2.0“ hat uns noch einmal einen großen Zulauf gebracht. Aktuell haben wir rund 17000 Mitglieder. Und wir werden weiter dranbleiben und fordern weiter eine gleichberechtigte Kirche, in der auch Frauen an Leitung und Entscheidungen beteiligt werden.

 

Das Gespräch führte Dorothée Schenk

Aus Frauensicht: Das Papstschreiben zur Amazoniensynode

2 Bilder