Denken statt zuschlagen

Beim Männertag 2019 sind Aggressionen Thema – der Weg zur Gewaltfreiheit führt über Kampfkunst

Wohin nur mit der Wut? Aggressionen entstehen, wenn man nicht weiß, wie man mit seinen Emotionen umgehen soll. Kampfkunst kann dabei helfen, die Energie positiv zu nutzen. (c) www.pixabay.com
Wohin nur mit der Wut? Aggressionen entstehen, wenn man nicht weiß, wie man mit seinen Emotionen umgehen soll. Kampfkunst kann dabei helfen, die Energie positiv zu nutzen.
Mo 15. Apr 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 16/2019 | Garnet Manecke
Beim Männertag 2019 am 17. November geht das Bistum Aachen neue Wege. Erstmals werden sich die Teilnehmer mit Kampfkunst beschäftigen.
Bei der Kampfkunst Kenpo geht es nicht um den Angriff, sondern um dessen Abwehr. Um nicht unkontrolliert zuzuschlagen, muss man seine Emotionen im Griff haben. (c) www.pixabay.com
Bei der Kampfkunst Kenpo geht es nicht um den Angriff, sondern um dessen Abwehr. Um nicht unkontrolliert zuzuschlagen, muss man seine Emotionen im Griff haben.

Warum die intensive Beschäftigung mit diesem Sport nötig ist und sich dadurch die Kirche positiv verändern könnte, erklärt Initiator Helmut Keymer vom Katholischen Forum für Erwachsenen- und Familienbildung in Mönchengladbach und Heinsberg.

Die Wut ballt sich im Bauch zusammen, der Körper spannt sich an, die Hände werden zu Fäusten. Dann steigt die Wut immer höher, quetscht sich hoch durch die Luftröhre und entlädt sich in einem Schrei – direkt ins Gesicht des Gegenübers. Und oft genug kommt die Faust gleich hinterher. Seit es Menschen gibt, gibt es auch Gewalt zwischen ihnen – das gilt auch für die Kirche. Aber gewaltfrei zu leben und Konflikte zu lösen, will gelernt sein. Beim Männertag 2019 sollen sich die Teilnehmer mit ihren eigenen Aggressionen beschäftigen und lernen, konstruktiv mit ihnen umzugehen. „Das Thema Gewalt ist in der Kirche gerade hochaktuell“, sagt Helmut Keymer, Sozialpädagoge beim Katholischen Forum für Erwachsenen- und Familienbildung. „Denken Sie nur an den Missbrauchsskandal.“ Aber auch biblisch geht es immer wieder um Kämpfe, die Menschen untereinander, aber auch mit Gott austragen: Jakob zum Beispiel, der sich erst mit seinem Bruder Esau anlegt, später mit seinem Schwiegervater und schließlich nachts auf Gott trifft, der ihn in einen Zweikampf zwingt. „Der zornige Gott, der mit seinen Schäfchen ringt“, sagt Keymer. „Aber auch Jesus kämpft mit dem Establishment in Jerusalem. Wobei Jesus für einen gewaltfreien Kampf steht. Aber um gewaltfrei Widerstand leisten zu können, muss man in der Lage sein, seine Emotionen unter Kontrolle zu halten.“

Hier setzt die Beschäftigung mit der Kampfkunst an. Denn Kampfkunst bedeutet nicht, zu lernen, wie man gezielter draufhaut. Bei Kampfkunst lerne man vor allem, seine Emotionen zu kontrollieren, sich nicht provozieren zu lassen. Aber auch, nicht selbst zu provozieren. „Nur wer seine Emotionen und seinen Körper kontrollieren kann, kann auch überlegt und gewaltfrei handeln“, betont Helmut Keymer. Mit Blick auf den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der katholischen Kirche sei die Kirche genau der richtige Ort für die Lehren der Kampfkunst, meint Keymer. „Jedes potenzielle Gewaltopfer sollte Kampfkunst lernen“, sagt er. „Aber auch jeder Priesteramtskandidat.“ Denn bei der Kampfkunst geht es nicht nur um körperliche Kampf- und Verteidigungsstrategien, sondern vor allem auch um die mentale Verfassung und die Deeskalation. Das unterscheidet Kampfkunst vom Kampfsport. Wie sich das eigene Denken, das Verhalten und damit die Beziehungen zu anderen durch die Kampfkunst Kenpo verändert, weiß Keymer aus eigener Erfahrung: neun Jahre trainierte er selbst in einer reinen Männergruppe. „Da waren nur Männer im Alter von 45 bis 70 Jahren vom Handwerker bis Rechtsanwalt, vom Zahnarzt bis Klempner“, berichtet er. Der Vorteil einer solchen Gruppe: „Wir begegnen uns mit sehr viel Nähe und sehr viel Respekt“, sagt er. „Trotz des Trainings ist meine Brille immer heil geblieben.“

Bei der Kampfkunst werden sich die Teilnehmer darüber bewusst, dass es bei allen Beziehungen auch immer um Macht geht. Wie man damit umgeht, sei entscheidend für das Gelingen einer Beziehung zwischen zwei Menschen. Das gelte auch in der Kirche. „Wenn ein Priester sagt, er habe keine Macht als Priester und GdG-Leiter, dann ist das ein Zeichen, dass er nicht gut mit seiner Macht umgehen kann“, beobachtet Keymer. „Nur wenn mir meine Macht nicht bewusst ist, wird sie dämonisch. Sonst kann ich damit umgehen.“ In der Kirche sei Macht ein Tabu-Thema, es werde immer nur vom „Dienen“ gesprochen. Der Begriff verschleiere die eigene Macht. „Das Bewusstsein für Macht fehlt“, beobachtet Keymer. „Damit wird sie unkontrolliert und dämonisch.“

Im Kampfkunst-Kurs am Männertag sollen sich Männer über ihre Aggressionen, ihre Macht und die damit verbundene Verantwortung und Folgen der Ausübung kennen lernen. Dabei geht es im Kern darum, dass Aggressionen Emotionen voller Energie sind, die sich lenken lassen. In welche Richtung, bestimmt jeder selbst. Ob sie in Gewalt explodieren oder die Energie zu etwas Gutem genutzt werden kann, lässt sich lernen. „Man lernt auch auf Körperebene, Lösungsmöglichkeiten zu finden“, sagt Keymer. „Das ist Denken mit dem Körper.“ Zwar seien das christliche Leben und das Kenpo-Leben zwei verschiedene Welten, die sich aber sehr gut ergänzten, ist Keymers Erfahrung. Als Supervisor könne er bei der Arbeit mit seinen Klienten im Mentoring vieles aus dem Kenpo mitnehmen. „Auf eine sehr subtile Art wird manchen dann klar, woran sie leiden oder woher ihre Wut und Aggressionen kommen. Kenpo hat viel damit zu tun, dass einem seine eigenen Reaktionsmuster bewusst werden. Auf der Körperebene kann man hier Lösungsmöglichkeiten erleben.“ Im Alltag macht sich das dadurch bemerkbar, dass man oft eine andere Haltung bekommt. Als Keymer bei einer Städtereise mit seiner Frau einmal in eine potenziell gefährliche Situation kam, malte er sich im Kopf schon seine Reaktion im Falle eines Angriffs aus. „Das Erstaunliche war, dass es dann gar nicht soweit kam“, berichtet er. „Der andere hat sich sofort zurückgezogen.“ Keymer erklärt das damit, dass sich seine mentale Haltung durch die Kampfkunst verändert habe. „Ich gehe durch das Training mit mehr Entschiedenheit durch das Leben.“

 

Kurz notiert

Was? Der Männertag im Bistum Aachen findet jedes Jahr statt. In diesem Jahr geht es um Aggressionen und den eigenen Umgang damit. Dazu wird ein Kenpo-Seminar angeboten. Wann? Der Termin des Seminars ist Sonntag, 17. November 2019. Wo? Das Seminar findet voraussichtlich in den Räumen des Katholischen Forums, Bettrather Straße 22 in 41061 Mönchengladbach statt.

Wer macht’s? Veranstalter sind der Fachbereich Männerarbeit im Bischöflichen Generalvikariat Aachen und das Katholische Forum für Erwachsenen- und Familienbildung Mönchengladbach und Heinsberg. Den Kurs wird Kenpo-Meister und Trainer Robert Fuhr aus Mönchengladbach leiten. Robert Fuhr arbeitet in seiner Kenpo-Schule auch mit aggressiven Jugendlichen.

Wo gibt es Informationen? Der Flyer mit den Anmeldedaten ist gerade im Druck. Anmeldungen werden beizeiten über das Online-Portal des Katholischen Forums www.forum-mg-hs.de möglich sein. Wer es nicht erwarten kann, kann seine Fragen schon jetzt stellen, an Helmut Keymer per E-Mail: helmut.keymer@ bistum-aachen.de oder an den Ansprechpartner im Fachbereich Männerarbeit Mario Schleypen per E-Mail: mario.schleypen@bistum-aachen.de.