Das geht so nicht weiter

Diakonat der Frau, Maria 2.0 und mehr: Die Debatte um systemische Korrekturen in der Kirche wird laut

Respektvoll und auf Augenhöhe miteinander diskutiert: Marianne Genenger-Stricker, Monika Schmitz, Irmentraud Kobusch und Margit Eckholt (v. l.). (c) Thomas Hohenschue
Respektvoll und auf Augenhöhe miteinander diskutiert: Marianne Genenger-Stricker, Monika Schmitz, Irmentraud Kobusch und Margit Eckholt (v. l.).
Di 14. Mai 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 19/2019 | Thomas Hohenschue

Seit Monaten fordern deutsche Katholiken wirksame Konsequenzen aus den Erkenntnissen der Missbrauchsstudie. Zu den zentralen Forderungen vieler Kritiker gehören Korrekturen an der Architektur der Kirche. Nicht länger sollen wenige Männer unter sich ausmachen, wohin die Reise geht mit dem schwerfälligen Schiff der Glaubensgemeinschaft, sondern es soll ein neuer Geist der Partizipation einziehen. Wie groß inzwischen Unmut und Ungeduld sind, wurde in Aachen bei einem kontroversen Abend um das Diakonat der Frau deutlich.

Die Aktion „Maria 2.0“ steht vor der Tür. Auch im Bistum Aachen werden Frauengruppen an so manchen Kirchenportalen und an anderen Orten ihren Protest sicht- und hörbar machen. Aus dem häufigen Gedankenspiel „Wir Frauen müssten mal eine Woche lang die Arbeit in der Kirche niederlegen“ soll Ernst werden. Denn viele Frauen fühlen sich missachtet – in ihrem kirchlichen Engagement, aber auch in ihrer Würde. Sie erwarten einen ehrlichen, offenen, menschlich korrekten Dialog mit den Männern, welche die Kirche leiten. Und fühlen sich immer wieder enttäuscht in ihrer Hoffnung, dass auf Augenhöhe mit ihnen gesprochen werde. In der dicht besetzten Aula der Katholischen Hochschule in Aachen war die Spannung greifbar. Ein Platz am Podium blieb leer, dort hätte nach Vorstellung der Veranstalterinnen Bischof Helmut Dieser sitzen müssen. Mit seinen kirchenpolitischen Begründungen für das Fernbleiben zeigten sie sich überhaupt nicht einverstanden. Die Unzufriedenheit über diese Haltung gab dem Abend eine Würze, die er gar nicht gebraucht hätte – denn auch schon ohne diesen Konflikt machten die Debatten deutlich: So wie bisher geht es einfach nicht weiter. Mit kosmetischen Korrekturen geben sich viele getaufte Christen keinesfalls mehr zufrieden.

Dass der alte Streit um die Einrichtung eines Diakonats der Frau eventuell nur auf eine solche oberflächliche Veränderung hinausläuft, womöglich sogar eine Verlängerung des Klerikalismus zur Folge hat: Das ist ein Gedanke, den Marianne Genenger-Stricker stark machte. Vielmehr gehe es heute um eine Demokratisierung der Kirche, um Gewaltenteilung, um gegenseitige Aufsicht – und um eine umfassende Gleichstellung von Frauen. Die Aachener Professorin denkt eben nicht an eine Ausweitung geistlicher Weihen, sondern an die auch verantwortliche Teilhabe am institutionellen, liturgischen und diakonischen Alltag der Kirche auf allen Ebenen. Jeder Christ und jede Christin sei bereits ohne Weihe zur Mitwirkung am Auftrag der Kirche berufen – aufgrund der Würde, welche die Taufe verleiht.

 

Mehr Frauen in Führungspositionen

Diese Meinung forderte die Frauen heraus, die sich seit Langem für das Diakonat der Frau einsetzen – wie Margit Eckholt, eine Professorin am Institut für katholische Theologie der Universität Osnabrück. Sie hob auf den sakramentalen Charakter ab, den das Diakonat als erste von drei Weihestufen hat. Ihre Zuversicht: Wenn Frauen hier, entsprechend der biblischen Quellen und historischen Grundlegung, Zugang erhielten, sei die Tür für weitere Entwicklungen offen. Eckholt plädierte dafür, Bischöfen wie dem Osnabrücker Franz-Josef Bode den Rücken zu stärken, die sich für diese Veränderung aussprächen. Die Zeit sei reif, kirchliche Weiheämter für berufene Frauen zu öffnen, betonte auch Irmentraud Kobusch vom Netzwerk Diakonat der Frau. Hoch qualifizierte, zutiefst religiöse Frauen fühlten sich für das Weiheamt vorbereitet, aber ihnen zerrinne ihr Leben unter den Fingern, weil es ihnen immer noch nicht ermöglicht werde, ihre Berufung zu leben. Davon unabhängig die Beteiligung von Frauen an der Leitung der Kirche zu erhöhen: Dem konnte sich Kobusch anschließen. Die Forschung zeige, dass sich in Institutionen erst etwas ändere, wenn der Frauenanteil an Führungspositionen die Marke von 30 Prozent überschreite. Emotionale Wortmeldungen unterstrichen an diesem Abend, dass die Geduld vieler Beteiligter überstrapaziert ist. Sie meinen: Daten und Analysen gibt es satt, Empfehlungen und Positionspapiere auch. Woran es einzig mangelt, sind Entscheidungen.