Das Haus im Himmel suchen

Was uns in der Trauer Perspektive schenkt, wissen die, die sich in der Seelsorge mit Trauernden engagieren

Wenn die Bank auf einmal leer bleibt – was Trauer mit uns macht. (c) www.pixabay.com
Wenn die Bank auf einmal leer bleibt – was Trauer mit uns macht.
Mo 8. Jun 2020
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 24/2020 | Ann-Katrin Roscheck

Wut, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Dankbarkeit: Wenn ein geliebter Mensch stirbt oder wir uns mit unserer eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen müssen, sind die Gefühle, die uns begleiten, immer unterschiedlich. „Jede Trauer ist individuell“, sagt Birgit Schnelle. „Und sie macht mit jedem von uns etwas anderes.“ 

Gemeinsam mit Gemeindereferentin Monika Wiedenau und Pastoralreferent Ulrich Hagens bildet die Pastorin das Team der Krankenhausseelsorge der Alexianer Kliniken in Krefeld. Die Seelsorger betreuen sowohl die psychiatrische Klinik, in der immer wieder Patienten über den Tod eines geliebten Menschen in die Krankheit verfallen sind, als auch den Stationsbereich des Maria-Hilf-Krankenhauses.

Dass uns Trauer verändert, erleben die Seelsorger jeden Tag. „Der Kirche wird über die Trauer eine besondere Kompetenz zugeschrieben“, erklärt Hagens. „Dafür sind wir da.“ Die Seelsorger hören zu: Sie lauschen den Geschichten der verstorbenen Kinder, erinnern sich gemeinsam mit den Eltern an schöne und schmerzhafte Erlebnisse. Sie geben Rückhalt, wenn die Trauer über die verlorene Liebe über dem eigenen Kopf zusammenbricht und versuchen Erklärungen zu finden, wenn der verlorene Partner auch nachts immer wieder an der Bettkante auftaucht. „Viele unserer Patienten sehen ihre Verstorbenen noch und ängstigen sich“, erklärt Schnelle. „Wir versuchen, diese Angst zu nehmen. Wir sprechen darüber, dass der Verstorbene vielleicht noch da ist, weil er in unserem Herzen lebendig bleibt. Weil die Erinnerungen an ihn Kraft schenken soll.“

Dass Trauer Grenzen verschwimmen lassen kann, weiß auch Monika Wiedenau. Oft ist es sie, die bis zum letzten Atemzug an der Seite der Patienten steht. „Wir sind keine Therapeuten, die Seelen aufrichten, aber wir können Hoffnung geben“, erklärt die Krefelderin. Nur wenige, so erlebt sie, finden in Zeiten der Not Kraftpunkte im Gebet, die spirituelle Suche aber nach „dem, was danach kommt“ sei immer wieder Thema. „Wenn unser irdisches Haus abgebrochen ist, baut uns Gott ein Haus im Himmel“, schildert Wiedenau. „Zu wissen, dass es dieses Haus gibt und wie es aussehen kann, hilft Patienten, das Leben loszulassen, und Angehörigen, den Tod hinzunehmen.“ 

Momente der Trauer – Die Seelsorger erzählen

(c) Ann-Katrin Roscheck
Die letzte Ernte – Die nächste Welt im Traum erfahren

Viele Jahre begleitet Birgit Schnelle eine Patientin in der psychiatrischen Abteilung des Alexianer Krankenhauses, um mit ihr den Verlust eines geliebten Menschen zu bearbeiten. Als die Patientin selbst an Krebs erkrankt, ist Schnelle an ihrer Seite, denn im Hospiz beginnt die Dame auf einmal zu fantasieren. „Ich habe mich mit ihr auf die Suche danach begeben, wo der Ursprung der Fantasien liegt, und wir fanden heraus, dass sie geträumt hatte“, erinnert sich die Seelsorgerin. „Sie träumte von einem Haus in einem Neubaugebiet und war traurig, dieses nie mit ihrem Mann beziehen zu können.“ Schnelle fragt nach: Wie sieht das Wohnzimmer des Hauses aus? Wie groß sind die Fenster? Wie ist der Ausblick? Und die Patientin beschreibt wunderschöne, goldene Felder, die kurz vor der Ernte stehen. Aber es war keine Erntezeit und die Farben, die sie beschrieb, waren fast unwirklich. „Sie malte ein biblisches Erntebild und gemeinsam begannen wir, ihr Haus über die Tage in ihrem Kopf einzurichten. Jede Nacht in ihren Träumen entwickelte sich das Bild.“ Und dann, eines Tages, sagt die Patientin ihr, dass das Haus fertig sei. „Und das war der Punkt, an dem sie gehen konnte“, sagt Schnelle. „Sie starb.“

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Die Sicherheit im Chaos – Trauer hat viele Gesichter

„Der Kontakt mit dem Tod hat mich verändert. Ich habe eine genaue Vorstellung davon, wo ich selbst einmal hingehe“, formuliert Pastoralreferent Ulrich Hagens ganz deutlich. „Diese Überzeugung gibt mir Sicherheit. Das spürt mein Gegenüber.“ Es ist schon einige Jahre her, dass Hagens auf eine besondere Art und Weise davon Gebrauch gemacht hat. Eine italienische Großmutter liegt im Sterben, ihre gesamte Familie hat sich um das Krankenbett versammelt, das Zimmer ist gerappelt voll. Jeder möchte ein Gebet sprechen, die „Nonna“ noch einmal berühren, es liegen Klagen und lautes Weinen im Raum und Hagens wird mit allen Gesichtern unsäglicher Trauer konfrontiert. „Da bestand meine Rolle als Seelsorger eigentlich darin, die Sterbende zu schützen“, erinnert er sich. „Mit Schweiß auf der Stirn habe ich versucht, Ruhe in das Chaos zu bringen. Die Ruhe, die die alte Dame brauchte, um endlich gehen zu können.“

(c) Ann-Katrin Roscheck
Die Hilfe über die Grenze – Wenn das Loslassen schwerfällt

Im Sterbeprozess ist die Seelsorgerin Monika Wiedenau an der Seite der Patienten und Familien. „Immer wieder erlebe ich dabei, dass für den Erkrankten das Loslassen besonders schwer ist“, beschreibt die empathische Frau. „Er kann nicht gehen, weil er sich um seine Verwandten sorgt.“ Zerrissen erlebt sie auch einen älteren Mann vor einiger Zeit. Seine Töchter stehen rund um die Uhr an seinem Bett, die Kräfte sind schon lange verschwunden und der Vater nicht mehr ansprechbar, aber der Lebensmut verblasst nicht. „Ich wurde von der Krankenschwester dazu gerufen und in Absprache mit seinen Töchtern bereitete ich den Sterbesegen“, erinnert sie sich. „Gemeinsam fassten wir uns an den Händen und beteten das 'Vater Unser'.“ Anschließend singen die drei Frauen „Maria, breit den Mantel aus“, ein Lied, das der Vater aus seiner kirchlichen Jugend kennt, und Wiedenau verlässt den Raum. „Zehn Minuten später ist er friedlich eingeschlafen“, sagt sie. „Gemeinsam haben wir ihm über die Grenze geholfen. Für mich war das ein wunderbarer Dienst.“