Das Brot, das wir teilen

Gerettete Lebensmittel versorgen Bedürftige im Bistum Aachen

(c) Ann-Katrin Roscheck
Di 8. Okt 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 41/2019 | Ann-Katrin Roscheck

Nur fünf Brote und zwei Fische reichten aus, als Jesus am See Gennesaret fünftausend Menschen eine Mahlzeit schenkte. Am Ende wurden nicht nur alle satt, sondern seine Jünger sammelten zwölf Körbe mit Resten, die nach dem Essen noch übrig waren. Die „Speisung der Fünftausend“ wird in allen vier Evangelien erzählt und zeigt, was passiert, wenn wir teilen: Wir schaffen es, auf fast wundersame Weise aus wenig viel zu machen, und versorgen nicht nur uns selbst, sondern bescheren vielen anderen Menschen, die ohne uns keine Mahlzeit hätten, eine Versorgung. 

Mit einem ähnlichen Konzept setzt sich seit 2012 der Verein „Foodsharing“ ein: Die Ortsgruppen retten Lebensmittel aus Supermärkten und aus der Gastronomie vor dem Mülleimer und füllen damit nicht nur ihre eigenen Kühlschränke, sondern spenden diese auch an soziale Einrichtungen. „Ich möchte meinen Kindern beibringen, dass alles auf der Welt einer Wertschätzung bedarf“, erklärt der vierfache Familienvater und Lebensmittelretter Julian Brinke. „Ein Brötchen ist nicht nur ein Brötchen. Es ist das Produkt von vielen schaffenden Händen.“ Der Landwirt baut an und erntet, der Müller mahlt das Mehl, der Bäcker bereitet den Teig und backt das Brötchen und der Verkäufer steht im Laden und reicht die Backware über die Theke. „Wenn wir das Brötchen ungeachtet in den Müll werfen, dann missachten wir die Arbeit dieser Menschen und sorgen gleichzeitig dafür, dass diejenigen, die Hunger haben, weiterhin nichts bekommen“, beschreibt der Lehrer weiter. „Und das ist doch ein völlig falscher Weg der Weltanschauung, oder?“

In Ortsgruppen schließen sich die Foodsharer zusammen: Eine Satzung mit einem entsprechenden Verhaltenskodex legt fest, wer Lebensmittel sammeln, wer Betriebe ansprechen und wer verteilen darf. Dabei organisieren sich die Beteiligten über das Web: Eine interaktive Karte zeigt auf, bei welcher Abholung Lebensmittelretter benötigt werden und auch, wo Lebensmittelüberschüsse abgeholt werden können. In Krefeld sind hier aktuell 190 Foodsaver angemeldet. Auch in anderen Teilen des Bistums ist das Engagement da: In Aachen sind allein drei Ortsgruppen aktiv und in Düren, Mönchengladbach und dem Kreis Heinsberg setzen sich ebenfalls Ehrenamtliche für den verantwortungsvollen Umgang mit Lebensmitteln ein. 

 

Unvorstellbar, dass das in den Müll ginge 

Zu den Krefelder Foodsavern gehört auch Dirk Schlicker: Nachmittags arbeitet er als Versicherungskaufmann, vormittags fährt er Sammelpunkte ab und verteilt die Lebensmittel an diejenigen, die eine kostenfreie Mahlzeit dringend benötigen. Mittwochsmorgens zum Beispiel trifft er Pia und Patrick bei der Bäckerei Hendker. Gemeinsam sortieren die drei Foodsaver bis zu sieben Tüten mit Brötchen vom Vortag und bis zu zehn Körbe mit süßen Teilchen. Drei Mal in der Woche besuchen sie den Bäckermeister. Unvorstellbar, dass diese Menge an Lebensmitteln ohne den Einsatz der drei in die Tonne wandern würde. „Selbst wenn das Brötchen nicht mehr so frisch ist, dann mache ich es feucht und backe es auf“, erklärt Schlicker. „Es ist anschließend wieder richtig lecker.“

Die Krefelder teilen die Backwaren auf. Patrick ist mit einem Handwagen unterwegs. Mehrmals in der Woche bringt er Lebensmittel in einen solidarischen Stadtteilladen, in dem Bedürftige umsonst einkaufen können. Dirk Schlicker nutzt das Auto, um seine Ausbeute noch zu erweitern.  Nach dem Besuch beim Bäcker hat er einen Termin in einem nahegelegenen Supermarkt: Auch hier sortiert er die übrig gebliebenen Lebensmittel im Garagenhof. Nur wenig, schon verdorbenes Gemüse wirft der Krefelder weg. Den Rest, frische Tomaten, Gurken, Karotten, Salat und leckeres Obst, packt er zu den Brötchen. „Für den Supermarkt reicht die Qualität der Waren nicht mehr aus, aber das heißt ja nicht, dass die Sachen nicht mehr essbar sind“, erklärt der Krefelder. „Davon profitieren noch einige. Wir sind dankbar, dass der Supermarkt die Sachen abgibt.“

Die Foodsaver versuchen, den Aufwand für die mitmachenden Institutionen so gering wie möglich zu halten: Sie bewegen sich unauffällig und sind zuvorkommend. Durch ein bestehendes Vertragsverhältnis mit den Betrieben werden diese außerdem von ihrer Haftung entbunden. Infolgedessen interessieren sich immer mehr Institutionen für den nachhaltigen Verein. „Aber wir haben zu wenig Leute, um weitere Abholungen zu organisieren“, erklärt Julian Brinke. „Wir brauchen mehr Ehrenamtler in der Seidenstadt.“

Mit der Hilfe von Brinke setzt Schlicker seine Tour fort: Nun steht der Besuch der Annahmestellen auf dem Plan. Heute besucht der Seidenstädter Matthias Totten von der St.-Anna-Kirche: Im Rahmen des Angebots „Das offene Ohr“ bietet die Gemeinde ein Frühstück für Bedürftige an. Anschließend können sie die überschüssigen Brötchen mitnehmen. „200 Leute können wir mit der Hilfe der Foodsaver monatlich versorgen“, erklärt der Diakon. „Das ist Wahnsinn, oder?“

Auch Klaus Baumeister vom Verein „Dein Name ist Mensch“ erwartet Schlicker und seine Gaben schon: Jeden morgen nutzen er und sein Team die übrig gebliebenen Lebensmittel im gemeinnützigen Begegnungscafé, um Obdachlosen ein Frühstück in Würde und Menschlichkeit zu ermöglichen. Die mitgebrachten süßen Teilchen erfreuen außerdem die hungrigen Schulkinder, die hier im Brennpunktviertel nach der Schule kostenfreie Aktivität und Betreuung finden. „Wenn ich sehe, wie viele Menschen auf diesem Wege satt werden, erfüllt mich das“, beschreibt Julian Brinke. „Vermeintlicher Müll schafft so die Speisung von unzähligen Leuten, die Hunger haben. Das ist fast schon ein Wunder.“

Weitere Informationen zum Verein Foodsharing finden Sie online: https://foodsharing.de 

Sie bringen die geretteten Lebensmittel zu den Menschen

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