Das Brausen des Geistes

Heute stellt sich in einer zugespitzten Weise die Frage nach dem Gebot der Stunde für eine Kirche von morgen

Zu Pfingsten feiern wir, dass die Apostel im wahrsten Sinne entflammt in die Welt entsandt wurden. (c) www.pixabay.com
Zu Pfingsten feiern wir, dass die Apostel im wahrsten Sinne entflammt in die Welt entsandt wurden.
Mi 5. Jun 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 23/2019 | Peter Blättler

Pfingsten ist ein wunderbares Fest, weil es endlich um uns und unsere Erneuerung aus einer christlichen Geisteshaltung geht. Wir glauben nicht nur an Jesus Christus, sondern werden an Pfingsten vom Geist Jesu neu auf die Füße gestellt. Pfingsten ist ganz und gar unser Fest, und doch kommt es unverhofft. Das Brausen des Geistes trifft die junge Christenheit überraschend und wirkt wie ein heftiger Sturm. Das Feuer des Heiligen Geistes entzündet etwas Neues und öffnet für ein gegenseitiges Verstehen ganz unterschiedlicher Sprachen und Kulturen. So lesen wir es in der Apostelgeschichte.

Das Brausen des Geistes ist derzeit ganz deutlich und drastisch spürbar. Wir spüren es in der Kirche mit all ihren selbstgemachten Krisen und Skandalen. Das Brausen des Geistes verunsichert und verängstigt die einen und andere wittern ihre Chance für einen radikalen Umbau kirchlichen Lebens jenseits von klerikaler Macht und Bevormundung. Die Stunde für eine tiefgreifende Veränderung ist gekommen. Das ist das Empfinden vieler Christen und vieler Menschen, die sich mit der Zukunft von Kirche auseinandersetzen. Worte allein greifen zu kurz, überzeugen nicht mehr und werden hohl, wenn sich nichts tut. Auch die vielen synodalen Wege, die neuerdings in vielen Teilen der Kirche gegangen werden, riechen nach Reformverweigerung und schaffen eher Misstrauen als Vertrauen. Bewegt von der derzeitigen Situation sind die meisten nicht, weil sie die Kirche in ihrer derzeitigen Verfassung retten möchten. Bewegender ist vielmehr, dass die christliche Botschaft selbst beginnt, Schaden zu nehmen. Zu Recht fragen sich viele, ob die Zukunft des Christentums noch von Institutionen verkörpert werden kann, die Türen zueinander und zur Welt von heute verschlossen halten.


Pfingsten lädt aus meiner Sicht ein, alle Sinnesorgane für den Geist Gottes zu öffnen. Dazu gehört das Gebet und ein geistliches Leben, das mitten in der Welt verankert ist. Dazu gehört eine hohe Aufmerksamkeit und Achtsamkeit anderen Auffassungen und Einstellungen gegenüber. Mut macht mir der Gedanke, dass wir ja vielleicht nicht in einer Zeit des Abbruchs leben, sondern in einer sehr spannenden Phase der Kirchengeschichte. Wir erleben das Brausen des Geistes ganz hautnah mit. Dieses Brausen lässt sich nicht kanalisieren durch amtliche Verlautbarungen und schon gar nicht aufhalten durch das Festschreiben überholter Strukturen. Der Geist öffnet Türen, die uns vielleicht heute noch wie zugenagelt erscheinen. Der Geist formt in einer großen ökumenischen Weite eine neue Kirche, die das Evangelium in den unterschiedlichen Sprachen und Kulturen einer sich ebenfalls radikal wandelnden Weltgesellschaft erlebbar machen kann. Auch eine runderneuerte Kirche macht nur Sinn, wenn sie ihre ganze Aufmerksamkeit dem Wirken des Geistes in der Welt von heute widmet.


Mit der Frage im Kopf und im Herzen, was das Pfingstereignis uns in den gesellschaftlichen und kirchlichen Umbrüchen sagen könnte, warf ich einen Blick auf unser Mönchengladbacher Bibelfenster. Dieses Fenster aus dem Jahr 1265 im Hochchor der Münster-Basilika stellt Szenen aus dem Alten und Neuen Testament erhellend gegenüber. Der „Herabsendung des Heiligen Geistes“ steht die alttestamentliche Szene des „Empfangs der Zehn Gebote“ gegenüber. Wie Mose die Zehn Gebote empfängt, so empfängt die junge Christenheit den Heiligen Geist. Mich hat diese Gegenüberstellung geistlich angerührt, und in mir wurde die Frage wach, was denn heute das „Gebot der Stunde“ sein könnte.
Für das Volk Gottes am Fuß des Sinai war das Gebot der Stunde, sich von den falschen Götzen zu verabschieden. Auf Mose wartend, hatten sie sich ein goldenes Kalb gegossen und suchten Sicherheit in der Verehrung eines selbstgemachten Götzen. Aber anstatt einer Existenz rund ums goldene Kalb wurden sie am Sinai wieder auf einen Weg geschickt. Gott selbst bekamen sie nicht zu sehen, sondern seine zehn Worte als Wegbeschreibung und den Hinweis auf eine ständige Hörbereitschaft. Das „Höre, Israel …“ (Dtn 6,4) begleitet von nun an das Volk Gottes auf seinem Weg mit den Zehn Geboten. Die Zehn Gebote und die Hörbereitschaft, sie auf der jeweiligen Wegetappe neu mit Leben zu füllen, werden zum Markenzeichen des Volkes Israel. Beides ist rückversichert in der lebendigen Erinnerung daran, dass nur Gott sein Volk aus der Sklaverei (Ex 20,2) befreien kann.


Für die ersten Christen beim Pfingstfest war das Gebot der Stunde, die Türen zu öffnen. Aus Furcht hatten sie sich zurückgezogen und suchten Sicherheit nur in ihren eigenen Kreisen und Fragestellungen. Aber anstatt einer Existenz in alter Umgebung und abgeschottet von der restlichen Welt werden die ersten Christen ebenfalls auf einen Weg geschickt. Gott selbst bekommen sie nicht in die Hand, sondern das Wort des Evangeliums mit dem neuen Gebot (Joh 13,34) und den Geist Gottes, der weht, wo immer er will – mal in der Kirche und mal weit über sie hinaus. Rückversichert ist dieser Heilige Geist in der lebendigen Erinnerung an den, der wirklich auferstanden ist und uns aus der Sklaverei des Todes befreit hat. Der Geist Jesu ist der Geist der Freiheit und er macht uns frei, sein neues Gebot im Blick auf die ganze Schöpfung zu leben (Röm 8,18ff.).


Heute stellt sich in zugespitzter Weise die Frage nach dem Gebot der Stunde für eine Kirche von morgen. Auch die Kirche von morgen wird Gott nicht in die Hand bekommen und schon gar nicht seinen wegweisenden Geist. Aber sie hat so dieeinmalige Chance, dem Geist Gottes mit vielen Menschen guten Willens auf die Spur kommen zu können. Die Gottesfrage ist gestellt: im Konzert der Religionen genauso wie in der Auseinandersetzung mit rein säkularen Lebensmodellen. Die Kirche von morgen wird lernen, auf Augenhöhe über alle wichtigen Fragen des Glaubens, der Moral und des Lebens ins Gespräch zu gehen. Sie wird den Geist Gottes antreffen in den großen Herausforderungen der Menschheit von heute und auch in den kleinen und alltäglichen Lebensgeschichten. Sie wird ihn antreffen in allen Fragen rund um den Klimaschutz und der damit verbundenen Frage einer weltweiten sozialen Gerechtigkeit. Sie wird ihn antreffen, wo Frauen und Männer sich gleichberechtigt ihrer Berufung in Kirche und Gesellschaft stellen können. Sie wird ihn antreffen bei den Armen und den Kranken und Notleidenden und all jenen, die in den Seligpreisungen angesprochen sind. Sie wird ihn nicht zuletzt antreffen auf dem Weg der Ökumene und dem Ringen um eine versöhnte Christenheit an dem einen Tisch des Herrn.


Gottes Geist wirkt in unserer Welt und drängt in Richtung Erneuerung. Er formt auch seine Kirche neu und wir dürfen gespannt sein. Sein heftiges Brausen in den Zeichen der Zeit wahrzunehmen, ist für uns Christen das Gebot der Stunde. Pfingsten ist wirklich ein wunderbares Fest auch für uns ganz persönlich und unsere eigene Erneuerung. Denn wie anders als in uns, mit uns und durch uns soll die Kirche von morgen in der Welt von heute vom Geist Gottes geformt werden.


Der Autor ist Propst an der Münster-Basilika St. Vitus in Mönchengladbach.