Chorarbeit erfindet sich neu

Die Leiter des Aachener Domchores und des Mädchenchores finden kreative Wege, von sich hören zu lassen

Jeder, als Sängerin oder Sänger, für sich und alle gemeinsam ein starker Chor. (c) Daniela Lövenich
Jeder, als Sängerin oder Sänger, für sich und alle gemeinsam ein starker Chor.
Mo 8. Jun 2020
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 24/2020

Schon seit Wochen ist es ungewöhnlich ruhig in der Domsingschule. Normalerweise lernen die angehenden Ensemblemitglieder dort nach der Ward-Methode das Notenlesen, das Singen vom Blatt, sie werden geschult in Gehörbildung, Stimmtraining und Rhythmusübungen. Und zwei- bis dreimal wöchentlich proben sie nachmittags in ihren jeweiligen Chorgruppen. Die Coronakrise hat den musikalischen Betrieb jedoch fast komplett lahm gelegt.

Entfallen sind nicht nur die liturgischen Dienste in den Gottesdiensten und geplante Konzerte, sondern auch die lückenlose Weitergabe der musikalischen Informationen. Ein Umstand, der Berthold Botzet, dem Leiter des Domchors, Sorgen bereitet. „Viele Stücke singen wir anlassbezogen nur einmal im Jahr. Wenn die entsprechenden Vorbereitungen fehlen und auch der Erfahrungsschatz, der mit einer hochkomplexen Aufführung wie beispielsweise der Matthäus-Passion zu Ostern verbunden ist, dann fehlen den jüngeren Sängern im folgenden Jahr wichtige Grundlagen. Die ‚Erstlinge‘ können ein solches Stück niemals alleine tragen. Die älteren Sänger nehmen die Jüngeren normalerweise an die Hand und agieren als Multiplikatoren des musikalischen Erfahrungsschatzes. Es ist Geben und Nehmen von der ersten Klasse an und von einem Jahrgang zum anderen. Sobald diese Selbstverständlichkeit nicht mehr da ist und die Könner nach dem Stimmbruch ausgeschieden sind, wird das ganze System fragil.“ Auch die wochen- und monatelange Unterbrechung des Stimmtrainings trägt zu seiner Einschätzung bei, dass im nächsten Jahr viele gewohnte Dinge nicht möglich sein werden. 


In Verbindung ohne „Vor-Ort-Proben“ 


Domkapellmeister Botzet und Domkantor  Marco Fühner, der den 2011 gegründeten Mädchenchor leitet, haben sich viele Gedanken darüber gemacht, wie sie, abgesehen von den erwachsenen Mitgliedern, vor allem mit den Kindern und Jugendlichen ohne „Vor-Ort-Proben“ in Verbindung bleiben können. „Der soziale Kontakt ist jetzt wichtiger das Musikalische, da waren wir uns absolut einig. Die Situation führt automatisch dazu, neue und kreative Wege zu gehen, um doch gemeinsam musizieren zu können. Jahrhundertelang hat sich die Probearbeit nie großartig verändert. Jetzt bekommt das Digitale für uns eine ganz neue Bedeutung“, berichtet Fühner.

Regelmäßig lassen die beiden Chorleiter von sich hören. Zum Beispiel in Form von Videobotschaften oder kleinen Filmen, in denen Botzet auf dem Klavier den Ton und Fühner per Dirigat den Rhythmus vorgibt. Diese Videos werden den Sängerinnen und Sängern mitsamt den Notenblättern zugeschickt. Zu Hause können sie mit diesen Hilfsmitteln das jeweilige Stück einstudieren, aufnehmen und zurücksenden. „Da kommen teilweise herrliche Aufnahmen zurück“, schwärmt Botzet. „Die Kinder werden richtig kreativ und sind voll dabei!“ Zweimal wurden die Einzelbeiträge des Domchors von Ensemblemitglied Lukas Müller bereits zu einem kurzen Gesamtvideo zusammengeschnitten und – das erste Mal bereits vor Ostern – an die Chorgemeinschaft und den Förderverein verschickt. Das dritte Video, an dessen Produktion neben Lukas Müller (Ton) auch Johanna Augustin (Bild) beteiligt war, erschien gerade zu Pfingsten. Und diesmal gab es eine Premiere: Knaben und Mädchen singen gemeinsam das zeitgenössische Stück „Laudate Dominum“ von Henri Carol.

Neben der musikalischen Arbeit wird auch der Freizeitspaß nicht vernachlässigt. Etabliert haben sich inzwischen wöchentliche virtuelle Quiz- und Spieleabende, die teilweise ebenfalls von beiden Chören gemeinsam gestaltet werden. Ein lustiges Highlight war zudem die Nominierung zur „Klopapier-Challenge“ durch den befreundeten Mädchenchor am Kölner Dom, die die Aachener Sängerinnen begeistert angenommen haben. „In der Krise liegen auch Chancen“, haben Berthold Botzet und Marco Fühner erkannt. 
Trotz allem hoffen sie, dass ein regulärer Probebetrieb bald wieder möglich sein wird. Positiv stimmt sie ein erster kleiner Schritt zurück in die Normalität: Bereits mehrfach haben erwachsene bzw. ältere Mitglieder des Dom- und des Mädchenchors in Kleingruppen die musikalische Gestaltung der Sonntagsgottesdienste um 10 Uhr übernommen. So soll es erst einmal weitergehen, denn die Gemeinde darf wegen der Coronaregeln bis auf Weiteres nicht singen.  dk

 

Das Chorvideo: https://youtu.be/gfY8UbBsodI