Blubbern für die hohen Töne

Kai Koch zeigt im praxisnahen Workshop, wie die Stimmung in Seniorenchören leicht zu verbessern ist

Am Anfang stehen immer Lockerungsübungen für Kehlkopf und Körper. (c) Dorothée Schenk
Am Anfang stehen immer Lockerungsübungen für Kehlkopf und Körper.
Di 19. Mär 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 12/2019 | Dorothée Schenk
Wenn die Herren Senioren „Wrüm, wrüm, wrüm, wrüm“ anstimmen und die Anweisung „ein bisschen beschwipster“ bekommen, dann die Damen „noch eine Spur arroganter“ mit „mimimimi, mimimimi“ einsteigen und schließlich das Auditorium dreistimmig dazukommt, dann ist Werktag für Kirchenmusik im Bistum Aachen.
Eine Flasche Wasser, ein Schlauch und Luft sind einfache Hilfsmittel zur Stimmbildung. (c) Dorothée Schenk
Eine Flasche Wasser, ein Schlauch und Luft sind einfache Hilfsmittel zur Stimmbildung.

Referent Kai Koch hat die Akteure mit einer Handbewegung fest im Griff. Die Aufmerksamkeit ist garantiert. Begründung: „Die schlechten Witze mache ich mit Absicht zwischendurch“, sagt er. Und auch wenn das Auditorium in der Qualität der Beiträge nicht seiner Meinung ist, ist es der Effekt, der zählt. Da ist Stimmung im bis auf den letzten Stuhl besetzten Pfarrsaal im Pfarrzentrum St. Mariä Empfängnis Neersen. Mit vielen launigen Einlagen vermittelt Kai Koch die doch eher trockene Materie der Presbyphonie und Vox Senium, der Veränderung der Stimme, wenn sie mit dem Sänger in die Jahre kommt. Natürlich gibt es dagegen Medikamente, operative Eingriffe und auch Übungen, erläutert der Fachmann seinem Fachpublikum aus Chorleitern und Kirchenmusikern. Und eben um die Praxis ging es. Als Anhörungsbeispiel war der Seniorenchor Düren mit seiner Leiterin Martina Schütz-Berg angereist. Vor 30 Jahren hatte die Diplom-Pädagogin die Sängerschar übernommen. „Ich habe vieles mit dem Chor lernen müssen“, betont sie. Gestartet mit Optimismus und einer gewissen Blauäugigkeit, merkte Martina Schütz-Berg schnell, dass bei der Probenarbeit manch rythmisches Stück zu schwierig ist, dass bei Senioren das Kurzzeitgedächtnis nicht mehr so gut funktioniert, und es auch stimmlich Einschränkungen gibt: „Im Sopran nicht so hoch, im Tenor nicht so virtuos und im Bass möglichst harmonisch“, erklärt die Chorleiterin.

 

Immer neue Ziele stecken und die stimmliche Bandbreite erhalten

Einen weiteren Punkt ergänzt eine Sängerin: „Wer mit alten Menschen arbeitet, der hat es sehr schwierig. In meiner Zeit, in der ich im Chor bin, da sind schon so viele Sterbefälle gewesen … Wir haben oft mehr auf Beerdigungen gesungen als in der Kirche. Und trotzdem hat sie sich Mühe gemacht … Und dann sind die weg. Dann kommen Neue, und sie fängt wieder bei Null an.“ „Man muss sich überlegen, wie es gelingt, dass man den Chor nicht unterfordert, immer neue Ziele steckt und trotzdem up to date bleibt“, meint Martina Schütz-Berg unverdrossen. Damit das in Düren und allerorts gelingen kann, hat Kai Koch – neben den nur kurz repetierten, weil selbstverständlichen Phasen des Einsingens, der Auflockerung und Motivationsarbeit – eine ebenso einfache wie zielführende Methode mitgebracht: Das „Blubbern“, wie er „lax vox“ grinsend nennt. Mit einer kleinen, ein Drittel gefüllten Wasserflasche und einem Schlauch geht es los. Kindheitserinnerungen mit Benimmregeln werden wach, und es macht sichtbar viel Spaß. Physiologisch geht es um Druckausgleich, der Einfluss auf das „freie Schwingen“ der Stimmbänder hat. Wie bei einer Medizin wird die Übung mehrmals täglich empfohlen. Ein Vorher-Nachher-Test mit der Anweisung „piano singen – forte hören“ demonstriert eindrucksvoll den Erfolg. „Voller“, „dichter“, mit „mehr Klangvolumen“ spiegelt das Auditorium die Eindrücke wider und „klarer in den hohen Tönen“. „Ich bin ja nicht der Senioren-Chor-Papst“, sagt der jungenhaft lächelnde Professor für Musikpädagogik und stapelt damit tief. Denn genau seiner Qualifikation wegen war er zum Thema „Singen im Alter“ eingeladen – mit Erfolg.