Bedrohte Menschenwürde in prekärer Arbeitswelt

Arbeitergeschwister schildern die europaweite Verschlechterung von Lebens- und Arbeitsbedingungen von Menschen mit geringen Einkommen

Die Arbeitergeschwister kommen aus vielen Ländern Europas (c) Thomas Hohenschue
Die Arbeitergeschwister kommen aus vielen Ländern Europas
Mi 12. Jun 2019
Thomas Hohenschue

Das Leben der Menschen mit geringen Einkommen und prekären Beschäftigungsverhältnissen teilen: Das ist die Berufung von seelsorglich tätigen Frauen und Männer, die in der Tradition der Arbeiterpriester stehen. 27 von ihnen tagten am Pfingstwochenende im Nell-Breuning-Haus.

Die Arbeitergeschwister kommen aus vielen Ländern Europas und schildern unisono, dass sich die Situation der Beschäftigten im Niedriglohnsektor stetig verschlechtert. Viele Menschen kommen unter die Räder. Im Zuge der Privatisierung von ehemaligen Staatskonzernen zum Beispiel wächst der Druck. Umstrukturierungen, Rationalisierungen, Zergliederungen, Auslagerungen – die Zirkulation von Organisationsmodellen entlang der Profitinteressen der neuen Eigentümer raubt den Belegschaften die Luft, beschneidet sie in ihren Rechten, senkt betriebliche Standards. An ihnen wird gespart, damit das unternehmerische Ergebnis den Mehrwert erzielt, den Investoren einfordern.

Ein zweiter Trend: Der durch die Digitalisierung forcierte Wandel der Industriegesellschaft hin zur Dienstleistungsgesellschaft hängt immer mehr Menschen von einer existenzsichernden Teilhabe am regulären Arbeitsmarkt ab. Vermeintliche Erfolgsmeldungen über die Beschäftigungsquoten in Europa verschleiern das Ausmaß eines Niedriglohnsektors, der um sich gegriffen hat. Viele Menschen können von ihren Jobs nur schlecht leben, haben keine soziale Absicherung, keinen Schutz vor teils exzessiver Ausbeutung, vor Willkür, vor Entlassung. Dies ist häufig verschränkt mit einer ohnehin benachteiligten Situation in der Gesellschaft, etwa als Migrant oder als Sozialhilfeempfänger.

Die Seelsorgerinnen und Seelsorger üben Solidarität in der Nachfolge Jesu Christi. Sie tun dies auf zwei Wegen. Zum einen dadurch, dass sie auf dieselbe Weise leben und arbeiten wie die Leute. Sie beziehen ihre Einkünfte aus ähnlichen Jobs zu ähnlichen Bedingungen, haben genauso wenig Rechte, leben genauso bescheiden. Sie sprechen ihre Sprache und kennen ihre Nöte. Zum anderen üben sie Solidarität, indem sie sie Selbstorganisation und Widerstand bestärken und unterstützen. Sie ermutigen, betriebliche Interessenvertretung aufzubauen. Das ist ein harter Kampf, bei dem einem nicht nur Machtgefälle, sondern auch gesellschaftliche Ausgrenzung gegenübertritt.

Seit Jahren und Jahrzehnten leben die Seelsorgerinnen und Seelsorger ihren Glauben auf eine überzeugende und beeindruckende Art. Indem sie mit den Leuten leben und arbeiten, lernen sie auch von ihnen. In vielen Dingen ist die Erfahrungswelt eine ganz andere. Häufig hat der Alltag der Beschäftigten und ihrer Familien wenig mit dem zu tun, was man aus der eigenen bürgerlichen Herkunft her kennt. Und man spürt am eigenen Leib, was es heißt, in der gesellschaftlichen Hackordnung unten zu stehen. Das wirft viele Fragen auf, provoziert kritische Blicke auf unsere Art zu wirtschaften und zu konsumieren. Die Menschenwürde ist vielfach bedroht in der realen Welt.

Thomas Hohenschue

 

 

 

 

 

Arbeitergeschwister tagten am Pfingstwochenende im Nell-Breuning-Haus

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