Altäre erzählen Geschichte

Historikerin Kathrin Steinhauer-Tepütt schrieb ein Buch über Standorte und Funktionen der Dom-Altäre

Kann sich auch nach fünf Jahren intensiver Arbeit an ihrer Dissertation für den Dom und seine Altäre begeistern: Kathrin Steinhauer-Tepütt. (c) Garnet Manecke
Kann sich auch nach fünf Jahren intensiver Arbeit an ihrer Dissertation für den Dom und seine Altäre begeistern: Kathrin Steinhauer-Tepütt.
Di 26. Feb 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 09/2019 |Garnet Manecke
Für ihre Dissertation hat Kathrin Steinhauer-Tepütt sich mit den Altären im Aachener Dom beschäftigt und dabei Überraschendes zutage gefördert. Es ist das erste Mal, dass über die Altäre der Aachener Marienkirche so intensiv geforscht wurde.
Der Altar in der Karlskapelle stand früher an der nach Osten zugewandten Wand. (c) Garnet Manecke
Der Altar in der Karlskapelle stand früher an der nach Osten zugewandten Wand.

 Die Ergebnisse der Arbeit sind nun als Buch herausgekommen.

Den Sommer im vergangenen Jahr konnte Kathrin Steinhauer-Tepütt wieder in vollen Zügen genießen. Die fünf Sommer davor hat sie hauptsächlich zwischen historischen Akten, Plänen und Urkunden in Archiven verbracht. Im Aachener Stadtarchiv, im Domarchiv und im Landesarchiv NRW in Duisburg forschte sie fünf Jahre darüber, wie sich im Laufe der Jahrhunderte der Dom veränderte: Zahl, Standorte und Art der Altäre bis heute gaben der Historikerin Hinweise auf Glauben, liturgische Abläufe und den Zeitgeist vergangener Generationen. Erstaunlich ist, dass die junge Frau die erste ist, die sich die Mühe machte. Bisher hatte sich noch niemand mit diesem Thema beschäftigt, sagt ihr Doktorvater Harald Müller, Professor am Lehrstuhl für Mittlere Geschichte der RWTH Aachen. Allerdings war für Steinhauer-Tepütt die Quellenlage insofern eingeschränkt, als beim großen Brand von Aachen 1656 auch viele Dokumente verlorengegangen sind. Für die Zeit Karls des Großen ist die Quellenlage dünn. Wie viele Altäre es zu seiner Zeit gegeben hat, kann man deshalb heute nicht gesichert sagen. Umso wertvoller sind die Erkenntnisse, die Steinhauer-Tepütt über den Wandel des Doms im 14. und 15. Jahrhundert gewonnen hat. In dieser Zeit hat sich die Anzahl der Altäre in dem Gotteshaus nahezu verdoppelt.

 

Vom 14. zum 15. Jahrhundert hat sich die Anzahl der Altäre fast verdoppelt

Diese Entwicklung hat die Autorin der Dissertation, die mit Hilfe der Europäischen Stiftung Aachener Dom nun als Buch erschienen ist, anhand von zwei Chordienstordnungen nachvollziehen können. Während sich in der Chordienstordnung des 14. Jahrhunderts mindestens 17 Altäre nachweisen lassen, zeigt die Chordienstordnung von Ende des 15. Jahrhunderts, dass 32 Altäre in Gottesdiensten und bei Gebeten genutzt wurden. „An jedem Pfeiler in der Kirche hat damals ein Altar gestanden“, sagt die Autorin beim Rundgang durch den Dom. Dem Buch sind sechs Pläne beigelegt, auf denen sich für den Leser die Entwicklung schön nachvollziehen lässt. Der erste Plan zeigt die Kirche im Zustand um 1340, der gotische Chorraum und die Seitenkapellen sind noch nicht gebaut. Im Zentrum des Oktogons steht ein Altar (in medio choro); der Marien-Altar, heute der zentrale Altar, steht an der Stelle, an der heute der Reliquienschrein steht. Damals stand er damit hinter dem Petrus-Altar.

Mit dem Anbau der Chorhalle verändert sich auch die Anordnung der Altäre, das zeigt der dritte Plan, der den Grundriss des Doms im Zustand um 1475 zeigt: Der Petrus-Altar (in choro) ist an das Ende des Chorraums gerückt, der Marien-Altar am alten Standort geblieben. Der Altar aus der Mitte des Oktogons steht nun an einem Pfeiler. Auf diese Weise ist der Marien-Altar ins Zentrum gerückt. Heute steht er an der Stelle, an der ursprünglich der Petrus-Altar seinen Platz hatte. In der Regel wurden die Altäre von wohlhabenden Bürgern gestiftet. Allerdings sei nur von wenigen Altären überliefert, wer ihn gestiftet hat und aus welchem Grund, sagt Steinhauer-Tepütt. Sicher ist dagegen, dass der Marienaltar der Ausgangspunkt der Prozessionen war, die am Gründonnerstag durch den Dom von Altar zu Altar gezogen sind. Das Buch berichtet aber noch viel mehr und manches, stellt der Leser beim Rundgang durch den Dom fest, erzählt das Gotteshaus selbst. So weisen zwei Einbuchtungen in der Wand der Karlskapelle darauf hin, dass hier einst auch ein Altar stand. Ein Blick auf die Pläne zeigt, dass neben dem Karlsaltar ein zweiter Altar dem heiligen Mauritius gewidmet war.

Mancher Altar wurde direkt über einem Grab gebaut. Ein Beispiel dafür ist der Viktor-und-Corona-Altar, der auf der linken Seite des Sechzehnecks stand, in der Nähe des Marien-Altars. Auf der Suche nach dem Grab Karls des Großen stieß man hier auf die Gruft mit einem Sarkophag, der die Gebeine der heiligen Corona enthielt. Otto III. hatte sie nach Aachen bringen lassen. Der Altar war für die Öffentlichkeit zugänglich. Heute erinnert eine Inschrift in den Bodenplatten daran.

Kathrin Steinhauer-Tepütt: Die Altäre der Aachener Marienkirche. Standorte, Funktionen und Ausstattung, „Der Aachener Dom in seiner Geschichte“ Bd. 2, 240 Seiten, zahlreiche Abb., 3 Faltpläne,Verlag Schnell und Steiner, Regensburg 2018, Preis: 49,95 Euro. Zu bestellen beim Leserservice der KirchenZeitung, Tel. 0241/1685211, E-Mail: leserservice@kirchenzeitung-aachen.de.