Alle können da hineingeraten

Ein Schulprojekt zeigt, wie verbreitet seelische Erkrankungen sind und wie sich Wege daraus finden lassen

Leonie, Alina, Hannah und Lukas (von links) arbeiten konzentriert an der Pressekonferenz des Fußballtrainers. (c) Rauke Xenia Bornefeld
Leonie, Alina, Hannah und Lukas (von links) arbeiten konzentriert an der Pressekonferenz des Fußballtrainers.
Di 19. Mär 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 12/2019 | Rauke Xenia Bornefeld
Das Programm „Verrückt? Na und!“ bringt Jugendliche mit seelischen Erkrankungen in Kontakt – und mit dem Umgang damit. Ein Projektbesuch.
Caroline Braun und Oliver Stöber bildeten das Team am Projekttag in der Käthe-Kollwitz-Schule. Sie als fachliche Expertin, er als persönlicher Experte. (c) Rauke Xenia Bornefeld
Caroline Braun und Oliver Stöber bildeten das Team am Projekttag in der Käthe-Kollwitz-Schule. Sie als fachliche Expertin, er als persönlicher Experte.

Lukas runzelt die Stirn, Samantha wischt sich eine Träne aus dem Auge. Paul initiiert einen Applaus für seinen Mitschüler Oliver Stöber. Spurlos geht dessen Geschichte nicht an den 17- und 18-Jährigen vorbei. Sie sind erschüttert und beeindruckt zugleich. „Fünf Minuten Pause?“, fragt Moderatorin Caroline Braun die 12. Klasse der Fachoberschule für Gesundheit und Soziales in der Käthe-Kollwitz-Schule (KKS) und erntet kräftiges Kopfnicken. Stöber hat ihnen gerade seine Lebensgeschichte erzählt. Und das war starker Tobak. Oliver Stöber ist ein sogenannter persönlicher Experte im Projekt „Verrückt? Na und!“. Er ist 28 Jahre alt und macht gerade sein Fachabitur an der KKS. Was für andere ein normaler Bildungsweg ist, hat sich Stöber eigentlich nie zugetraut. Dass er jetzt kurz vor seinem Abschluss steht, kann er immer noch kaum glauben. Denn Oliver Stöber leidet seit seiner Kindheit unter Depressionen. Später kamen auch Panikattacken und Angststörungen dazu. Schulverweigerung, Alkoholmissbrauch, Kontaktabbruch und Rückzug aus dem Leben waren die Folgen.

Erst ein sechsmonatiger freiwilliger Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik speziell für junge Menschen brachte die Wende. „Dort habe ich das erste Mal gemerkt, dass ich Einfluss auf mein Leben habe.“ Seitdem meistert er seinen Alltag – wenn auch nach wie vor anders als seine Mitschüler. Er nimmt Medikamente, besucht weiterhin die Therapeutin und eine selbst ins Leben gerufene Selbsthilfegruppe für junge Menschen mit depressiven Erkrankungen. Ins Kino kann er noch nicht gehen, Busfahren klappt jetzt wieder. „Ich bin dann zwar immer noch angespannt, aber es geht mir 1000 Mal besser als vorher“, erzählt er.

Das Programm „Verrückt? Na und!“ für Schüler zwischen 14 und 25 Jahren wurde 2001 vom Leipziger Verein „Irrsinnig menschlich“ konzipiert und wird seit 2017 auch von einer Aachener Regionalgruppe umgesetzt. Hier arbeiten die Aachener Laienhelfer Initiative e. V., die evangelische Kinder- und Jugendhilfe Aachen-Brand, der Psychiatrie-Patinnen und -Paten e. V., der Sozialpsychologische Dienst sowie der Caritasverband zusammen. Träger ist seit Anfang des Jahres das Bistum Aachen. Etwa ein Fünftel aller Jugendlichen hat eine psychische Erkrankung wie Depression, Angststörung oder Aufmerksamkeitsdefizite. „Gleichzeitig dauert es im Schnitt zehn Jahre, bis sich ein junger Mensch Hilfe holt“, berichtet Projekt-Koordinatorin Caroline Braun von der Integrierten Psychiatrieseelsorge des Bistums Aachen. „Das darf einfach nicht mehr passieren.“ Ziel des Programms ist es, psychische Erkrankungen zu enttabuisieren und jungen Menschen Unterstützungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Allerdings verstehen sich die Experten nicht als Krisenteam. „Wir sind Augenöffner und Mutmacher.“ Auch Stöber hat lange gebraucht, bis er den Weg erst zu einer Selbsthilfegruppe, dann zu einer Therapeutin und schließlich in die Klinik fand. „Ich hatte nicht das Gefühl, psychisch krank, sondern einfach nur kaputt zu sein“, beschreibt er selbst seinen jahrelangen, undefinierbaren Gefühlszustand.

Sein Auftritt vor seiner eigenen Klasse war eine Ausnahme. Normalerweise begleitet er die fachlichen Experten von „Verrückt? Na und!“ in Schulen, die ihn nicht als Schüler führen. Immer wird ein ganzer Schultag für das Thema reserviert. Bevor der persönliche Experte aus seinem Leben berichtet, nähern sich die Jugendlichen dem Thema mit viel Spaß an: Als erstes schauen sie gemeinsam in das Leben von Prominenten, die eine psychische Erkrankung haben. In Gruppenarbeit werden die Schüler anschließend kreativ: Im KKS gibt Lars einen amüsanten, nichtsdestoweniger leidenschaftlichen Bürgermeister mit Riesenbrille in einer Einwohnerversammlung. Er möchte sein Dorf davon überzeugen, ein Wohnhaus für junge Mütter mit psychischer Erkrankung zu bauen. Anna wirft sich mit Verve in die Rolle der Ablehnenden, Pia streichelt als Schwangere ihren mit einem Schal erzeugten Babybauch. Viviane, Dennis, Lea und Luca stellen einen Erste-Hilfe-Koffer für seelische Krisen vor, in dem Schokolade, Freunde, Musik und Hobbys nicht fehlen dürfen. Alina, Leonie, Lukas und Hannah spielen eine Pressekonferenz nach, in der ein erfolgreicher Fußballtrainer seinen Rücktritt wegen Depressionen erklärt. Paul, Samantha und Samira haben ein Konzept für eine Talkshow zum Thema „psychische Erkrankungen“ entwickelt, das Braun am liebsten gleich einem Sender anbieten will. Es wird viel gelacht und gelobt. Und dann kommt Stöber dran. Die Rückmeldungen seiner Mitschüler sind – nach dem ersten Verarbeiten – uneingeschränkt positiv: Dennis versteht jetzt, warum Stöber schon mal später kommt oder früher geht. Hannah lobt seine klaren und selbstsicheren Gedanken. Für Luca „ist jetzt leichter vorstellbar, dass man aus einem Tief wieder herauskommen kann“. Was Stöbers Mitschüler vom „Klassenpapa“, wie Hannah Stöber nennt, sowie vom ganzen Projekt mitnehmen? Alle können in eine Krise geraten. Aber es gibt auch Wege aus ihr heraus! Vor allem wenn sich junge Leute gegenseitig Ansprechperson sind.

Weiterführende Schulen können das Projekt „Verrückt? Na und!“ für Schüler zwischen 14 und 25 Jahren über die Koordinatorin Caroline Braun buchen (Tel. 02 41/40 76 93, E-Mail: caroline.braun@bistum-aachen.de).