KAWSAY TYAN - ES LEBE DAS LEBEN

Folge 27 des Blogs "WELTEN - SPRÜNGE. Eifel, Amazonas und zurück" von Friederike Peters

Kawsay tyan (c) Friederike Peters
Kawsay tyan
Datum:
Mo. 5. Apr. 2021
Von:
Friederike Peters

Väterchen Gott ist tot! Sie haben ihn umgebracht!
Die Geister sind endlich die einzigen, die in dieser Welt was zu schaffen haben.

So erzählt es die Naporunalegende - nachzulesen in den Texten Nr. 25 und Nr. 26.

Kawsay tyan (c) Friederike Peters
Kawsay tyan

Sie wollen feiern. Väterchen Gott ist tot! Sie bauen einen Tisch, organisieren die Musik und: "Was gibt es zu essen?" - "Da, guck mal, da ist der Reiher, der mit dem weißen Kleid. Den schnappen wir uns!" ruft einer. Der Reiher ist der beste Freund von Väterchen Gott. Am Napofluss begleitete er ihn immer und überall. Die Geister schnappen ihn und schon liegt er in Bananenblätter und Chilischoten gehüllt auf dem Grillfeuer.

Als alles fertig ist, macht der Chef sich an die Verteilung des Essens. Er hebt sein Messer und will es ins Fleisch stoßen. In diesem Augenblick spritzt die rote Chilisoße über den ganzen Tisch, direkt in die Augen der Freunde. Ein einziger Schmerzensschrei aus allen Mündern: "Aaaaayyyyy - es brennt, es brennt, es tut so weeeh!!!"
Sie rennen und laufen wie um ihr Leben - zurück ins Moor - - -

Der Reiher hat seine Flügel ausgeschüttelt. Ja, er kann sich noch bewegen! Alle Asche und Chili fliegen von ihm ab und er auf die Spitze des Ceibobaumes. "Kawsay tyan! Kawsay tyan! Es lebe das Leben!!!" ruft er von oben in die Welt hinaus und hört gar nicht mehr auf - - -

Und Väterchen Gott? Was ist aus ihm geworden?
Väterchen Gott ist weiter nach unten gewandert bis in das Land der Geister und hat gesehen, wie sie dort leben. Soooviel Elend hat er gesehen, Eifersucht und Neid, die alles zerstören. Er ist traurig und seeehr müde. Das ist kein Leben mehr! Er setzt sich hin und kann nicht weiter - - -

Plötzlich hört er ganz leise und von weitem seinen Freund: "Kawsay tyan, kawsay tyan, es lebe das Leben! Es lebe das Leben!" Was ist das? Was ist passiert? Es hört nicht auf. Er rappelt sich hoch, geht der Stimme nach, weiter nach oben, aus dem Grab raus bis er ihn vor sich sieht - seinen Freund den Reiher: "Kawsay tyan! Kawsay tyan! - - -"
Auch die Menschen vom Napofluss haben ihn gehört und kommen, um zu sehen, was geschehen ist. Es kommen immer mehr.

Jetzt feiern sie ein Fest mit Väterchen Gott und dem Reiher, der ihnen alles erzählt, was er gesehen und erlebt hat. Sie haben Maniokbier mitgebracht und ihre Trommeln und sie tanzen, bis die Nacht zu Ende ist - - -

Im nächsten Jahr sagen die Enkelkinder aus der Stadt, die in den Osterferien Sisa besuchen kommen: "Oma erzähl doch nochmal, wie das mit Väterchen Gott passiert ist, wie die Geister im Moor übernachten mussten, wie der Reiher die Chilisoße über den ganzen Tisch verspritzte - - - Oooma, erähl doch nochmal - - -"