Supersache Nächstenliebe

Die Suppentanten Mönchengladbach geben die heiße Suppe immer mit einer Portion Menschenwürde aus

Jeden Samstag stehen die Suppentanten hinter dem Hauptbahnhof in Mönchengladbach – auch bei Regen und Schnee. (c) Garnet Manecke
Datum:
Mi. 23. Dez. 2020
Von:
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 52/53 | Garnet Manecke

Jeden Samstag stehen die Suppentanten hinter dem Hauptbahnhof in Mönchengladbach und verteilen heiße Suppe an Obdachlose. Mit ihrem Engagement erreichen die Frauen viel mehr, als hungrige Mägen zu füllen. Sie wärmen die Herzen der Ärmsten und leben die Botschaft der Nächstenliebe. 

Wenn es sein muss, kann Iris van Montfort-Eickhoff ganz schön resolut werden. Sie klingt ein wenig wie ein Feldwebel, wenn sie den Frauen und Männern klar sagt, dass sie Abstand halten und ihre Masken aufsetzen müssen und dass sie ihre Hände nach dem Desinfizieren nicht mehr in die Taschen stecken dürfen. Die Stimme der Ersten Vorsitzenden der Suppentanten wird dann lauter, denn ihre Botschaft muss oft eine Mauer aus Erschöpfung, die bei einigen mit der Betäubung durch Alkohol und Drogenkonsum verstärkt ist, durchbrechen. Aber im Großen und Ganzen sind die Gäste diszipliniert: Entlang der mit Kreide auf den Pflastersteinen gezeichneten Abstandsmarkierungen stellen sie sich auf, warten geduldig, bis sie an der Reihe sind, strecken ihre Hände zum Desinfizieren aus und treten einzeln an die Essenausgabe. 

Heute ist ein guter Tag: Vom klaren Himmel wärmt die Sonne, im Topf dampft die Suppe und die ersten Portionen sind in Mitnahmebechern abgefüllt. Dazu gibt es für jeden Brot, Teilchen, Pudding und Obst. Weil die Feiertage bevorstehen, haben die Suppentanten noch eine Überraschung vorbereitet: Jeder bekommt einen Weihnachtsbeutel mit Süßigkeiten, Desinfektionsmittel, Körperpflegeprodukten, warmen Socken und Mützen.
Mit zehn Litern Suppe und frisch gebrühtem Kaffee und Kuchen auf zwei Campingtischen hat das Engagement der Suppentanten im Oktober 2014 begonnen. Die Idee war, den Obdachlosen zu helfen, über den Winter zu kommen. Inzwischen wird jeden Freitag in einer privaten Küche zum „Schnippeldienst“ eingeladen. Für 50 bis 60 Liter Suppe kommt einiges zusammen. Vier Köchinnen wechseln sich von Woche zu Woche ab. Am Samstagmorgen wird die Suppe nochmals aufgekocht, bevor sie in den Thermobehälter für die Ausgabe umgefüllt wird.

„Wir wissen alle, dass es uns gut geht“, sagt Kerstin Wegmann vom Vorstand. „Wir haben keine Suchterkrankung und nach einem Tag in Kälte und Regen können wir uns zu Hause in die warme Badewanne legen. Aber wir sehen hier auch, wie schnell Menschen aus der Bahn geworfen werden.“ Auf den ersten Blick gehe es darum, ihnen etwas zu essen zu geben. „Aber es ist nicht nur das. Es geht darum, die Menschen zu sehen“, sagt Kassenwartin Mona Kramer. „Wir begegnen ihnen auf Augenhöhe. Das ist ein gutes Gefühl.“

Obdachlosigkeit ist ein Makel, dem die Gesellschaft oft mit Ignoranz bis hin zur Verachtung begegnet. Dabei kann es jeden treffen. Krankheit, Arbeitslosigkeit, Schulden, Haftentlassung oder psychische Probleme: Die Gründe, warum Menschen auf der Straße leben, sind so vielfältig wie die Menschen selbst. „Im Prinzip kann es jeden treffen“, sagt auch Kerstin Wegmann. Wie ihre Mitstreiterinnen hat sie bereits viele Lebensgeschichten gehört von Menschen, die schon lange auf der Straße leben. 

Manche haben es aufgegeben, auf ein anderes Leben zu hoffen. Manche träumen davon, schaffen es aber noch nicht, ihrem Leben die richtige Wende zu geben. Andere haben es geschafft und wieder eine eigene Wohnung bezogen. Trotzdem drohen sie zu scheitern. „Wir haben einen Gast, der kommt regelmäßig hierhin, weil alle seine Freunde aus der Obdachlosenszene sind“, sagt Wegmann. „Er hatte einen Entzug geschafft und war eine Weile trocken. Dann hatte er einen Rückfall. Inzwischen ist in der Wohnung der Strom abgestellt.“ Für viele ist es mit einer eigenen Wohnung nicht getan: Sie müssen auch ihr soziales Umfeld verändern, und das ist das Schwierigste an ihrer Lage. „So schlimm die Situation auch ist: Die Menschen auf der Straße sind ihre Familie“, weiß Wegmann.


Am Anfang waren alle unsicher – nicht nur die Suppentanten, auch die Obdachlosen

„Dankeschön, Ihr macht eine Supersache“, sagt ein Gast zu Iris van Monforts-Eicken. Auf seinem Arm balanciert er Brot und Mandarinen, an einer Schulter baumelt der Weihnachtsbeutel mit den Keksen. Obwohl er beide Hände voll hat, schafft er es noch, den Daumen zu heben. Dann geht er vorsichtig zu einer der niedrigen Steinmauern, die die Rasenflächen auf dem Platz begrenzen. Dort sitzen schon die anderen Frauen und Männer und löffeln ihre Suppe. Ein Gast fragt nach einer Thermomatte. Mona Kramers Oberkörper verschwindet kurz in dem Transporter, mit dem die Suppentanten gekommen sind. Einige Sekunden später kommt sie wieder hervor und hält eine sonnengelbe Matte aufgerollt unter dem Arm. Bunte Urlaubsmotive zieren die Matte. An den Orten, an denen sie in diesem Winter eingesetzt wird, ist niemand in Urlaubsstimmung.

Die Begegnung mit den wohnungslosen Frauen und Männern war nicht immer so einfach, wie es heute aussieht. „Am Anfang waren wir alle sehr unsicher. Nicht nur wir, auch die Obdachlosen“, erinnert sich Mona Kramer. „Erst als sie gemerkt haben, dass wir auch hier stehen, wenn es regnet und die Kälte unter die Kleidung kriecht, haben sie uns adoptiert.“ Das Engagement der Suppentanten hat sich schnell rumgesprochen. Mit jedem Samstag wurde die Warteschlange vor der Ausgabe länger. Jetzt kommen bis zu 160 Personen. 
„Es passiert auch ganz oft, dass sie sich mit einem kleinen Betrag an den Kosten beteiligen“, erzählt Wegmann. Dann geben die, die sowieso jeden Cent umdrehen müssen, noch fünf bis 50 Cent in die Kasse. „Oder, wenn viele kommen, teilen sie das Brot nochmal, damit der Nächste auch etwas bekommt.“ Manchmal kommt es vor, dass ein lang vermisster Gast vorbeischaut. „Wir haben schon erlebt, dass sie ganz anders aussahen. Sie haben den Ausstieg geschafft und wollten einfach nur Hallo sagen.“ Das Glück dieser Momente sei unbeschreiblich.