Ansprache von Christoph Simonsen zum 5. Sonntag in der Fastenzeit - Lesejahr B

Datum:
So. 21. März 2021
Von:
Ursula Fabry-Roelofsen

Lesung aus dem Buch Jeremia (31,31-34):

Siehe, Tage kommen - Spruch des HERRN - , da schließe ich mit dem Haus Israel und dem Haus Juda einen neuen Bund. Er ist nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vätern geschlossen habe an dem Tag, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus dem Land Ägypten herauszuführen. Diesen meinen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich ihr Gebieter war - Spruch des HERRN. Sondern so wird der Bund sein, den ich nach diesen Tagen mit dem Haus Israel schließe - Spruch des HERRN: Ich habe meine Weisung in ihre Mitte gegeben und werde sie auf ihr Herz schreiben. Ich werde ihnen Gott sein und sie werden mir Volk sein. Keiner wird mehr den andern belehren, man wird nicht zueinander sagen: Erkennt den HERRN!, denn sie alle, vom Kleinsten bis zum Größten, werden mich erkennen - Spruch des HERRN. Denn ich vergebe ihre Schuld, an ihre Sünde denke ich nicht mehr.

 

 

Evangelium nach Johannes (12,20-33)

 

Unter den Pilgern, die beim Fest Gott anbeten wollten, gab es auch einige Griechen. Diese traten an Philippus heran, der aus Betsaida in Galiläa stammte, und baten ihn: Herr, wir möchten Jesus sehen. Philippus ging und sagte es Andreas; Andreas und Philippus gingen und sagten es Jesus. Jesus aber antwortete ihnen: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht wird. Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. Wer sein Leben liebt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben. Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein. Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren. Jetzt ist meine Seele erschüttert. Was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde? Aber deshalb bin ich in diese Stunde gekommen. Vater, verherrliche deinen Namen! Da kam eine Stimme vom Himmel: Ich habe ihn schon verherrlicht und werde ihn wieder verherrlichen. Die Menge, die dabeistand und das hörte, sagte: Es hat gedonnert. Andere sagten: Ein Engel hat zu ihm geredet. Jesus antwortete und sagte: Nicht mir galt diese Stimme, sondern euch. Jetzt wird Gericht gehalten über diese Welt; jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden. Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen. Das sagte er, um anzudeuten, auf welche Weise er sterben werde.

 

Ansprache

„Keiner wird mehr den anderen belehren, man wird nicht zueinander sagen: ‚Erkennt den Herrn‘, sondern sie alle, klein und groß werden mich erkennen…“

 

Groß und klein, dick und dünn, schwarz und weiß, Mann und Frau, schlicht: alle werden Gott erkennen, ohne Belehrung, ohne Autoritäten, einzig, weil Gott sich allen, jeder und jedem einzelnen, zu erkennen gibt. Und ich möchte hinzufügen: Jede und jeder darf in ihren und seinen Lebenserfahrungen Gott auf ganz persönliche Weise nahe kommen. Gott kann nur auf vielerlei Weise erkannt werden; ein Erkenntnisstand Gottes wäre zu klein, um seiner Größe gerecht werden zu können. „Gott ist groß, zu groß, als dass er in ein Bild gedrängt werden könnte“. Gott ist groß: für unsere muslimischen Schwestern und Brüder ist das das erste und größte Gebet. Und auch wenn dieses Bekenntnis missbraucht wird da, wo es von fundamentalistischen Menschen zu einem kriegerischen Kampfruf pervertiert wird, so schenkt dieses Gebet in seiner Wahrheit allen gläubigen Menschen, gleich welcher Religion, Orientierung. Gott ist groß, größer, als wir ihn zu denken vermögen.

 

Gott ist groß, und Gott ist Liebe: Können wir mehr von Gott sagen? Diese Ureigenschaften Gottes, seine Größe und seine Liebesfähigkeit, machen Menschen neugierig, diesen Gott näher kennenzulernen. „Wir möchten Jesus sehen“, so ist der Wunsch der Menschen, von denen wir heute im Evangelium hören. Fremde, Griechen, fragen die Freunde Jesus nach ihm. Darin zeigt sich unser Auftrag und unsere Verantwortung als Kirche: Ansprechbar zu sein für die, die Gott sehen und kennenlernen möchten, mögen sie uns in ihren Lebenssituationen noch so fremd erscheinen. 

 

Mit der Botschaft, dass Gott Liebe ist und dass Gott jeden Menschen liebt, wird auch das Responsum eröffnet, also die Antwort auf die Frage, die der Glaubensbehörde des Vatikans gestellt wurde, nämlich: „Hat die Kirche die Vollmacht, Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts zu segnen?“ Mit der Einleitung dieses Schreibens wäre die Frage eigentlich umfassend beantwortet. Wenn doch Gott jeden Menschen liebt, wie kann er das besser zeigen als mit seinem Segen, mit seinem Zuspruch, seinem Versprechen, zu behüten, zu begleiten, zu beschützen?

Aber Mutter Kirche weiß es natürlich dann doch wieder besser als der Vater, und führt dann weiter aus: "Mit dem Wesen der von der Kirche erteilten Segnung" ist nur vereinbar, was an sich darauf hingeordnet ist, den Plänen Gottes für seine Schöpfung zu dienen.“ Allein diese Eingrenzung gegenüber dem allgemeinen Liebesversprechen Gottes ist theologisch so fragwürdig, dass einem Angst und Bange werden muss. 

 

Die Kirche erteilt keinen Segen, Gott ist der Geber alles Guten, er allein schenkt Segen; ich oder irgendein anderer ist nicht mehr als der Mittler des Segens und mir ist es immer von Neuem eine Ehre, den Segen Gottes zusprechen zu dürfen: „Es segne dich, euch, uns, Gott der Vater und der Sohn und der Heilige Geist“. Was gibt es Schöneres, als anderen zuzusprechen, Freundin, Freund Gottes zu sein. Zuzusprechen, dass Gott mit seinem Segen Wegbegleiter ist. 

 

Gott segnet uns. Es ist sein Geschenk an uns; sein guter Zuspruch, uns behüten zu wollen. Er geht mit uns durchs Leben, nicht die Kirche. Wer wäre ich, beurteilen und bestimmen zu wollen, wem Gott den Segen gewährt und wem nicht. Die Prämisse ist schon eine Hybris und Anmaßung: Die Kirche ist nicht Besitzerin des Segens, sie ist nur Mittlerin des Segens. Der Segen Gottes ist schon gar nicht eine Disziplinarmaßnahme, mit dem man Menschen belohnt oder bestraft. Segen ist für jene, die ihn glaubhaft erbeten, ein lebensnotwendiger Lebensbegleiter. Und die vermeintliche Hüterin des Segens – die Kirche – muss sehr aufpassen, dass sie nicht genau dafür die Verantwortung zu tragen hat, was sie mit allen Mitteln verhüten möchte: eine Spaltung der Menschen und eine Spaltung der Kirche. Mit diesem Schreiben spaltet die Kirche, und sie hat es schon längst getan, wenn man beobachtet, wie sehr sich Widerstand aufbaut gegenüber diesem lieblosen und menschenverachtenden Schreiben.

 

Als Mittlerin zwischen Gott und den Menschen käme der Kirche eine wunderbare Aufgabe und Verantwortung zu. Als verfasste Institution käme ihr zu, die Einheit in der Vielfalt menschlicher Lebensgeschichten institutionell zu ermöglichen; das Verbindende in der Verschiedenheit zu suchen und dafür einen menschlichen Rahmen zu schaffen. Wie heißt es in einer Publikation der Jesuiten in der vergangenen Woche? „Vielfalt ist göttlich“. Mit der Wertschätzung einer solchen Vielfalt könnte aus der verfassten menschlichen Institution eine communio, eine Glaubensgemeinschaft erwachsen, die diese Einheit zu feiern vermag, wohl wissend, dass sie immer neu gesucht und gefunden werden muss: diese Einheit. 

Stattdessen igelt sie sich ein, erhebt sich autoritär über die Lebensgeschichten von Menschen und nimmt Gott die Möglichkeit, sein gutes Wort über die Liebe von Menschen auszusprechen. Sie sagt, sie hätte nicht die Vollmacht, den Segen zwei liebenden Menschen zu geben, die dem gleichen Geschlecht angehören. Aber sie nimmt sich die Vollmacht, ihnen den Segen zu verweigern. Wieder einmal offeriert sich die Kirche als ein Machtapparat, der über das Schicksal von Menschen bestimmt. Wieder einmal hat die verfasste Kirche mehr sich selbst im Blick als das Wohl der Menschen. Sie bestimmt, was den Plänen Gottes für seine Schöpfung dienlich ist, und was nicht. Arroganter geht es eigentlich nicht. 

 

Gott ist groß, und Gott ist Liebe. Woraus bitte kann irgendjemand daraus den Schluss ziehen, dass Gott bestimmte Menschen nicht des Segens für würdig erachtet? Woraus erschließt sich daraus die Berechtigung, Menschen an den Kopf zu knallen, sie würden den Plänen Gottes nicht entsprechen. Immer wieder wird die sogenannte Naturrechtslehre herangezogen. Was in der Natur gesetzt ist, wird als unabänderliches Prinzip gesetzt, woraus sich dann ableitet, was unnatürlich ist. Eine menschliche Verbindung, die auf natürliche Weise keine Nachkommenschaft zu zeugen vermag, sei unnatürlich, woraus die Glaubenskongregation dann schließt, dass eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft nicht den Plänen Gottes entspricht. 

 

Der Mensch ist Teil der Natur, ja; und es ist ein Geschenk, dass er schöpferisch dazu beitragen kann, dass diese Natur sich immer weiter entwickelt. Auch, aber doch nicht ausschließlich dank der biologischen Weitergabe von Leben. Leben entwickelt sich doch nicht nur biologisch. Es gibt so unendlich viele und schöne Möglichkeiten, schöpferisch nachhaltig tätig zu sein, den Menschen, der Welt Neues, Schönes, Wunderbares zu schenken. Schon das Zweite Vatikanische Konzil hat mit dem Unsinn aufgeräumt zu behaupten, eine liebende Beziehung hätte nur in der Fortpflanzung Sinn und Ziel. Liebe an sich trägt das Potential in sich, Mensch und Welt reicher zu machen. 

 

„Ich lege mein Gesetz in sie hinein und schreibe es auf ihr Herz“, so lässt Jeremia Gottes Stimme ertönen. Gottes Gesetz überschreitet doch zweifelsohne die Enge der Natur und sein Gesetz legt sich, wie wir hörten, ins Herz, nicht in die sekundären menschlichen Organe. Aus diesem Gedanken können wir doch ansatzweise ablesen, was der göttlichen Schöpfung dienlich ist: Gesetze, die das Herz berühren und nicht die Kopfgeburten, die, um das eine zu bewahren, das andere ausschließen und abschneiden. Anstatt voyeuristisch in die Schlafzimmer der Menschen zu starren, die Herzen der Menschen zu berühren, das wäre doch die vornehmste Aufgabe der Kirche und natürlich auch unsere.

 

Wenn zwischen Menschen, liebenden Menschen, einander vertrauenden Menschen, Menschen, die die Kraft haben, ihre Sünden voreinander nicht zu verbergen und zur Vergebung bereit sind: Wenn zwischen Menschen die Bitte im Raum steht, vergleichbar der Bitte des heutigen Evangeliums „Wir möchten Jesus sehen“: Wir wollen uns dem Segen Gottes anvertrauen, wer wäre ich, ich würde dieser Bitte nicht nachkommen.