Ansprache von Christoph Simonsen zum 28. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C

Datum:
So. 9. Okt. 2022
Von:
Ursula Fabry-Roelofsen

Evangelium nach Lukas (Luk 17.11-19)

Und es geschah auf dem Weg nach Jerusalem: Jesus zog durch das Grenzgebiet von Samarien und Galiläa. Als er in ein Dorf hineingehen wollte, kamen ihm zehn Aussätzige entgegen. Sie blieben in der Ferne stehen und riefen: Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns! Als er sie sah, sagte er zu ihnen: Geht, zeigt euch den Priestern! Und es geschah, während sie hingingen, wurden sie rein. Einer von ihnen aber kehrte um, als er sah, dass er geheilt war; und er lobte Gott mit lauter Stimme. Er warf sich vor den Füßen Jesu auf das Angesicht und dankte ihm. Dieser Mann war ein Samariter. Da sagte Jesus: Sind nicht zehn rein geworden? Wo sind die neun? Ist denn keiner umgekehrt, um Gott zu ehren, außer diesem Fremden? Und er sagte zu ihm: Steh auf und geh! Dein Glaube hat dich gerettet.

 

Ansprache:

Das ist zweifelsohne der Kernsatz des heutigen Evangeliums: „Dein Glaube hat dir geholfen“. Ich versuche einmal den Umkehrschluss dieser Aussage: ‚Ein Glaube, der mir nicht hilft, taugt nicht‘. Und nicht irgendein Glaube, der mir anerzogen oder angelernt, womöglich sogar aufgedrängt wurde, sondern mein Glaube ist ausschlaggebend dafür, dass er heilsam und wirkkräftig sein kann. 

 

Jesus traut dem Glauben des Fremden. Jesus sagt nicht „mein Glaube wird dir helfen, der Glaube an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Glaube der Väter an den Schöpfergott Jahwe; all das sagt er nicht. Er sagt: „Dein Glaube hat dir geholfen“. Jesus vertraut dem Glauben des Fremden aus Samaria. Was mir an dieser Stelle nicht unwesentlich erscheint: Über den Glauben des Ausgestoßenen wird gar nichts gesagt. Sein Glaube bleibt uns verborgen. 

 

Allein, dass er glaubt ist Jesus wichtig, und dass sein Glaube Dankbarkeit und Vertrauen nach sich zieht. Glaube, Vertrauen, Dankbarkeit: Wer sein/ ihr Leben in diesem Dreiklang versucht zu gestalten, wird im Leben Heiles erfahren.

 

Jesus traut also dem Glauben des Fremden zu, dass sein Glaube die Kraft in sich birgt, Aussatz zu heilen. Diese Erkrankung war mit Ausgrenzung verbunden und Einsamkeit. Nicht die Krankheit war schicksalhaft, sondern die Folgen dieser Erkrankung: Ausgrenzung und Einsamkeit eben. Ausgrenzung und Verlassenheit zu überwinden ist Voraussetzung dafür, in sich heiles Leben erfahren zu können. Die Kraft eines persönlichen Glaubens vermag also genau das zu erwirken, dass ein Mensch sich nicht ausgeschlossen fühlen muss und in Einsamkeit versinkt. 

 

Deshalb sollte diese Ermutigung Jesu, dem Glauben des anderen zu vertrauen, für uns heute eine Mahnung sein. Erleben wir doch in unseren Tagen heute, wie der eine der anderen den wahren, richtigen Glauben abspricht. Wir schließen aus, anstatt einzuladen.

 

Aber könnt ihr mir sagen, wann ein Glaube richtig, und wann er falsch ist? Am vergangenen Mittwoch wurde bekannt gegeben, dass der Quantenphysiker Anton Zeitlinger in diesem Jahr den Nobelpreis erhält. In einem Interview hab ich gelesen, dass er als Naturwissenschaftler sich selbst als einen gläubigen Menschen versteht. So schrieb er im Jahr 2013: „Ich glaube sehr wohl, dass es einen persönlichen Gott gibt, und dass der auch in unsere Welt eingreifen kann und eingreift. Und ich frag mich schon seit vielen Jahren: Wo kann er eingreifen, ohne dass wir die billige Ausflucht ergreifen müssen, von Wundern zu sprechen?“. Und dann stellt er die These auf, dass das, was wir Menschen als Zufall, er als ein Wirken Gottes in der Welt versteht. Die einen nennen es Wunder, die anderen nennen es Zufall. Ist nun sein Glaube richtiger oder falscher als der eines/einer anderen, der/die jedes Jahr nach Lourdes fährt und auf ein Wunder hofft? 

 

Noch einmal: Ein Glaube, der Vertrauen und Dankbarkeit zu Wesensmerkmalen seines Lebens macht, kann nicht falsch sein, zumindest, wenn wir den Worten Jesu glauben schenken.

 

„Dein Glaube hat dir geholfen“. Ist es nicht unsere Aufgabe, Menschen zuzusprechen: „Glaube an das, was dich Vertrauen lässt darauf, dass du eine Zukunft hast; Glaube an das, was dich zu einem dankbaren Menschen werden lässt.

 

Ein Glaube ist heilsam, hilfreich, wenn er mir zu einem erfüllten Leben verhilft. Diesen Glauben einem anderen abzusprechen oder ausreden zu wollen, wäre ganz gewiss nicht im Sinne Jesu. Aber wie oft geschieht das, dass Menschen einander ihren Glauben aufdrängen und den Glauben des anderen in Frage stellen? Man achtet nicht darauf, ob der Gesprächspartner/ die Gesprächspartnerin in sich ruht, ob er/ sie gelassen ist und sich als vertrauenswürdig und dankbar erweist; vielmehr beschränkt man sich in der Begegnung darauf, dass man einander Lehrinhalte und Moralgesetze austauscht und dann in kleingläubige Kategorien von wahr und falsch abrutscht. 

 

Ja, es ist wichtig, dass wir über unseren Glauben ins Gespräch kommen. Denn natürlich kann es vorkommen, dass wir den Glauben des anderen nicht verstehen, vielleicht sogar in Frage stellen. Nur im Dialog, im Austausch über die je verschiedenen Glaubenserfahrungen gelangen wir zu einem lernenden Glauben. Denn Glaube ist ja nichts Habtisches, etwas Starres, Unveränderbares; Glauben entwickelt sich, muss sich auch verändern, denn wir Menschen sind ja immer Lernende und aus der Erfahrung heraus lebende. So darf es nicht darum gehen, den Glauben des anderen zu verurteilen; vielmehr kann es nur darum gehen, den Glauben im Dialog zu vertiefen. Dabei kann das Leitmotiv immer nur die Frage sein: „Was tut dir gut? Was macht dein Leben heiler?“. 

 

So ist ausgeschlossen, dass sich ein Mensch ausgeschlossen fühlen muss von einer Gemeinschaft, die vorgibt, was geglaubt werden darf und was nicht. Sicher ist das Lied bekannt: „Wahrer Gott wir glauben dir“. Dieses Lied klärt es deutlich: Gott ist wahr; unser Glaube aber muss immer ein suchender Glaube nach diesem wahren Gott sein. Und wer sucht, der kommt nicht herum, zu wagen.