Zeitenwende: Leiden, Sterben und Auferstehung

Wie das Bistum Essen Mut für die Zukunft macht

Hans-Joachim Hofer (Vorsitzender des Katholikenrates), Generalvikar Klaus Pfeffer (Bistum Essen), Pastoralreferentin Elisabeth Vratz und Regionalvikar Thorsten Obst (v. l.). (c) Ann-Katrin Roscheck
Di 14. Jan 2020
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 03/2020| Ann-Katrin Roscheck

„Wir müssen uns bewegen. Das hier ist unsere letzte Chance.“ Es sind klare Worte,  die Thorsten Obst als Regionalvikar beim Neujahrsempfang der Region Krefeldin der Pax-Christi-Gemeinde findet. Wirken heute noch 290 Priester im Bistum Aachen, wird es in fünf Jahren nur noch 90 aktive geben. „Die Gesellschaft verändert sich schon lange, aber noch immer laufen wir als Kirche hinterher“, sagt der Regionalvikar. „Klerikalismus verhindert Neues. Für mich hat das nichts mit Glauben zu tun, sondern spiegelt den Narzissmus einzelner wider. Aus dieser Schleife müssen wir ausbrechen.“

Als Mutmacher war Generalvikar Klaus Pfeffer aus dem Bistum Essen beim Neujahrsempfang der Region Krefeld eingeladen. (c) Bistum Essen

Erst im September war Thorsten Obst offiziell an die Stelle des plötzlich verstorbenen Heiner Schmitz als Regionalvikar getreten und begleitet seitdem nun federführend den „Heute bei dir“-Prozess in der Region. Mit der Einladung des Generalvikars des Bistums Essen Klaus Pfeffer wirkt aber noch der Geist des verstorbenen Domkapitulars, denn Schmitz hatte sich gewünscht, dass Pfeffer als Referent auf dem Neujahrsempfang mit seiner eigenen Geschichte den Katholiken in der Region Mut macht.

„Auch im Ruhrpott gibt es kein Geheimrezept dafür, die Austritte aus der Kirche zu verhindern“, erklärt Pfeffer energisch. „Aber unsere Probleme sind augenscheinlich schon etwas länger öffentlich. Wir haben bereits Entwicklungsarbeit geleistet.“ Erst 1957 entsteht das Bistum Essen, damit in einem wachsenden Ballungsraum Kirche präsenter sein kann. Dafür treten das Erzbistum Köln und das Bistum Münster jeweils zehn Dekanate und das Erzbistum Paderborn neun Dekanate an das Ruhrbistum ab. Mit dem Bischofssitz in der Kathedralkirche in Essen findet die kleinste Diözese Deutschlands ihren Mittelpunkt. „Fast spielerisch baute das Bistum immer wieder neue Gebäude, um zu zeigen, dass Kirche da ist, aber beobachtete dabei nicht, dass das Modell Kirche, so wie wir es kennen, auf dem absteigenden Ast war“, erinnert sich Pfeffer. „Und so standen wir zum Jahrtausendwechsel kurz vor der Pleite.“

Pfeffer schildert in seinem Vortrag Bilder, die der genaue Beobachter auch aus unseren regionalen Gemeinden kennt: Galt früher die christliche Erziehung im Elternhaus und der sonntägliche Kirchgang als selbstverständlich, wird heute, so beobachtet er, doch eher befremdlich hingeschaut, wenn jemand aus dem Freundeskreis sagt: „Ich bin katholisch.“ Auch die „großen“ Glaubensfragen bewegen nicht mehr. Viel häufiger fragen die Gemeindemitglieder danach, warum es wichtig sei, zu glauben. Sie fragen danach, wie der Glaube zur Orientierung beiträgt, und auch, was es für das eigene Leben bedeutet, zu glauben.  Aus diesen neuen Fragen entwickelt sich im Bistum Essen im Jahr 2010 ein beispielloser Dialogprozess unter dem Slogan „Zukunft auf katholisch“, der ähnlich wie der „Heute bei dir“-Prozess versucht, Kirche wieder zukunftsfähig werden zu lassen. In sechs Bistumsforen beteiligen sich rund 300 Teilnehmer aus dem Bistum Essen, um über die Struktur der Kirche, über Glaubensinhalte, die  Caritas, die Gottesdienstgestaltung und andere Themen zu diskutieren.

Daraus entsteht ein Zukunftsbild für Kirche, das sieben zentrale Begriffe aufnimmt: Kirche soll berühren, sie soll wach, vielfältig,  gesendet und lernend sein und vor allem soll sie sich wirksam und nah anfühlen. „Ich nenne diesen Prozess ,Die Zeitenwende‘“, erklärt Pfeffer. „Denn es kann nicht so werden, wie es war, sondern wir müssen uns von einem alten Bild verabschieden und ein neues erschaffen. Nicht umsonst glaubt die Kirche an Leiden, Sterben und die Auferstehung.“ Das Bistum Essen hat neue kirchliche Modelle entwickelt, die im „Heute bei dir“-Prozess zum vorsichtigen Vorbild werden könnten. Teil davon ist zum Beispiel ein diözesanes Trauteam, das junge Paare bei der Planung der kirchlichen Hochzeit begleitet. Es hilft bei der Suche nach einer Kirche, beim Finden eines Pfarrers oder Diakons sowie bei der Gestaltung der Trauung. „Der Anspruch von jungen Paaren an eine kirchliche Trauung hat sich verändert“, erklärt Pfeffer. „Sie suchen nach einer besonderen Kirche, möchten vielleicht im Gottesdienst ,Atemlos durch die Nacht‘ von Helene Fischer abspielen und die Abläufe des Gottesdienstes mitbestimmen. Dafür sollten wir offen sein, und das stellt unser pfarrübergreifendes Team dar.“ Dafür nutzt das Bistum auch eine neue Form von Werbung: Denn das Trauteam ist Aussteller auf Hochzeitsmessen, um mit den jungen Paaren in Kontakt zu kommen. 

 

Christliche Kirche lebt weiter – nur anders 

„Auch unsere ökumenischen Segnungsfeiern für Neugeborene sind sehr erfolgreich“, schildert der Generalvikar. Seit 2017 bietet das Bistum Essen an, Neugeborene in einem ökumenischen Gottesdienst zu segnen und damit das neue Leben auf der Welt zu feiern. „Die Geburt eines Kindes ist so ein einschneidendes Erlebnis, und das Signal der göttlichen Zuwendung dann zu erfahren, gibt Stärke und Kraft“, erklärt Pfeffer. „Unsere Gottesdienste sind häufig bis auf den letzten Platz gefüllt.“

Noch einige weitere Beispiele für eine freiere katholische Kirche findet Generalvikar Klaus Pfeffer in seinem Vortrag, und als er auf dem Neujahrsempfang der Region Krefeld mit den Worten „Die christliche Kirche wird weiterleben, nur eben ganz anders“ seine Schilderungen abschließt, ist es für einen Moment still in der Pax-Christi-Kirche. Dann aber bricht lauter Applaus aus, der Zustimmung, Respekt und auch Hoffnung verlauten lässt – denn hatte das Regionalteam unter dem Motto „Von Abbrüchen und Aufbrüchen in einer krisengeschüttelten Kirche“ eingeladen, so macht der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer Mut, in einer Zeitwende auch in der Region Krefeld in jeder einzelnen Gemeinde die Weichen neu zu stellen.