Ein Zuhause in der Fremde

Wie Krefelder für Ibrahim Familie wurden

Seit inzwischen acht Jahren hat Ibrahim seine Familie nicht gesehen. (c) privat
Di 17. Dez 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 51-52/2019 | Ann-Katrin Roscheck

„Das, was Ibrahim als Junge erlebt hat, hat sein ganzes Fundament zum Wackeln gebracht. Es ist existenziell“, beschreibt Gilla Varchmin. „Selbst mit 50 Jahren mehr auf der Lebensuhr frage ich mich, wo er die Kraft hernimmt, das zu überstehen. In den christlichen Werten ist verankert, dass wir jetzt alles dafür tun sollten, um ihm Heilung zu ermöglichen.“

Ibrahim ist 13 Jahre alt, ein Kind, als er den Entschluss fasst, aus seiner Heimat zu fliehen. Wer seine Familie, sein Zuhause, seine Kultur und seine Sprache hinter sich lässt, der tut das nicht ohne Grund: Ibrahim ist erfasst von einem der größten Gefühle des Menschen, er hat Angst, und die durchfährt seinen Körper in jeder einzelnen Faser. Denn als Schulkind bleibt ihm nicht mehr lange, bis das Militär ihn einzieht.

Wie eine streunende Katze wird er irgendwann in ein Auto gezerrt und von seiner Familie weggebracht werden – Kontakt verboten. Aber das Militär bedroht nicht nur den Jungen aus Eritrea, es hat auch seinen Vater auf grausame Weise ermordet. Ein Erlebnis, das ihn so sehr einnimmt, dass er zwei Jahre später, mit 15 Jahren, allein ins Ungewisse aufbricht. „Für uns ist es undenkbar, was Ibrahim auf seiner Flucht aus Ostafrika erlebt haben muss“, schildert Angela Yvette Richter aus Krefeld. „Noch heute spricht er wenig darüber, aber wir wissen, dass er mindestens in zwei Ländern im Gefängnis saß. Misshandlungen waren hier an der Tagesordnung.“ 

 

Er war knapp zu alt, um ein „unbegleiteter minderjähriger Flüchtling“ zu sein

Nach mehreren langen Jahren gelangt der Afrikaner über Italien nach Deutschland. Die Zeit lässt ihn reifen, sie macht ihn aber nicht erwachsen. Mit 18 Jahren kommt er in Krefeld an, fällt aufgrund seines Geburtsjahres nur knapp über die Grenze, die ihm andernfalls als „unbegleiteter minderjähriger Flüchtling“ besondere Hilfe zugesagt hätte. Ibrahim ist zurückhaltend und schüchtern, nur schwer lernt er die deutsche Sprache, schaut sich Situationen lieber vorsichtig an, statt die Initiative zu ergreifen.

Eines Tages wird eine Ehrenamtlerin auf ihn aufmerksam, sie sorgt sich um den jungen Mann, hat Angst, dass er in der Flüchtlingswelle untergeht. „Das war der Moment, als das Telefon bei mir ging“, erinnert sich Richter. Schon mit dem ersten Flüchtlingsstrom möchte sie sich engagieren und den Menschen, die heimatlos hier ankommen, helfen, ein Zuhause zu finden. Über die Stadt versucht sie, Einsatzstellen zu finden, aber die Strukturen sind langsam, niemand kann sie vermitteln. In der örtlichen Kirchengemeinde wird sie fündig. Und gemeinsam mit Nachbarin und Freundin Gilla Varchmin und ihrem Mann Erwin trifft sie in St. Karl Borromäus im Stadtteil Oppum zum ersten Mal auf den Ostafrikaner.

„Ibrahim war dünn und wirkte ausgemergelt, er sah aus wie ein Kind und erinnerte mich an meinen Sohn“, erinnert sich Varchmin. „Er sprach kaum Deutsch. Erst einmal war es unsere Aufgabe, ihm die Sprache beizubringen.“ Jeweils einmal in der Woche treffen sich die Frauen mit dem jungen Geflüchteten, und schnell entwickelt sich viel mehr als eine reine Sprachnachhilfe. Gilla und Erwin Varchmin übernehmen die Amtsgänge mit dem jungen Mann, helfen ihm bei der Suche nach Praktikastellen und finden sogar einen Ausbildungsplatz für ihn.

Durch das Engagement der 78-jährigen Maria Schroers bekommt Ibrahim mit einer Wohnung einen Platz zum Ankommen. Mit dem wachsenden Sprachschatz entwickelt sich auch die Beziehung untereinander: Immer mehr erzählt der junge Mann von seinen Sorgen und Ängsten, gibt mehr von seiner Geschichte preis und bespricht Alltagssituationen mit Varchmins und Angela Yvette Richter. „Nicht nur die Sehnsucht nach der eigenen Familie ist Thema, sondern auch das Ankommen in einem fremden Land und einer neuen Kultur“, erklärt Richter. „Ibrahim ist herzensgut, er verteidigt jeden Deutschen, aber Fremdenfeindlichkeit erleben wir oft.“ 

 

Fremdenfeindlichkeit wird oft erlebt 

Diese beginne schon bei der Beantragung von Arbeitsgenehmigungen, beschreibt es Varchmin aus ihren Erfahrungen. Übermäßige Wartezeiten, ruppige Umgangstöne, fragwürdige Antragsprüfungen und rassistische Bemerkungen seien keineswegs selten. „Wenn ein junger Mensch, der so viel Schlechtes in seinem Leben erfahren hat und die Kultur und Sprache hier nicht richtig kennt, so etwas allein durchmachen muss, kann er nur hilflos sein“, schildert die Krefelderin. „Ich bin froh, dass mein Mann Ibrahim immer begleitet und ihn dann auch verteidigen kann, wenn ihm Unrecht getan wird.“ Sowohl Angela Yvette Richter als auch Gilla und Erwin Varchmin schließen den jungen Eritreer mit seinem vorsichtigen und höflichen Wesen schnell ins Herz.

Als Muslim verbringt er sein erstes Weihnachtsfest bei den Varchmins, isst zum ersten Mal Raclette, natürlich mit Lamm- und Rindfleisch, und blüht im Kontakt mit dem 25-jährigen Sohn Lukas auf. Auch in Richters Familie findet er einen Platz, tobt mit ihren Kindern und der Verwandtschaft beim gemeinsamen Ausflug in einem großen Spaßbad und fühlt sich so wohl, dass er aus sich herauskommt und die ganze Meute zur Wasserrutsche treibt. „Das war ein schönes Erlebnis zu sehen, wie er auf einmal eine andere Rolle annimmt“, erinnert sich Richter. „Daran habe ich gemerkt, dass er sich angenommen fühlt.“

Aber auch die Krefelder tauchen in Ibrahims Kultur ein: Gemeinsam besuchen sie ein eritreisches Restaurant, essen mit den Händen aus großen Bastkörben und genießen das typische Kaffeeritual.  „Ibrahim wurde auf einmal still und erzählte uns, dass seine Mutter den Kaffee ganz genauso serviert“, erzählt Varchmin. „Das trifft auch uns dann mitten ins Herz.“ Auch wenn die Krefelder viel Zeit miteinander verbringen und gemeinsam lachen, spielt die Begleitmusik doch auch immer wieder eine andere Melodie: Ibrahim vermisst, er ist traumatisiert und er erlebt neben Gastfreundschaft im Alltag Fremdenfeindlichkeit. „Ich bin unsicher, ob er sich nach den ersten vier Jahren in Krefeld schon wirklich zu Hause fühlt“, erklärt Richter. „Wir können ihm den Schmerz nicht nehmen, aber wir können ihm helfen, damit umzugehen.“