Das Evangelium als Befreiung

In St. Hildegundis von Meer wird beim Pfarrfest in Osterath ein Bibel-Escape-Room die Attraktion sein

Hinter verschlossener Türe wurden die Rätsel für den Bibel-Escape-Room gemeinsam ersonnen.
Di 13. Aug 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 33/2019 | Dorothée Schenk

Das Geheimnis unseres Glaubens“, sagen die Priester in der heiligen Messe. Damit verbunden ist das wohl größte Mysterium für die meisten Christen: die Wandlung bei der Eucharistie. Allein der Glaube befreit hier den Geist – anders als im „Bibel-Escape-Room“ in Meerbusch-Osterath.

2004 erfand der Japaner Toshimitsu Takagi das Spielprinzip des „Escape-Rooms“ für den Computer.  Die Situation ist folgende: Man befindet sich in einem geschlossenen Raum, eine Rahmenhandlung ist vorgegeben und wird durch einen Text erklärt. Es geht darum, durch die Lösung eines Rätsels den Schlüssel zu finden, der die Türe zum nächsten Raum öffnet. Gefordert sind Geduld, Ausdauer, Geschicklichkeit und logisches Denken. Seit 2007 ist das virtuelle Prinzip in reale „Escape-Rooms“ übertragen worden. Es gibt sie als Gruselkabinette, als Krimis und für Fans von Fantasy-Lektüre – und jetzt auch für die Bibel. Das erfordert einiges Wissen um die Heilige Schrift, damit die Hinweise auch verstanden werden und zur richtigen Erkenntnis führen. Da wird ganz praktisch das Evangelium zur Befreiung.

Die Lösung – die Lesung

Lachend erzählt Gemeindereferentin Birgit Hellmanns, dass sie selbst nie von einem „Escape-Room“ gehört habe, ehe Julia Jung von der gemeindeeigenen mobi- len offenen Jugendeinrichtung Karibu ihr davon erzählte. „Ich habe das erst einmal gegoogelt!“ Gesprochen haben sie darüber bei der Frage, wie man aus einem traditionellen Pfarrfest der Pfarrei Hildegundis von Meer mit Waffelstand und Geschicklichkeitsspielen ein wirkliches Ereignis werden lassen kann und dabei auch noch die Fäden zum Glauben spannt. Die Lösung war, der Lesung zu folgen: nämlich das Fest an den Sonntagslesungen auszurichten. Das klingt selbstredend einfacher, als es in der Umsetzung ist. Im vergangenen Jahr ging es um das Bekenntnis. Sportfreunde erinnern sich: Deutschland schied in der Vorrunde der Fußball-WM aus. Die Gemeinde sollte „Flagge“ zeigen. So entstand eine von vielen unterzeichnete meterlange Fahne, die vom Kirchturm hing – als sichtbares Glaubensbekenntnis. Diesmal wird es weniger malerisch als abenteuerlich.

„Mir stond tesamme“

Inzwischen weiß Gemeindereferentin Hellmanns, wie es ist, sich bei tickender Uhr Rätseln zu stellen. Im Selbstversuch war sie im Vorlauf zum Pfarrfest mit ihrer Tochter in einem Escape-Room und hat die Erfahrung mitgebracht: „Das stößt echt Adrenalin aus!“ Spricht es und zieht dabei bedeutungsschwer die Augenbrauen in die Höhe. Das Besondere, der Reiz, ist für Birgit Hellmanns auch das Spiel im Team: Manche Problemlösungen sind eben nur gemeinschaftlich zu finden. Das passt prächtig zum Prinzip von Gemeinde und Glauben. Schließlich heißt das Leitmotiv zum Fest „Mir stond tesamme“.

Wie es die Vorsehung will, steht am 14. September, dem Pfarrfestsamstag,

Lk 15,1–32 auf dem Leseplan, das Gleichnis vom verlorenen Sohn. So waren das Motto gleich gefunden – „Suchen und finden“ – und die Fantasie beflügelt. Aber von der Abenteuer-Idee bis zur Gestaltung ist es ein langer Weg – dachte Birgit Hellmanns. Sie ist immer noch ganz fassungslos, dass Melanie Frentzel vom Karibu-Team in nur fünf Tagen die Inhalte „stehen“ hatte. Nachdem das Grundgerüst bekannt war, kamen Lea Reinders, Katharina Rütten, Sven Gedamke und Emily Gauda aus dem Messdiener-Leiterteam dazu, die die individuelle und detailfreudige „Raumgestaltung“ übernommen haben. Sie werden beim Pfarrfest auch die Betreuung vor Ort übernehmen. Denn natürlich gibt es einen Notausgang, falls ein Teilnehmer tatsächlich Angst oder Panik bekommen sollte. Die Zelte stellt die

St.-Sebastianus-Bruderschaft zur Verfügung, mit der das Pfarr- und Dorffest gemeinsam ausgerichtet wird.

Die magische Zahl heißt sechs: In sechs Tagen schuf Gott die Welt. So werden in Osterath sechs „Tagwerke“ in Form von Zelten zu durchschreiten sein, und sechs Welten gibt es zu entdecken, denn wie es heißt: Er „zog in ein fernes Land; dort […] verschleuderte (er) sein Vermögen.“ Birgit Hellmanns will natürlich nicht zu viel verraten und hält dabei orientalisch verzierte Windlichter in der Hand. Wofür sie stehen? Jedenfalls wird es außerdem „heiß“ und „nass“ in den „Welten“, es wird ein- und wieder aufgetaucht. Wer aber wieder heim zum „Vater“ kommen will, der muss eben auch sechs Lösungen finden.

Es gibt keine abgestuften Schwierigkeitsgrade. Ausgerichtet ist das Spiel auf Grundschulkinder, aber „ich geh mal davon aus, dass, wenn die Kinder rauskommen und begeistert sind, auch Erwachsene es ausprobieren wollen.“ Sie lacht, klopft sich vor Freude auf die Schenkel und meint: „Sie werden sich die Zähne ausbeißen.“ Wer glaubt, bibelfest zu sein, der scheitert dann aber vielleicht an der Bewältigung des Richtungsschlosses. Kleiner Tipp: Vorher „Indiana Jones“ Teil 3 anschauen und genau hinschauen, wie er das Arktos-Feld bewältigt.   

Gemeindereferentin Birgit Hellmanns strahlt bei dem gelungenen Coup. Und dann soll es rund um die südlichste Filialkirche der Pfarrei Hildegundis von Meer, St. Nikolaus in Osterath, zugehen, wie es Hermann Hesse in seinem Gedicht „Stufen“ beschreibt: „Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen …“ Willkommen sind auch Nicht-Gemeindemitglieder. Der Zielort fürs Navigationsgerät: Kirchplatz 2 in 40670 Meerbusch.

 

Bibel-Escape-Room

Di 13. Aug 2019
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