Tatsächlich Friede

Wie können wir gut miteinander leben? Wege zum alltäglichen Frieden

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Di 17. Dez 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 51-52/2019 | Andrea Thomas, Garnet Manecke, Kathrin Albrecht und Thomas Hohenschue

Wenn eines die verbindende Überschrift über dem Jahr 2019 sein könnte, ist es ein Wort: Polarisierung. Staaten zerstreiten sich, Gesellschaften, Gemeinschaften. Oft erscheinen die Gegensätze und Gräben unüberwindbar. Auch in der Kirche überwiegen in der öffentlichen Wahrnehmung die Spannungen, Konflikte, Krisen. Dabei wünschen wir Menschen uns nichts mehr als Frieden auf dieser Welt. 

„Es könnte alles so einfach sein – ist es aber nicht“: So besingen die Fantastischen Vier die Grenzen, an die wir in unserem Suchen und Streben immer wieder stoßen. Auch das friedliche Zusammenleben könnte so einfach sein. Das zeigen die Gespräche, die wir von der KiZ in den letzten Wochen führten. Frieden ist so wertvoll für ein gelingendes Leben, und oft braucht es nur kleine Schritte und Taten, um ihn zu sichern oder wiederherzustellen. Das gilt für den Streit unter Kindern und Jugendlichen ebenso wie unter den Erwachsenen. Wie wichtig es ist, auch im Kleinen den Frieden zu pflegen, zeigt unser Blick über den Tellerrand.  thh

Inge Kleutgens, Theaterpädagogin, lebte 17 Jahre in Kolumbien und hat dort mit Opfern der Gewalt durch Armee, Paramilitär und Guerilla-Gruppen gearbeitet.

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Nach einem medizinischen Eingriff, der sie emotional beschäftigt habe, habe sie begonnen, „Frieden nicht nur als Produkt, sondern als Weg, als Prozess zu begreifen, ähnlich dem einer kollektiven Theaterstückentwicklung, wie wir ihn wiederholt in Kolumbien gestaltet haben“.  Ausgehend von einem spannungsgeladenen Konflikt aus dem Erfahrungsfeld der Teilnehmer, wird dieser durch die ästhetische Bearbeitung verändert und in neue Zusammenhänge gestellt: „Der Transformationsprozess löst Blockaden und macht die Spieler handlungsfähig auch über das Spiel hinaus. Wir verstehen unsere Theaterarbeit als Teilhabe an gesellschaftlichen Veränderungsprozessen hin zu mehr sozialer Gerechtigkeit – eine unabdingbare Voraussetzung für ein friedvolles Miteinander.“ „Die Erfahrungen in Kolumbien und die Arbeit mit den Leidtragenden des gewaltsamen Konfliktes haben mich gelehrt, genau hinzusehen und dass die Suche nach der Wahrheit unmittelbar verbunden ist mit dem Begriff Versöhnung.“ Solange das Tun der Verantwortlichen und das von ihnen begangene immense Unrecht – Mord, Landraub, gewaltsames Verschwinden sowie systematische Menschenrechtsverletzungen – nicht geahndet würden, gebe es keine Versöhnung.  „Solange der Mehrheit der Menschen in Kolumbien weiterhin der gerechte Zugang zu den Ressourcen des Landes vorenthalten wird, gibt es keine Entspannung, keine Ruhe, keinen Frieden. Schlimmer; sie sind nicht nur den ver-heerenden Folgen einer globalen, ausgrenzenden Plünderungspolitik ausgesetzt, sondern auch den brutalen Begleit- erscheinungen: einem Unterdrückungs- apparat, der notwendig ist, um den Machtanspruch einiger weniger auf die-ser Welt abzusichern und durchzusetzen.“

Amir J. ist mit seinen Kindern aus dem Iran geflüchtet, weil er dort als Christ massiv bedroht wurde. Seit zehn Monaten lebt er in Herzogenrath im Kirchenasyl.

Friede, das bedeutet für ihn Sicherheit, vor allem für seine Kinder. Beides sei schwer zu bekommen, wenn man wie er in seiner Heimat immer unter dem Druck lebe, was, wie, wann und zu wem man etwas sagen dürfe. Selbst davor, Menschen über ihre Kinder auszuspionieren, schrecke das Regime nicht zurück. Das alles mache viele seiner Landsleute krank. „Wenn meine Kinder in Frieden leben können, dann bedeutet das auch meinen inneren Frieden.“ Früher hätten die Religionen im Iran friedlich zusammengelebt, bevor die jetzige Staatsführung an die Macht gekommen sei. „Dieser Zusammenhalt ist jetzt gestört. Ich hatte ein gutes Leben im Iran und auch genug Geld, aber auch jeden Tag Angst, besonders um die Kinder.“  Ein erstes Stück Frieden für seine Familie hat er in Deutschland und durch die Menschen, die ihn in Herzogenrath begleiten und betreuen, gefunden, aber es sei noch vieles offen und ungeklärt. „Die erste Zeit war sehr schwer, die Kultur unbekannt, und die Schwierigkeiten haben mich verzweifeln lassen. Doch da waren und sind Menschen, die uns unterstützen, ein Fremder, der uns sechs Monate aufgenommen hat, die Menschen hier in der Gemeinde, die uns das Gefühl geben, für uns da zu sein. Sie haben einen hohen Anteil daran, uns hier in Frieden zu fühlen.“ Was ihm auch helfe, sei sein Glaube, der ihm Kraft gebe und seinen Kampfgeist gestärkt habe. „Glaube gibt einem viel Positives, Hoffnung und hilft erkennen, worin Sinn liegt. Er hilft einem, all das auszuhalten.“ Die Sehnsucht, Frieden zu finden, hat für ihn einen hohen Preis, den er aber gern bezahlt – für seine Kinder.   ath

Ursula Theissen ist Kindererzieherin mit 27 Jahren Berufserfahrung, seit drei Jahren Verbundleitung der Kindertagesstätten der Pfarrei St. Peter und Paul Eschweiler.

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„Wenn Kinder von klein auf lernen, eine eigene Meinung haben zu dürfen, und sich wertgeschätzt fühlen, ist das eine gute Basis, um friedlich zu leben. Sie lernen vom Vorbild. Wie wir, aber auch ihre Eltern miteinander umgehen, wie wir Konflikte lösen, prägt sie.“ Die meisten Kinder hätten viel Empathie füreinander, trösteten sich gegenseitig oder teilten ihr Frühstück. „Aber es wird sich auch gestritten. Dann profitieren die Kinder von der Ruhe, die die Erzieherin ausstrahlt.“ Ihre Frage sei nicht „Warum machst du das?“, sondern „Kann ich helfen?“ und „Was brauchst du oder der andere jetzt?“. „Ich bin immer wieder erstaunt, welche tollen Ideen Kinder haben, was es braucht, damit es gut weitergehen kann.“ Lösungen müssten gemeinsam erarbeitet werden, bei Großen wie Kleinen. „Niemand ist perfekt. Friedliche Menschen sagen auch nicht zu allem Ja und Amen. Ich kann kein friedlicher Mensch sein, wenn ich dauernd zurückstecken muss. Wichtig ist, Strategien zu entwickeln, wie sich Konfliktsituationen auflösen lassen, und nicht andere verantwortlich zu machen.“  Friedliches Miteinander hat für sie mit Toleranz und Wertschätzung zu tun, zum Beispiel kein Kind auszulachen, weil es bestimmte Dinge noch nicht so gut kann. Aber auch Frieden zu stiften, sich einzumischen, wenn jemand Unrecht geschieht, und mit sich selbst im Frieden zu sein. „Wir haben einen Querschnitt durch alle Schichten in unserer Kindertagesstätte: Eltern, die aus einfachen Verhältnissen sind, aber sehr liebevoll miteinander umgehen. Eltern, die Geld haben, aber sehr autoritär sind. Wichtig ist die eigene Zufriedenheit, gerade auch jetzt zu Weihnachten, nicht, wer ich bin und was ich habe.“ ath

Gehrt Hartjen ist Mathematiker aus Aachen und engagiert sich vielfältig im interreligiösen Dialog als Sprecher von „Religions for peace“.

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Alle Religionen wünschen sich Frieden, bei einigen drückt sich dies bereits bei den Grußformeln aus, etwa im hebräischen „Shalom“ oder im arabischen „Salam aleikum“. Doch was bedeutet Frieden? Wenn wir Frieden nicht nur als Ersatz eines Konfliktes deuten, bedeutet das: nicht nur die Feindseligkeiten hören auf, sondern der „Feind“ wird zu meinem Mitgeschöpf, zum Partner eines Aufbaus im gerechten Frieden. Diese Vorstellung finden wir ganz zentral im Judentum. In der indischen Tradition wird Frieden als ein aktiver Weg verstanden. Wenn wir weiterfragen, was zu einem gerechten Frieden gehört, kommen wir auf die Punkte Klima- und Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern. Blicken wir auf die indigenen Religionen, finden wir dort als Vorstellung, dass Frieden das Vermeiden von Leiden bedeutet. Die Mohawk definieren Frieden als das Gesetz menschlichen Lebens, wenn zwischen allen Gerechtigkeit herrscht.  Welche Rolle können Religionsgemeinschaften auf diesem Weg spielen? Zunächst müssen sie überlegen, ob sie Teil des Problems oder Teil der Lösung sein wollen. In Aachen bietet der Dialog der Religionen eine gute Basis. Interreligiöser Dialog bedeutet Arbeit. Wenn Menschen zusammenkommen, bringt jeder seine Vorurteile mit. Bei den interreligiösen Gesprächsabenden stellen sich dann oft Aha-Erlebnisse ein, wenn wir über verschiedene Texte diskutieren. Frieden hängt davon ab, wie wir miteinander umgehen. Das partnerschaftliche Miteinander ist oft in Gefahr durch Machtstreben und Missbrauch der Religionen. Diese Rückschritte zerstören nicht das gesamte Potenzial, aber sie schaffen Wunden, die geheilt werden müssen. Das ist ein längerer Prozess.  ka

Efstathios Savvidis schlichtet als Schiedsperson Streitigkeiten in Aachen.

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Die Hecke wuchert über den Zaun, Briefe werden von Unbefugten einfach aufgemacht oder ein Streit endet mit einer saftigen Beleidigung oder einem blauen Auge. Wenn Streitigkeiten derart eskalieren, hilft oft nur eine dritte Partei, den Streit zu schlichten. Eine solche dritte Partei ist Efstathios Savvidis. Er ist seit knapp vier Jahren Schiedsperson für die Stadt Aachen im Bezirk Aachen-Süd. Die ehrenamtliche Tätigkeit wird von der Kommune ausgeschrieben, fachlich sind die Schiedspersonen dem Amtsgericht unterstellt. „Ich bin von Haus aus Arzt, Orthopäde, und habe viel mit Menschen zu tun“, sagt Savvidis. „Das Kommunizieren mit Menschen macht mir Freude, nicht nur medizinisch, sondern auch in Schlichtungsfragen.“ Bevor er Schiedsperson wurde, war er auch als Schöffe tätig.  Das Schiedsamt ist eine preußische Erfindung. Ursprünglich war sie so gedacht, dass einfache Streitigkeiten nicht vor Gericht gebracht werden. Die Schlichtung sollte möglichst schnell und kostenarm Klarheit in einfachen Streitsachen bringen. Schiedspersonen sind keine Juristen, sie sprechen auch kein Recht. Savvidis beschreibt seine Aufgabe so: „Die Streitenden müssen zu einer Lösung kommen, die Schiedsperson kann Vorschläge machen und versuchen, einen Mittelweg zu finden.“ Die Lösung, die bei einer Schlichtung gefunden wird, ist immer einvernehmlich. Rund die Hälfte der Streitfälle einigt sich bei einer Schlichtung, von der anderen Hälfte endet ein kleiner Teil der Fälle doch vor Gericht. Efstathios Savvidis möchte Menschen dazu ermutigen, die Möglichkeit einer Schlichtung wahrzunehmen: „Sie hat den Vorteil, dass die Parteien ohne Gesichtsverlust als Gewinner aus der Schlichtung herausgehen und sich noch in die Augen schauen können. Bei einem Gerichtsverfahren gibt es immer Gewinner und Verlierer.“ Und auf Augenhöhe lässt sich auch leichter der Friede wahren. ka

Josef Lüke, Diplom-Psychologe und psychologischer Therapeut, leitet seit 2012 die Katholische Beratungsstelle für Ehe-, Familien-, Lebens- und Glaubensfragen in Mönchengladbach.

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Weihnachten ist die Zeit, in der Harmonie und häuslicher Friede besonders hohen Stellenwert haben. Doch nicht immer ist es um den Frieden in der Familie gut bestellt. „Die Gewalt in Familien hat in den letzten Jahren zugenommen“, stellt Josef Lüke fest. Für Kinder ist Gewalt eine traumatische Bedrohung, selbst dann, wenn sie nicht Ziel dieser Gewalt sind. Deshalb ist der häusliche Friede nicht nur für Paare ein wichtiges Thema, sondern auch eine wichtige Grundlage für die Entwicklung der Kinder. Aber auch außerhalb der Kernfamilie wirken Konflikte. Ob generationenübergreifende Auseinandersetzungen, bei denen Kinder sogar den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen, oder die Trennung eines Paares: Der Streit ist auch für das Umfeld belastend. Wenn Kinder nicht mehr mit ihren Eltern reden, sind auch Geschwister und andere Verwandte betroffen. Trennen sich Paare, trennen sich auch Freundeskreise.  Schon vor den Feiertagen sollte man sich deshalb fragen: „Was kann ich im Vorfeld tun, um diese Konflikte gering zu halten?“ – „Die meisten Konflikte kennt man ja schon“, sagt Lüke. Die Feiertage sind in vielen Bereichen inzwischen zu einem Stressfaktor geworden: Es soll ein besonderes Essen geben, Geschenke müssen besorgt werden, die Wohnung geschmückt und die Verwandten besucht werden. Alles zusätzlich zum Alltag mit beruflichen, schulischen und privaten Verpflichtungen. Die Erwartungen sind hoch, das Enttäuschungspotenzial ebenso. In dieser Situation steckt viel Konfliktpotenzial, weil die Bedürfnisse des einzelnen zu kurz kommen. „Man sollte vorher schauen, welche Wünsche und Bedürfnisse in der Familie bestehen und ob sie umsetzbar sind“, rät Lüke. Damit auch wirklich jeder zu seinem Recht kommt, um schöne Feiertage zu verbringen, sollten alle Wünsche genannt werden – auch die der Kinder. „Wer das berücksichtigt, riskiert, bestimmte Dinge zu verändern.“ Zum Beispiel den obligatorischen Besuch bei der Oma. Das birgt neuen Konfliktstoff. Um den häuslichen Frieden zu wahren, rät der psychologische Berater dazu, Kompromisse zu finden, die für alle akzeptabel sind. „Wenn man nicht zur Oma fahren möchte, kann man ihr anbieten, zur Familie zu kommen“, nennt Lüke ein Beispiel. „Oder den ersten oder zweiten Feiertag mit ihr zu verbringen.“ gam

Yasemin Sener ist im Kinderdorf Bethanien in Schwalmtal aufgewachsen. Die Auszubildende hat zu ihrer Kinderdorf-Mutter eine enge Beziehung und wird Weihnachten in der Familie feiern.

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Wo sie Weihnachten feiern wird, weiß Yasemin Sener ganz genau: Sie wird mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern feiern. Die Frau, die die 21-Jährige „meine Mutter“ nennt, ist nicht ihre leibliche Mutter, und die Geschwister sind mit ihr nicht biologisch verwandt. Yasemin Seners Familie wohnt im Kinderdorf Bethanien in Schwalmtal. Als Siebenjährige ist sie in die Familie gekommen. 14 Jahre hat sie dort gelebt, heute hat sie eine eigene Wohnung in der Nachbarschaft des Kinderdorfes. Regelmäßig besucht sie ihre Familie. „Ich hatte Glück, dass ich in meiner Familie direkt meinen Frieden gefunden habe“, sagt die 21-Jährige heute.  Ihre ersten Erinnerungen in der Kinderdorf-Familie: Sie isst mit ihrer Schwester Pommes frites mit Hähnchen und spielt. Nur manchmal sei es für sie schwierig gewesen, wenn Kinder in der Schule ihr gesagt hätten, dass sie gar kein richtiges Zuhause habe. Sie wachse ja nicht mit ihren leiblichen Eltern und Geschwistern auf. „Das hat schon weh getan“, erinnert sie sich heute. „Aber meine Mutter hat mir dann erklärt, wie ich mit den Kindern umgehen und was ich antworten soll.“ Yasemin hat acht leibliche Geschwister, sie ist die jüngste. Eine Schwester und zwei ihrer Brüder sind ebenfalls im Kinderdorf aufgewachsen – die Brüder in einer anderen Familie. „Meiner Schwester ist es nicht so leicht gefallen, damit ihren Frieden zu finden“, erzählt die junge Frau. Sie selbst hat sich, bis auf eine kurze rebellische Phase als Teenager, sofort mit der Situation abgefunden und das Beste daraus gemacht. Später hat sie anderen Kindern geholfen, sich einzuleben. „Ich kann mich daran erinnern, dass ich mal bei einem neu angekommenen Kind geschlafen habe, damit es nicht alleine ist“, erinnert sie sich. Immer, wenn ein Kind neu in die Familie kam, hätten sie und die anderen Kinder und Jugendlichen ein Willkommensbild gemalt. Ein wichtiges Ritual, meint sie. „Weil ich immer die Unterstützung meiner Mutter und der Erzieher hatte, bin ich geworden wie ich heute bin“, sagt die 21-Jährige. Eine fröhliche, junge Frau. Sie hat ihr  Fachabitur in der Tasche und macht nun eine Ausbildung zur zahnmedizinischen Fachangestellten. Im Februar steht die Zwischenprüfung an, 2021 wird sie die Abschlussprüfung ablegen. Ihren Führerschein hat sie innerhalb von zwei Monaten bekommen. Das alles gehe nur, weil sie wisse, ihre Familie sei für sie da, sagt Yasemin Sener. Sie bleibt Teil des Kinderdorfes. „Ich finde es generell schön, in meiner Familie zu sein“, sagt sie. Dazu gehören auch die Kinder, die neu dazu kommen, wenn die Älteren flügge werden. Yasemin, die „neue“ große Schwester, ist für sie da.  gam

Konstantin Hauke engagiert sich an der Bischöflichen Marienschule Mönchengladbach seit Sommer als Klassenpate für Fünftklässler.

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Seit fast einem halben Jahr ist Konstantin Hauke zusammen mit fünf Mitschülerinnen Pate der Klasse 5b. In den knapp fünf Monaten hat er eines gelernt: Der Friede wird schon im Kleinen gewahrt. „Man muss schon kleinste Konflikte lösen, sonst werden sie irgendwann sehr groß“, ist seine Erfahrung. In der Arbeit mit den jüngeren Schülern muss er helfen, so manchen Streit zu schlichten, um den Frieden in der Klasse wieder herzustellen. Schon eine lästerliche Bemerkung im Sport über ein anderes Kind kann zu Unfrieden führen – oder, noch schlimmer, irgendwann zu Mobbing werden.  Konstantin musste sich einmal um so einen Fall kümmern. Er hat mit den Sprücheklopfern gesprochen, das Problem hat sich gelöst. Um einen Streit zu schlichten, hört sich der 15-Jährige beide Seiten an. Autoritär tritt er dabei nicht auf. „Ich bin eher in der Rolle des größeren Bruders“, sagt er über sein Verhältnis zu den kleineren Schülern. Andererseits muss er so auftreten, dass ihn die Schüler ernst nehmen und bei Bedarf auch auf ihn hören. Dass er und drei weitere Patinnen die Klasse bei einem Ausflug in einen Freizeitpark begleitet haben, hat das Verhältnis nochmals verbessert. „Da wurden so viele Probleme angesprochen, die die Kinder bewegen“, sagt er. „Man konnte richtig viel mitnehmen.“ Positiver Nebeneffekt: Die Vertrauensbasis zwischen den jüngeren Schülern und den Paten ist gestärkt worden – die Grundlage, um bei Bedarf Frieden zu stiften. „Wir Paten haben das Ziel, dass die Klasse zu einem Team wird“, benennt Konstantin die Rolle des Paten-Teams.  Auf ihre Aufgabe sind er und seine Paten-Kolleginnen Ariane Meer, Mara Schiller, Lea Dreßen, Fides Heppner und Nina Maretz in einem zweitägigen Seminar vorbereitet worden. Dort haben sie gelernt, wie man mit Konflikten umgeht und wie man den Fünftklässlern helfen kann, als Klasse zusammenzuwachsen. Jede zweite Woche besucht das Paten-Team seine „Patenkinder“. Dann wird über mögliche Probleme geredet, es werden aber auch zusammen Kooperationsspiele gespielt. „Die Kinder müssen dabei zusammenarbeiten, lernen sich gegenseitig kennen und können das Vertrauen zueinander stärken“, erklärt Konstantin.  Eine wichtige Voraussetzung für den Klassenfrieden. Wer sich vertraut, geht offener miteinander um und hilft sich gegenseitig. Noch sind die Konflikte der jüngeren Schüler aus der Perspektive des Teenagers relativ klein: „Bei den Kleinen geht es oft darum, dass jemand einen Stift weggenommen hat oder jemand zu laut ist“, sagt er. „Aber im Großen und Ganzen ist es in der 5. Klasse noch ruhig. Alle lernen sich erst kennen und orientieren sich an der neuen Schule.“ In der  7. Klasse sei das Potenzial für Konflikte am größten. Zumal die Schüler in die Pubertät kommen. „Manche Schüler sind noch sehr kindlich, andere schon erwachsener“, sagt Konstantin. Dann aber werden die Klassenpaten nicht mehr bereit stehen, um die Streitigkeiten zu schlichten. „Die Patenschaft besteht nur während der 5. und 6. Klasse, danach sollten die Schüler in der Lage sein, viele Konflikte auch selbst zu lösen.“ gam